Altenpflege im Fokus

Aus der weiten Welt nach Deutschland: Pflege-Azubis aus China

Die Altenpflege gehört zu den großen Themen der Gesundheitsbranche und wird auch in Zukunft immer wichtiger werden. In Deutschland steigt die Zahl der Pflegebedürftigen kontinuierlich und hat sich von 2011 bis 2021 annähernd verdoppelt, auf nun etwa 5 Millionen. Wir haben mit zwei Pflege-Azubis aus China über ihre Erfahrungen mit der Altenpflege-Ausbildung in Deutschland gesprochen.

 

(ps) China ist ein großes Land: 1,4 Milliarden Einwohner*innen auf gut 9,5 Millionen Quadratkilometern – das ist ca. 3.721 mal das Saarland. Nach Angaben des chinesischen Statistikamtes sind knapp 270 Millionen Menschen über 60 Jahre alt, das ist etwa jede*r Fünfte. In Deutschland liegt die Quote noch höher, hier ist mehr als jede*r Vierte 60 Jahre oder älter, und der Anteil der über 80-Jährigen liegt bei über sieben Prozent der Bevölkerung. Das ist tatsächlich ein Rekordwert, nachdem die Zahl lange bei etwa fünf Prozent lag – und beispielsweise 1970 noch bei unter zwei Prozent. Diese Zahlen bedeuten mehr Bedarf an Pflegepersonal, immer öfter hört man daher aus der Pflegebranche und der Politik die Rufe nach ausländischen Pflegefachkräften.

In der Altenpflege ist der Anteil ausländischer Arbeitskräfte im Vergleich mit anderen Pflegeberufen bereits relativ hoch: 2020 lag der Wert bei 15 Prozent – ein Anstieg von sieben Prozent binnen fünf Jahren. Im Durchschnitt aller Pflegeberufe lag der Wert bei elf Prozent, beispielsweise in der Krankenpflege lediglich bei neun Prozent (2015: fünf Prozent). 

Lange war die Altenpflege in Deutschland eine eigenständige Ausbildung. Mit der Pflegereform unter Bundesgesundheitsminister Spahn wurden die Ausbildungsinhalte ab 2020 in die Ausbildung zur Pflegefachkraft überführt. Darin gibt es unter anderem den Schwerpunkt „Altenpflege“. Am einfachsten ist es, wenn man die Ausbildung direkt bei einer Altenpflegeeinrichtung absolviert, aber natürlich bieten auch andere Arbeitgeber wie Krankenhäuser sehr gute Möglichkeiten.

Zu den ausländischen Pflegekräften zählen auch Xiaorui und Yiming aus China, die dafür fast 8.000 Kilometer zurückgelegt haben. Xiaorui macht eine Pflegeausbildung im Krankenhaus mit Praktikumszeit im Altenheim, Yiming hat vor einigen Monaten noch die nun ausgelaufene Altenpflegeausbildung abgeschlossen. Wir haben beide zu ihren Erfahrungen in der Altenpflege in Deutschland befragt, nach ihren Zukunftsplänen und nach Tipps für Einsteiger*innen.  

Gründe für die Ausbildung in Deutschland

Für Xiaorui ist Deutschland schon lange ein Traum – sie hat bereits in China Deutsch studiert und hatte großes Interesse daran, in Deutschland zu leben und zu arbeiten:

„Ich war immer wie besessen davon, eine Zeit lang in Deutschland zu leben. Da ich Deutsch studiert habe, möchte ich meine Sprachkenntnisse weiter verbessern und gleichzeitig ein anderes Land und ein anderes Leben kennenlernen.“

Yiming kannte Deutschland bereits, er war schon ein Jahr als Abiturient in Marburg:

„2010 bin ich durch einen Zufall durch den Kontakt mit der Shanghaier Zentrale einer deutschen Firma, wo mein Vater arbeitet, für ein Jahr als Abiturient nach Marburg gegangen. Ich habe mich damals schon in Deutschland verliebt und viele Freunde gefunden.“

