„Das Oberste ist schön zurecht gemacht“
Inwieweit bedarf es des schönen Scheins? - oder: Was ist an der Kritik berechtigt?

(hrs) Die junge Frau und der junge Mann haben einen zu ihnen passenden Beruf gefunden. Sie machen ihre Aufgabe richtig gut. Warum kommen sie mit ihren Leistungen, mit ihren Produkten nur noch nicht wirklich erfolgreich an? Was fehlt ihnen, um reihenweise ihre Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden zu überzeugen?

Der Pädagoge Friedrich Fröbel (1782-1852) schrieb einst nieder, der Mensch solle sein Wesen „bewusst entwickeln, ausbilden und darstellen“. Vermutlich hatte er die drei Verben sehr bewusst aneinandergereiht. „Entwickeln“ - diese Tätigkeit ist auf ein berufliches Ziel ausgerichtet, das den Fähigkeiten, den Potenzialen der eigenen Person entspricht. In diesem Beruf möge jede Person sich gescheit „ausbilden“, es zu hervorragenden Ergebnissen bringen. Die dritte Anforderung lautet: „darstellen“.

In einschlägigen Publikationen zum Verkaufserfolg von Produkten heißt es heute: „Das Verpackungsdesign ist das A und O für den Erfolg eines Produkts.“ Der erste Blick des potenziellen Partners oder Kunden kümmert sich nicht um den Inhalt, die Aufmachung spricht ihn an - oder eben nicht.

Der Elsässer Franziskaner und Satiriker Thomas Murner (1475-1537) war nicht gut auf Kaufleute zu sprechen, die nur auf schönen Schein setzen. Auf der Frankfurter Messe, hatte er beobachtet, könne man vielen bei unredlichem Treiben auf die Schliche kommen: „Das Oberste ist schön zurecht gemacht, was unten fehlt, musst du hinzulügen! Der minderwertige Kram sieht zwar gut aus, aber ansonsten taugt er nichts. Darum sagt man auch: Oben herrlich, oben süß, unten sauer.“

„Kleider machen Leute“

Etwa in die gleiche Kerbe schlug der Schweizer Dichter Gottfried Keller (1819-1890) mit seiner Novelle „Kleider machen Leute“. Unter der Überschrift „Kleider machen Leute“ verfasste bereits hundert Jahre früher der sächsische Aufklärer Gottlieb Wilhelm Rabener (1714-1771) einen Aufsatz, in dem er seine Empfindung ausdrückte, ihm sei „nichts so lächerlich als ein ehrlicher Mann in einem schlechten Aufzuge; (…) wie lange muss er sich durch Hunger und Verachtung hindurchwinden, ehe er es nur so weit bringt, dass er von Leuten, welche ihre Kleider vorzüglich machen, einigermaßen gelitten wird!“ Ein prächtiges Kleid würde ihm binnen weniger Stunden große Hochachtung einbringen.

Von Mächtigen kolportierte Rabener eine Einstellung, der auch heute nicht selten - und nicht nur bei "Größen" - zu begegnen ist: „Seine Exzellenz eilen entgegen, und wem? einem vergoldeten Narren, welcher die Treppe hinauf gefaselt kommt und den Schweiß seines betrogenen Gläubigers auf der Weste trägt. Sein Kopf, so leer er ist, wird bewundert, weil er gut frisiert ist (…).“

Die Augen durch Pracht und vornehme Geräusche öffnen

Rabener betonte: „Man tut der Welt unrecht, wenn man sagt, dass sie unempfindlich und blind sei. Sie ist es nicht, aber man muss ihr die Augen durch eine äußerliche Pracht öffnen und sie durch ein vornehmes Geräusch aufwecken.“

Gegen den Glauben an prächtig daherkommende Autoritäten zog namentlich das Zeitalter der Aufklärung zu Felde: Nur der Inhalt, das Wissen, die echte Mündigkeit sollte entscheidend sein.

Die Menschen, die beachtlichen Erfolge erreichen wollen, müssen jedoch nicht nur ihre Ziele kennen und sich in ihrem Fach sehr gut auskennen – sie müssen ihr Handeln auch darstellen, sich mit ihrem Wissen und ihren Produkten gekonnt in Szene setzen können. Mit den Worten von Gottlieb Wilhelm Rabener: „Die Welt ist eine Schaubühne, und auf der Schaubühne halten wir nur diejenigen für Prinzen, welche fürstlich gekleidet sind."

Wer dauerhaft erfolgreich sein will, sollte sich allerdings davor hüten, „nur das Oberste gut zurechtzumachen“. Nachhaltiger Erfolg korrespondiert mit einer Darstellung mit Augenmaß, die dem innersten Wesen, dem passenden Beruf und der echten Leistungsqualität entspricht.