Erneuerbare Energien gewinnen Oberwasser
Nachhaltige Technologien werden seit einem Jahr "überall" gefördert

(hrs) Das neue Wissen ist seit mehreren Jahrzehnten vorhanden, doch die verantwortlichen Akteure hielten an alten Denk- und Handlungsgewohnheiten fest. Eine junge Frau, Greta Thunberg, rüttelte in den letzten Jahren die Menschen wach und ermuntert sie zu Innovationen. Erneuerbare Energien und eine nachhaltige Politik kommen in Mode. Der Sektor wird voraussichtlich viele zusätzliche moderne Arbeitsplätze schaffen.

Ein zentrales Thema: Wasserstoff. Bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Tür für die Nutzung von Wasserstoff als Energieträger mit Hilfe von Brennstoffzellen, einer an sich über 170 Jahre alten Technik, geöffnet. Zehn Jahre später war die Technik soweit entwickelt, dass sie serienmäßig in neue U-Boote eingebaut wurde. Vor 25 Jahren tummelten sich auf dem Gebiet der Wasserstoffnutzung per Brennstoffzelle zahlreiche Industriekonzerne. Auch schon zur zivilen Nutzung. 1992/93 nahmen die Firmen HEAG, Thyssengas und Ruhrgas drei Brennstoffzellen-Blockheizkraftwerke in Betrieb, die zunächst mit Erdgas betrieben wurden, ab 1997 dann auch mit Wasserstoff.

Daimler wollte der Pionier für Brennstoffzellen-Pkws werden

Damals proklamierte Daimler - im Verbund mit dem kanadischen Unternehmen Ballard Power Systems: "Das gemeinsame Ziel ist es, als weltweit erster Hersteller ein Serienfahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb anzubieten." Die Autohersteller Toyota und Hyundai produzieren seit einigen Jahren die ersten wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen-Pkws in Serie. Schrittweise engagieren sich aber auch deutsche und europäische Hersteller. Wasserstoffaktien gelten unter Kapitalanlegern als zukunftsträchtig.

Stimuliert von der Friday-for-Future-Bewegung, die eine ungeahnte weltweite Ausbreitung erfuhr, findet namentlich die multidimensionale klimaneutrale Wasserstoff-Technologie viele Förderer. Zu den besonders engagierten Unterstützern in neuerer Zeit gehört Michael Westhagemann, seit drei Jahren Hamburger Wirtschaftssenator. Der frühere Siemens-Topmanager will die Hansestadt zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft machen. Ein wichtiger Baustein: Der bisher ungenutzte Windstrom vor Hamburgs Haustür. Allein die Leistung der Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee sollte nach Vorstellung von Westhagemann in den nächsten Jahren konsequent von heute 6 auf künftig 60 Gigawatt ausgebaut werden. Laut einer Meldung des Norddeutschen Rundfunks vom Juli 2020 geht es dem Wirtschaftssenator konkret darum, "eine neue Wasserstoff-Wirtschaft zu etablieren (...) Dazu gehörten die Infrastruktur wie Wasserstoff-Tankstellen, aber auch große Projekte im Industriegebiet des Hamburger Hafens. Mit Wasserstoff betriebene Busse sollen künftig in der Stadt auftauchen. Aktuell laufe eine Ausschreibung über 28 Wasserstoff-Busse."
 

"Industrie hat versucht, den Strukturwandel aufzuhalten"

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, Volkswirtschaftsprofessorin aus Nürnberg, warf der deutschen Industrie kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur vor, den Strukturwandel hin zu mehr Klimaschutz lange bewusst verlangsamt zu haben: "Man darf nicht verschweigen", sagte sie, "dass die Industrie teilweise versucht hat, diesen Strukturwandel aufzuhalten". Das verantwortlichen Industriemanagement dürfte ihr antworten: Die Politik hat das ihre dazu beigetragen. Ehrgeizige Klimapolitik wurde nicht betrieben. Aktuell sieht es nun danach aus, dass klimaneutrale, nachhaltige Technologien mehr Gewicht bekommen werden.

Für München reklamieren die dortigen Stadtwerke: "Bis 2025 wollen wir so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie ganz München benötigt." Und weiter heißt es von den SWM: "Beim Ausbau der Ökostromerzeugung haben Projekte in der Region München Vorrang. Hier betreiben wir mehr als 30 Photovoltaik-Anlagen, 14 Wasserkraftanlagen, zwei Biogasanlagen, fünf Geothermieanlagen und zwei Windkraftanlagen. Viele weitere regionale Projekte sind in Planung."
 

H2R-Verbund, H2Berlin-Initiative, Hyland-Wasserstoffregionen

Die Städte Köln, Hürth, Brühl und Wesseling sowie der Rheinisch-Bergische Kreis und der Rhein-Sieg-Kreis haben sich zur Initiative H2R – Wasserstoff Rheinland zusammengeschlossen. Die Region Rheinland will nach eigenen Angaben "die Energie- und Verkehrswende durch die Erzeugung, Verteilung und Nutzung von Wasserstoff aktiv voranbringen."

In der Bundeshauptstadt hat sich eine Initiative H2Berlin gebildet. Im Auftrag der  städtischen Hafengesellschaft Behala wird derzeit das Schubschiff  „Elektra“ gebaut, dass für Gütertransporte zwischen Berlin und Hamburg eingesetzt werden soll. Das Projekt könnte gleichsam ein Ergebnis der bereits vor über zehn Jahren beabsichtigten „Wasserstoffregion Berlin-Hamburg“ sein. Die Hauptstadt setzt darüber hinaus auf die Solarenergie. "Das Land Berlin erkennt das erhebliche Potenzial auf den Dächern in der Stadt und geht mit einem Solargesetz wichtige Schritte zur Nutzung möglichst vieler Dachflächen zur Stromerzeugung aus Sonnenenergie. So soll der Ausbau der Solarenergie im Sinne der Zielsetzung des Masterplans Solarcity auf 25 Prozent des Berliner Strombedarfs bis spätestens 2050 vorangebracht werden", erklärt die Senatsverwaltung in einer Pressemitteilung. 

Auf eine neue Initiative des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur hin sollen mehrere "HyLand-Wasserstoffregionen" in Deutschland entstehen. Der Projektträger, das Forschungszentrum Jülich, informiert: "Mit der Regionenförderung HyLand sollen Kommunen und Regionen unterstützt werden, die Potentiale dieser Schlüsseltechnologie vor Ort zu erkennen (HyStarter), tragfähige Konzepte zu erstellen (HyExperts) sowie zusammen mit Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft aktiv um zusetzten (HyPerformer). Diese drei Kategorien – HyStarter, HyExperts sowie HyPerformer – richten sich somit an Regionen und Kommunen, mit einem unterschiedlichen Entwicklungsstand bezüglich des Themas Wasserstoff und beinhalten entsprechend unterschiedliche Förderinstrumente um eine gezielte Unterstützung bereitzustellen." Die regionale Wasserstoff-Produktion mit Strom aus Erneuerbaren Energien steht im Zentrum der Konzepte.