Er machte dann, zurück in China, eine dreijährige Krankenpflege-Ausbildung. Ein zufälliges Gespräch mit einem Klassenkameraden habe die Idee aufkommen lassen, „ins Ausland zu gehen, um die ausländische Altenpflegebranche kennenzulernen. Das hat mich damals an Deutschland erinnert, sodass ich 2016 angefangen habe, Deutsch zu lernen. Ende 2018 bin ich dann über ein ehrenamtliches Projekt nach Dortmund gekommen, und ab 2019 konnte ich erfolgreich eine Berufsausbildung in Jena absolvieren.“

Gründe für die Altenpflege

Xiaorui, die noch mitten in ihrer Ausbildung steckt, sah in der Pflegeausbildung in Deutschland eine perfekte Möglichkeit für sich: „Aufgrund meiner Interessen, Stärken und finanziellen Situation halte ich die Ausbildung zur Pflegefachkraft für eine sehr gute Wahl.“ Xiaorui kann nun ihre Wünsche mit der Ausbildung zur Altenpflegerin in Deutschland verwirklichen. Die Arbeit sei zwar fordernd und leider auch nicht ohne Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft, gibt aber auch viel zurück:

„Was mir große Freude macht: Immer wenn ich neues Wissen lernen und gut beherrschen kann. Bei der Arbeit habe ich nette und geduldige Betreuer*innen. Wenn ich irgendeine Aufgabe selbstständig erledigt habe. Wenn ich das lächelnde Gesicht der Patient*innen sehe. Die Mitschüler*innen und Lehrer*innen sind sehr freundlich zu mir.“

Yiming hat seine Vorbilder in der Familie gefunden. Aus einer Arztfamilie kommend habe die Gesundheitsbranche für ihn nahegelegen. Und gerade in der Altenpflege sieht Yiming, in China und international, eine große Aufgabe der Zukunft. Zwar sei „die Altenpflegebranche in einem beispiellosen Wachstum begriffen“ – das reiche jedoch nicht: zu „wenige junge Menschen sind bereit, sich in der Altenpflege zu engagieren“, sagt uns Yiming. Daher wolle er sich besonders für diesen Bereich einsetzen.

Unterschiede zwischen Deutschland und China

Mit seiner deutsch-chinesischen Berufserfahrung kann uns Yiming spannende Einblicke auch in die Pflege in China geben:

„In China müssen die Schüler*innen in der Pflegeschule mehr Theorie lernen als die in Deutschland. Chinesische Schüler*innen sind eher bereit, Prüfungen zu absolvieren. Die Schule macht mit den Schüler*innen viel Prüfungstraining, während deutsche Krankenpflegeschulen mehr Wert auf praktische Anwendung, Ausarbeitung und den subjektiven Ausdruck legen. Es werden viele Präsentationen während der Berufsausbildung gegeben.“

Auch die Belastung der Arbeitskräfte unterscheide sich in Deutschland und China:

„Die Arbeitsintensität und der Arbeitsdruck einer chinesischen Pflegekraft sind höher als die einer deutschen Pflegekraft. So gab es etwa während meines Praktikums in dem Krankenhaus in Peking mehr als 100 Patienten, für die wir zu sechst in der Frühschicht neue Infusionen anschließen müssen. Es dauerte mehr als eine Stunde, um eine Runde abzuschließen. Die Pflegekräfte gehen jeden Tag weit über 15 km zu Fuß.“

Anders als in Deutschland müsse man in China Geld an das Krankenhaus zahlen, bei dem man als Azubi arbeitet – hier bekommt man Geld dafür:

