Wissenschaft und Politik

Wir stehen viel zu früh auf

Schlafforschung: Schule fängt zu früh an

Die Schlafforschung bestätigt, was Schüler*innen schon immer wussten: Die Schule fängt viel zu früh an. Es ist eines dieser Themen, bei denen seit Jahren, seit Jahrzehnten bekannt ist, dass die gängige Praxis anscheinend falsch ist – aber nichts unternommen wird. So darf man davon ausgehen, dass noch zahlreiche Generationen viel zu früh und entgegen ihrer inneren Uhr aus dem Bett gezwungen werden. Dabei hat das sogar direkten Einfluss auf die Noten.

 

(ps) Man war noch im vergangenen Jahrtausend und schrieb das Jahr 1998, als aus den USA vermeldet wurden, dass "immer mehr amerikanische Schulen den morgendlichen Schulbeginn" für Jugendliche später beginnen lassen. Und das lag, man mag es in Zeiten von Aluhüten & Co. kaum glauben, an einer wissenschaftlichen Studie der Ivy-League-Universität Brown. Hier wurde festgestellt, dass Jugendliche einen anderen Schlafrhythmus haben als Kinder und Erwachsene. Sie hätten "das Verlangen, abends später ins Bett zu gehen und morgens länger zu schlafen", wie die "Welt" berichtete. Die schon damals renommierte Schlafforscherin Mary Carskadon betont: "Das ist keine Rebellion gegen die von Eltern bestimmten Schlafenszeiten. Wir haben es hier mit einer biologischen Tatsache zu tun." Reaktionen darauf in Deutschland: keine.


Die Studienlage ist eindeutig

2002 haben dann Neurolog*innen der Northwestern University unter Kathryn Reid festgestellt, dass Jugendliche durch den frühen Schulbeginn unter chronischem Schlafmangel leiden, der Ursache vieler Probleme bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten sein kann. Auch hier wird auf die positiven Effekte eines späteren Schulbeginns hingewiesen. Und die Erkenntnisse kommen Schlag auf Schlag: 2007 berichtet der "Spiegel", dass Schlafforscher*innen "den frühen Schulbeginn für eine sinnlose Tortur" halten, 2008 fordert Professor Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Uni Regensburg, dass die Schule erst um 9 Uhr beginnen sollte, 2009 stimmen Berliner Schüler*innen für einen späteren Schulbeginn ab.

Im Jahre 2010 kommt wiederum eine US-Studie zu dem Ergebnis, dass ein späterer Schulbeginn sich nicht nur positiv auf Aufmerksamkeit und Stimmung auswirke, sondern sogar auf die Gesundheit. 2011 konstatiert Till Roenneberg, Professor an der LMU zu München, gegenüber der "Frankfurter Rundschau": "Jugendliche vor 9 oder 9.30 Uhr zu unterrichten, ist ziemlich kontraproduktiv." 2012 sieht die "Deutsche Azubi-Gesundheitsstudie" ebenfalls ein "permanentes Schlafdefizit" durch den zu frühen Schulbeginn und Co-Autor Manfred Benz benennt einige Folgen: "Knapp zwei Drittel der Jugendlichen fühlen sich tagsüber nicht ausgeruht und leistungsfähig. Sie leiden zudem verstärkt an gesundheitlichen Problemen wie psychischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und fehlen häufiger (...) in der Schule."


Schlafgenetik beeinflusst schulische Leistung

Man kann es ahnen: Die Auflistung ließe sich bis zum heutigen Tage fortsetzen. Jedoch beginnen sich die Erkenntnisse zu wiederholen – was lediglich zeigt, dass sie stimmen. Und in der Tat hat erst vor wenigen Tagen "Spektrum.de" ein Interview zum Thema mit Achim Kramer, Professor für Chronobiologie an der Charité zu Berlin, und Thomas Kantermann, Professor für Gesundheitspsychologie an der FOM zu Essen, veröffentlicht. 

Hierin verweisen sie zunächst auf die verschiedenen Chronotypen, also vom/von der Frühaufsteher*in bis zur Nachteule, die genetisch festgeschrieben sind. So gibt es dadurch auch jugendliche Frühaufsteher*innen, allgemein aber hätten Jugendliche "biologisch bedingt einen relativ späten Chronotyp, am ausgeprägtesten mit 16 bis 20 Jahren", so Kramer. Wie auch Carskadon betonte, geht es hier also um "biologische Tatsachen", die den Jugendlichen widerfahren und nicht um faule oder verwöhnte Jugendliche, die sich nicht um ihren Schlafrhythmus scheren. 

