Angeln als Schulfach
Mecklenburg-Vorpommern beschreitet neue Wege / Angelschein an der Schule

 

2018 war es so weit: der Lobbyverband der Angler in Mecklenburg-Vorpommern konnte an zwei Schulen Angeln als Unterrichtsfach an der Schule erproben. Ab dem neuen Schuljahr 2021/22 soll dieses Fach nun landesweit den Schüler*innen der 5. und 6. Klasse angeboten werden. Das vom Landwirtschaftsministerium getragene Projekt läuft zunächst bis 2024 und soll die "Umweltbildung" der Kinder erweitern und "fachliches Wissen auf dem Gebiet der Fischbiologie und der Gewässerökologie" sowie im "Naturschutz" vermitteln.

Auf die Frage der DLF-Reporterin, warum sie den Angelunterricht gut fände, antwortet Melina offen: "Weil man 'ne Auszeit hat und einfach mal entspannen kann." Bis sie dahin kam, stand allerdings noch viel Programm auf dem Stundenplan. Im theoretischen Teil des Unterrichts, oder der "Ausbildung", wie das Landwirtschaftsministerium schreibt, wird "Wissen aus Geographie, Gewässerkunde, Biologie, Ökologie und Mathematik" vermittelt, um etwa die Wassertiefe ausloten zu können oder Fließgeschwindigkeit und Bleigewichte an den Ködern in Einklang zu bringen. Daneben steht Gerätekunde auf dem Plan, vom Aufbau der Angel bis zum korrekten Abhaken des Fisches. Stets betreut vom Ausbilder geht es erst dann ans Ufer.

Kilian Neubert vom Landesanglerverband hat das Unterrichtsmaterial entworfen. Ihm ist auch wichtig, den Kindern einen Bezug zu Lebensmitteln zu vermitteln: "Uns ist es auf jeden Fall auch wichtig darauf hinzuweisen, dass, wenn man jetzt Fleisch essen möchte, war das mal ein Tier. Und so ist das Angeln einfach auch eine gute Möglichkeit, ein bisschen Demut zu vermitteln. Dass das ein Tier ist, das mal gelebt hat, und wenn ich Fleisch essen möchte, dann muss dafür auch ein Tier sterben. Das ist nicht ´ne Packung aufreißen und die Wurst rausholen, sondern das war halt wirklich mal ein Tier. Das kann man mit dem Angeln sehr gut vermitteln, und das wollen wir auch machen."

Trotz des betreuten und formal fachgerechten Umgangs mit den Fischen beim Angeln kommt schon beim Start des Pilotprojektes 2018 Kritik. Nachdem Fische lange als gefühlslose Automaten gesehen wurde, hat die Forschung der letzten Jahrzehnte zweifelsfrei belegt, dass auch Fische fühlende, also auch schmerzempfindsame Tiere mit teilweise sehr ausgeprägtem Sozialleben sind. Die Tierschutzorganisation PETA bringt diesen Punkt auf und weist mit dem Friedrich-Loeffler-Institut darauf hin, dass auch Fische "als sensible Lebewesen behandelt und geschützt werden sollten." Die Praxis des Angelns sei eine "Verharmlosung der Jagd auf Fische" und es werde erlernt, "Mitgefühl mit Fischen" und "Empathie zu unterdrücken".

"Angeln als Schulfach ist Erziehung zur Grausamkeit. Kinder sollten lernen dürfen, wie man anderen Lebewesen – egal ob Mensch oder Tier – mit Freundlichkeit und Respekt begegnet", spitzt Dr. Tanja Breining, Meeresbiologin und Fachreferentin für Fische und Meerestiere bei PETA, zu. Auch Fische, die ins Wasser zurückgesetzt werden, tragen Verletzungen davon. Christoph Witteck vom Landesanglerverband sieht das naturgemäß anders. Für ihn stehe der Umgang mit dem Tier im Mittelpunkt: "Denn wenn ich den Bezug zum Tier habe, wenn ich sehe, wo es lebt, dass ich es aus dem Lebensraum entnehmen muss, muss ich ein bisschen Demut aufweisen, um das Tier zu töten."

In den kommenden Jahren wird evaluiert werden, wie gut das Fach in der Breite angenommen wird und welche Ergebnisse es zeitigt. Schon heute muss sich das zuständige Landwirtschaftsministerium bemühen, die Interessen der Berufsfischerei mit jenen der wachsenden Zahl an Hobbyangler*innen mithilfe zahlreicher "Runder Tische" in Einklang zu bringen. Erst im Januar hat es einen sogenannten "shitstorm" der Hobbyangler gegen einen Berufsfischer gegeben, der sich über seinen erfolgreichen Fang an Boddenhechten freute. Als es zu Gewaltandrohungen gegen den Berufsfischer kam, sah sich selbst das Landwirtschaftsministerium zu einem Kommentar genötigt und versprach, die Bewirtschaftung der Hechtbestände wissenschaftlich untersuchen zu lassen.


Quellen:

https://www.regierung-mv.de/Landesregierung/lm/Aktuell/?id=170695&processor=processor.sa.pressemitteilung
https://www.regierung-mv.de/Landesregierung/lm/Aktuell/?id=167234&processor=processor.sa.pressemitteilung
https://www.peta.de/presse/angelunterricht-ist-erziehung-zur-grausamkeit-peta-kritisiert-geplante-kooperation/
https://www.deutschlandfunk.de/angeln-als-schulfach-ein-bisschen-demut-vermitteln.680.de.html?dram:article_id=449533
https://www.deutschlandfunkkultur.de/angeln-als-schulfach-in-mecklenburg-vorpommern-nichts-fuer.1001.de.html?dram:article_id=503122