„Was mir gefällt: Während der Ausbildung kann man schon Geld verdienen, womit grundsätzlich die monatlichen Ausgaben gedeckt werden können – außer in Großstädten, weil die Miete in Großstädten sehr teuer ist. Somit besteht keine Notwendigkeit für die Familie, zusätzliche finanzielle Hilfe bereitzustellen, und die Familie wird so schnell wie möglich entlastet.“

Allerdings sieht er auch Vorteile bei der chinesischen Ausbildung: beispielsweise sei der Praxisteil dort am Stück im letzten Ausbildungsjahr. Das habe zunächst den ganz praktischen Vorzug, dass man sich erst eine Wohnung nahe der Schule, dann eine Wohnung nahe der Arbeit suchen könne und so lange Arbeitswege spare. Weiterhin würde man mit mehr Wissen in den Praxisteil einsteigen und könne dadurch schneller verantwortungsvollere Tätigkeiten übernehmen, als in Deutschland. 

Zukunftspläne

Xiaorui ist noch ganz mit der Ausbildung beschäftigt und weiß daher noch nicht sicher, welche Schritte sie danach gehen wird. Für sie ist derzeit wichtig, die Ausbildung erfolgreich zu absolvieren und „glücklich leben“ zu können. Yiming, der seine Ausbildung schon abgeschlossen hat, ist nun von Jena nach Berlin gewechselt. Dort, so erzählt er uns, lernt er immer noch viel dazu, und auch privat engagiert sich Yiming weiter für seinen Erfolg: „Jetzt mache ich jeden Tag nach Feierabend eine Stunde Sport und lerne (Deutsch, Fachkunde und Wirtschaftsmanagement) für drei bis sechs Stunden.“ Aus gutem Grund, denn Yiming will noch einiges erreichen: „Ich plane, in zwei Jahren [gesetzlich sind diese Jahre hierfür Voraussetzung, Anm. d. Red.] eine Pflegedienstleitungs-Ausbildung (PDL) zu machen.“ Sein Arbeitgeber habe ihm bereits signalisiert, ihn gerne fördern zu wollen – und das motiviert:

„Wenn ich die Möglichkeit hätte, wäre ich froh, in eine leitende Position aufzusteigen, damit ich mich einerseits erfüllter fühle und andererseits viel Managementerfahrung sammeln kann. Wenn mein Arbeitgeber Interesse hätte, in Zukunft eine Niederlassung in China zu eröffnen, könnte ich meine Managementerfahrung einbringen, um der Gruppe bei der Erschließung des chinesischen Marktes zu helfen.“

Tipps für Anfänger*innen

Zum Abschluss haben wir Xiaorui und Yiming gefragt, was sie gerne gewusst hätten, als sie angefangen haben, und welche Tipps sie Anfänger*innen geben würden. Beide nennen im Interview die Sprache als wichtigsten Schlüssel. Obwohl Yiming Deutsch gelernt hatte und vorher bereits in Deutschland war, berichtet er: „Nach der Ankunft habe ich sofort festgestellt, dass ich nichts über die Sprache wusste. […] Ich musste jedes Wort im Wörterbuch nachschlagen, vor allem die vielen Fachbegriffe. Die Kommunikation mit Mitschüler*innen und Lehrer*innen ist ebenfalls zu einer großen Herausforderung geworden. Daher denke ich, dass die Sprache die wichtigste Voraussetzung für alle ist, die für eine Berufsausbildung nach Deutschland kommen wollen.“ 

Eine fremde Kultur, eine fremde Sprache, viele Fachbegriffe, andere Arbeitsweisen – die Herausforderungen für internationale Auszubildende sind zahlreich. Xiaorui betont daher: 

„Achte gut auf deinen Körper, ernähre dich gut und treibe Sport, pflege deine Kontakte zu Familie und Freunden. Du bist das Wichtigste! Lass dir nicht Unrecht tun, und äußere deine Meinung. Frage einfach, wenn du etwas nicht verstehst, aber tu nicht, als ob du alles verstanden hättest.“
 

 

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