Der ländliche Raum als eine "Keimzelle der Innovation"
Die neue Zeitrechnung der Wirtschaft: nach Corona (n. Cor.)

(hrs) Die Uhren der Wirtschaft waren noch überhaupt nicht auf die "Corona-Zeitrechnung" umgestellt, da sagte Wilhelm Bauer, Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung (Ausgabe 18. Januar 2019) dem ländlichen Raum enorme Chancen infolge der Digitalisierung und flächendeckenden Breitbandverkabelung voraus. Wie viel mehr dürfte das 2021 ff, ein Jahr und mehr nach Corona (n. Cor.), zutreffen.

Bauer erklärte vor fast zwei Jahren: „Meine Vision ist, dass im ländlichen Raum wieder ganz neue Keimzellen der Innovation entstehen, vielleicht 30 bis 50 Kilometer außerhalb der heutigen Hot Spots, wo sich die nächste Generation aufgrund günstiger Lebenshaltung und hoher Lebensqualität zusammenfindet und Unternehmen von morgen gründet.“

Die Voraussetzungen für die digitale Integration der Provinz waren bis vor kurzem selbst im vermeintlichen Hochtechnologieland Baden-Württemberg nicht sehr günstig. Die Stuttgarter Zeitung berief sich Anfang 2019 auf eine Studie der Landesregierung, derzufolge "2,3 Millionen Anschlüsse (...) so langsam (seien), dass selbst eine Mail oft kaum durchgeht."
 

Breitbandverkabelung: 2018/19 gab es die "Wende"

Von Flensburg bis Friedrichshafen und von Aachen bis Cottbus geht es seit 2018/19 in punkto Breitband-Verkabelung richtig zur Sache: Eine Straßenbaustelle nach der anderen zeugt davon. Der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer drückt aufs Tempo, nachdem sein Vorgänger und Parteifreund Alexander Dobrindt bezüglich dieser Aufgabe nahezu vollständig versagt hatte, wie der SPIEGEL in einem Bericht seiner Online-Ausgabe vom 3. Juli 2018 berichtet hatte. Die Bundesregierung hat sich in der aktuellen Legislaturperiode zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Telekommunikationsunternehmen flächendeckend in Deutschland Gigabit-Netze zu schaffen.

Besondere Profiteure der Digitalisierung könnten im Kontext mit der Coronakrise besonders Landkreise sein, die bislang kaum ein Wirtschaftsweise auf der Rechnung hatte. Namentlich mittel- und ostdeutsche Provinzen. Als sich im Sommer 2020 die Möglichkeiten für Urlaubsreisen mehr und mehr einschränkten, empfahlen sich immer noch Ziele wie die Müritz, die Uckermark, der Thüringer Wald oder das Elbsandsteingebirge. Die Chefin eines Hotels in der Uckermark freute sich: "Wir hatten westdeutsche Gäste, die bisher nicht im Leben daran dachten, uns zu besuchen. Und diese waren sehr angetan und wollen wiederkommen." Pia und Sandra, zwei Mitdreißigerinnen aus Hamburg, bisher nur globale Reiseziele gewöhnt, entschlossen sich zu einem Trip in die sächsische Schweiz und kamen begeistert nach Hause zurück. Dieser Sympathiezuwachs dürfte langfristig positive Folgen haben.
 

Brandenburg steigt dank Tesla und BER zum Zukunftsstandort auf

Vor 15 Jahren sang Reinald Grebe das Spottlied: "Es gibt Länder, wo was los ist, es gibt Länder, wo richtig was los ist, und es gibt Brandenburg, Brandenburg ..." Seit der amerikanische Technologiegigant Tesla sich für das Dorf Grünheide in Brandenburg als Standort seiner europäischen Gigafactory für Elektroautos entschieden hat und dort ab Juli 2021 in der ersten Ausbaustufe über 10.000 Menschen auf Hochlohn-Basis beschäftigen will und seit der BER-Flughafen im brandenburgischen Schönefeld nach der Eröffnung überwiegend erfreuliche Nachrichten produziert, namentlich die, direkt und indirekt für rund 40.000 Vollzeitarbeitsplätze plus X zu sorgen, gilt auch das Bundesland Brandenburg neben Sachsen als Wirtschaftsmotor der "neuen Länder".

Die Deutsche Post stellt jährlich an Bundesdeutsche die Frage, wie glücklich sie seien. Erstmals belegen nach dem jüngsten "Glücksatlas" die Einwohner von Sachsen-Anhalt einen der vorderen Plätze. Das "neue" Bundesland, das zu den wirtschaftlich schwächsten gehört. Ein weiteres Indiz dafür, dass im Sinne der Einschätzung des Fraunhofer-Instituts-Chefs Bauer die "Provinz" erhebliche Chancen hat. Ist erst mal die weitgehende Breitband-Verkabelung gelungen, wären Beschäftigte und Unternehmen ziemlich dumm, wenn sie nicht viel stärker als bisher das Homeoffice bzw. Betriebe in kostengünstigem nachhaltigem Umfeld deutschlandweit mit Zentralen in Ballungsgebieten und erstklassiger Infrastruktur koppeln würden.