"Die Schere geht auf"
Probleme der Digitalisierung

ps) Wenn der Pandemie etwas positives abgewonnen werden soll, wird häufig auf die nun erzwungenermaßen voranschreitende Digitalisierung verwiesen. Und in der Tat sind trotz der Mühen der Ebene erfreuliche Entwicklungen zu beobachten. Doch bei aller Freude über die raschen Fortschritte gibt es auch hier Schattenseiten. Nicht nur die Schere zwischen digitalisierbaren und nicht-digitalisierbaren Berufen öffnet sich, auch die soziale Schere geht nun weiter auf.

Dieser Tage erschien eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe, die darauf aufmerksam macht, daß "Corona zu einer neuen digitalen Spaltung in der Arbeitswelt" beitrage. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Berufsfeldern, die vergleichsweise einfach zu digitalisieren sind, die Homeoffice ermöglichen usf. Diese sind der Studie zufolge gleichzeitig die akademisch höherqualifizierten Bereiche. "Diese neue digitale Spaltung der Erwerbsbevölkerung dürfte sich seit dem Frühjahr 2020 noch weiter verschärft haben", so Prof. Dr. Corinna Kleinert, eine der Autorinnen des Berichts. "Vernetzte Technologien werden zunehmend auch für die berufliche Weiterbildung genutzt. Wir gehen davon aus, dass der kompetente Umgang mit diesen neuen Arbeitswerkzeugen künftig eine wachsende Bedeutung hat und bestimmte Beschäftigtengruppen ins Hintertreffen geraten. Der durch die Corona-Krise ausgelöste Digitalisierungsschub muss so gesteuert werden, dass möglichst viele Beschäftigte davon profitieren".

Auch Donata Hopfen von der Beratungsfirma BCG Digital Ventures sieht die sich vertiefenden Gräben zwischen den Unternehmen. Wer schon vor der Krise digital aufgestellt war oder die "digitale Transformation" begonnen habe, sei nun natürlich im Vorteil. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Jetzt, sondern auch auf die Perspektiven im Kampf um die besten Köpfe: Eine Firma, so Hopfen, die die Digitalisierung bislang verschlafen habe, sei schließlich nicht das attraktivste Ziel für einen Datenspezialisten. 

Aber nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Schule eröffnen sich neue Probleme. Im vergangenen Monat wurden die Ergebnisse einer Umfrage unter 22.000 Eltern aus Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Hier zeigen sich große Ungleichheiten: während 60% der Gymnasien ihren Schüler*innen digitale Endgeräte zur Verfügung stellen, sind es bei den Haupt- und Realschulen nur etwa 30% – also gerade dort, wo besonderer Förderbedarf besteht. 
Daneben gibt es auch ganz analoge Probleme, die durch die Digitalisierung an Schwere zunehmen: etwa die Finanzierbarkeit von Nachhilfe, die Unterstützungsfähigkeit der Eltern beim Lernen und dergleichen. So titelte der NDR schon im April 2020: "Homeschooling: Das Ende der Chancengleichheit".

Tobias Fritz vom Landesschülerrat in Bayern sieht es so: "Der Fokus im Bereich Bildung muss stärker auf die Digitalisierung fallen und es müssen ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt werden, um das Defizit, das sich in den letzten Jahren aufgetürmt hat, zu beseitigen. Bildung ist ein wichtiges Gut und die aktuelle Corona-Pandemie zieht die Schere der Bildungschancen weiter auseinander. Deshalb ist es wichtig, dass ein effektives Konzept erarbeitet wird, wie die Lernlücken, die durch die Pandemie entstanden sind, aufgeholt werden können. Es gilt nun genau hinzusehen, um Schülerinnen und Schüler zu schützen, damit sie nicht die Leidtragenden dieser Corona-Krise werden."

Quellen:

https://idw-online.de/de/news764746
https://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/managerumfrage-coronakrise-beschleunigt-die-digitalisierung-der-wirtschaft/26268110.html?ticket=ST-14653942-aaNCsfmFAqR22S4sPckw-ap1
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/brennpunkt-schule-digitalisierung-verschaerft-ungleichheit,SO1r2wM
https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2020/Homeschooling-Das-Ende-der-Chancengleichheit,chancengleichheit122.html
https://www.basecamp.digital/interview-mit-tobias-fritz-der-distanzunterricht-laeuft-noch-nicht-zufriedenstellend/