Besondere Brisanz bekommt diese Erkenntnis, wenn man bedenkt, dass sich dies auch ganz konkret auf die schulischen Leistungen, die Noten der Schüler*innen, niederschlägt. Thomas Kantermann konnte in einer Studie nachweisen, dass die Leistungen bei Klassenarbeiten mit dem Zeitpunkt der Arbeit und dem jeweiligen Chronotyp zusammenhängen: "Ob jemand ein Spät- oder ein Frühtyp ist, macht bei Prüfungen am Morgen bis zu eine Note Unterschied", so Kantermann. 

Das kann insbesondere für notentechnisch "schlechtere" bis "durchschnittliche" Schüler*innen Konsequenzen nicht nur für die Schullaufbahn, sondern für die ganze spätere Karriere haben. Kramer ergänzt pointiert: "Das bedeutet: Wenn eine Klassenarbeit in der ersten Stunde geschrieben wird, entscheidet die Genetik der inneren Uhr, wer besser oder schlechter abschneidet." Ist dann z.B. das "Wackel-Fach" im Abschlussschuljahr in der ersten Stunde, kann auch schnell mal der Abschluss futsch sein – letztlich wegen des Stundenplans. Es braucht einen Schlachtruf für temporale Chancengleichheit, scheint es. 


Schulbeginn altersabhängig gestalten

Kantermann ruft mit einem Beispiel in Erinnerung, was manche Erwachsene über ihre Jugend vergessen haben: Anders als jüngere Kinder "fühlen sich 16-Jährige morgens um 8 wie 45-Jährige nachts um 4 oder 5 Uhr." Und er fügt hinzu: "Das würde kaum ein Lehrer mitmachen." Achim Kramer schlägt daher vor, den Unterrichtsbeginn altersabhängig zu gestalten. Während für jüngere Kinder der Unterrichtsbeginn angemessen sei, sollte ab Klasse 7 die Schule erst um 9 Uhr beginnen, ab Klasse 9 "ungefähr um 10 Uhr." Sofern dies nicht möglich ist, sollten wenigstens Klassenarbeiten nicht vor 10 Uhr angesetzt werden. Mit diesen Forderungen betreten Kramer und Kantermann durchaus kein Neuland. Es handelt sich vielmehr um den Konsens der Schlafforschung. 

Dies zeigt sich schließlich auch in einem überraschenden Nebeneffekt der Corona-Pandemie: Eine Forschungsgruppe der Uni Zürich hat Schulschließungen und Homeschooling genutzt, um einen Blick auf Wohlbefinden und Schlafverhalten der Schüler*innen zu werfen. Im Vergleich mit Schlafdaten von 2017 stellten die Forscher*innen fest, dass die Jugendlichen im Schnitt lediglich 15 Minuten später ins Bett gingen, aber 90 Minuten länger schliefen – ein Befund, der sich mit dem Schlafdefizit und der verschobenen inneren Uhr bei Jugendlichen exakt deckt. Auch gaben die Jugendlichen im Lockdown an, sich besser konzentrieren zu können und sich gesünder zu fühlen. Chronobiologin Eva Winnebeck von der TU München kommentiert gegenüber "Heise online" die Studie so: "Das ist an sich ein alter Hut." Es bleibt abzuwarten, wann dieser alte Hut dann als Neuland in die Schulwirklichkeit Einzug hält.


Quellen:

https://www.spektrum.de/news/fuer-den-spaeten-chronotyp-ist-um-9-uhr-morgens-noch-tiefe-nacht/1972093  

https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0748730414564786 

https://www.fr.de/wissen/morgenstund-ungesund-11423531.html 

https://www.t-online.de/gesundheit/kindergesundheit/id_60337322/jugendliche-schlafen-viel-zu-wenig.html 

https://www.welt.de/welt_print/article1681622/Die-Schule-sollte-erst-um-9-Uhr-beginnen.html 

https://www.welt.de/print-welt/article621694/Teenager-sind-von-Natur-aus-Langschlaefer.html 

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/zwangs-fruehstart-fuer-schueler-mehr-schlaf-wagen-a-505174.html 

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/muede-im-unterricht-berliner-schueler-wollen-laenger-schlafen-a-615176.html 

https://www.sueddeutsche.de/karriere/spaeter-schulbeginn-langschlaefer-lernen-besser-1.970390 

https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/forscher-empfehlen-lasst-jugendliche-am-wochenende-schlafen/ 

https://www.heise.de/hintergrund/Endlich-ausschlafen-Wie-gut-sich-Schulschliessungen-auf-Jugendliche-auswirkten-6326683.html 

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