Fachkräftemangel trotz attraktiver Arbeitsplätze
Handwerk sucht Azubis

 

(ps) Eigentlich geht es der Handwerksbranche gut: Der Umsatz steigt seit Jahren, die Firmen können sich vor Aufträgen kaum retten, die Lohnkurve geht steil nach oben. Allein der Nachwuchs will nicht so recht. Trotz steigender Bewerber*innenzahlen nimmt der Fachkräftemangel zu. Wir werfen einen Blick auf den Arbeitsmarkt im Handwerk.

"Der Zeitpunkt könnte eigentlich kaum besser sein. Das Handwerk bietet jungen Menschen super Zukunftsperspektiven an," sagt Steffen Range, Chefredakteur der Deutschen Handwerkszeitung, im Deutschlandfunk Nova über den Einstieg in die Handwerksbranche. Der Umsatz ist im 1. Quartal '22 um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, bei Handwerken für den privaten Bedarf um über 36 Prozent, in einzelnen Branchen sogar über 60 Prozent. Und die Lohnkurve hat inzwischen das Niveau der Akademiker*innen erreicht: "Untersuchungen zeigen, dass das sogenannte Lebenseinkommen nach einer Berufsausbildung ungefähr so hoch ist wie in akademischen Berufen", so Range. 

Auch die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten 20 Jahren grundlegend gewandelt. Praktisch alle Handwerksberufe bieten eine gute Work-Life-Balance, Überstunden sind selten. Bei Fleischermeister Volkmar Woite aus Brandenburg gibt es übertariflichen Lohn, keine Überstunden, sowie Weihnachts- und Urlaubsgeld. Dennoch habe er seit zehn Jahren keine Bewerber*innen mehr – "Alle wollen nur noch studieren", sagt er dem rbb. Tatsächlich ist der Trend zur Akademisierung einer der großen Probleme für den Ausbildungsmarkt. Die Hans Böckler-Stiftung hat schon 2018 den "Stellenwert beruflich-betrieblicher Bildung" als "bedroht" gesehen. 

Akademisierung stagniert

Da ist es erstmal eine gute Nachricht, dass die Zahl der Studienanfänger*innen inzwischen, nach vielen Jahren des Anstiegs und einem Höhepunkt 2012, stagniert und sich bei um die 45 Prozent eines Jahrgangs einpendelt. 2005 waren es allerdings nicht mal ein Drittel eines Jahrgangs – der Mangel ist damit also nicht behoben. Stattdessen würde sich der Fachkräftemangel nun einfach weiter verteilen – so hätten nun unter anderem die MINT-Fächer und Medizin mit wachsenden Nachwuchssorgen zu kämpfen, so Axel Plünnecke, Bildungsexperte vom Institut der deutschen Wirtschaft, gegenüber dem Handelsblatt. 

Fachkräftemangel verlangsamt Wirtschaftswachstum

Das fehlende Fachpersonal stellt nicht nur für die Handwerksbetriebe ein Problem dar, sondern auch für die Wirtschaft insgesamt. Beispielsweise im Klimasektor: "Eine Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ergab, dass bis zum Jahr 2030 etwa 440.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt werden, um die Energieziele der Bundesregierung zu erreichen", wie die ARD mitteilt. "Elektriker, Mechatroniker*innen, Installateure und auch Dachdecker" seien zu tragenden Stützen in der Klimawende geworden, etwa bei der Installation von Solaranlagen, effizienter Gebäudetechnik und -sanierung, oder Elektroautos. Gibt es zu wenig, kommt die Umsetzung nicht voran.

Und die sogenannte "Fachkräftelücke" ist schon heute eklatant: 2021 fehlten über 75.000 Gesellen und mehr als 7.000 Meister – soviel, wie Konstanz Einwohner hat. Laut Institut der deutschen Wirtschaft gab es 2021 im Handwerk 201.411 offenen Stellen, jedoch nur 139.256 arbeitssuchende Handwerker. Für dieses Jahr geht der Zentralverbands des Deutschen Handwerks von etwa 250.000 unbesetzten Stellen aus. "Wenn wir bei der Nachwuchs- und Fachkräfteversorgung nicht schnellstmöglich gegensteuern", so Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags, drohe nicht nur das Scheitern der Energiewende, er sieht auch die Gefahr eines massiven Wirtschaftseinbruches. 

Handwerk braucht bessere Werbung

Ein Azubi, der sich bewusst für einen "Klimaberuf" entschieden hat und nun Dachdecker für Solaranlagen wird, sieht ein Problem im Image der Handwerksbranche: "Vom Handwerk kommt leider viel zu wenig Werbung, also von den Betrieben selber. Und das, was kommt, hat mich damals einfach nicht angesprochen - weil es oft veraltete Klischees des Handwerks zeigt," sagt Azubi Luke Wübbe der ARD. Das sieht auch Stefan Range von der Deutschen Handwerkszeitung so und beklagt, dass die Branche ihre Stärken nicht ausreichend in den Vordergrund stelle. 2021 blieben so knapp 20.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt.

Luke Wübbe hat seine Firma auf einer Berufsmesse gefunden und hat sich dort von ihrem "coolen Stand" ansprechen lassen – "So habe ich gemerkt, dass das ja vielleicht etwas für mich sein könnte." Zuvor habe ihm niemand wirklich das Handwerk schmackhaft gemacht. Lukes Arbeitgeber ist stolz, alle Ausbildungsplätze besetzen zu können – betont aber auch, dass sie von Anfang an "bei Berufsmessen präsent waren" und eine freundliche Unternehmenskultur leben. Auch dies ein Schlüsselfaktor: Luke sagt, er fühle sich "pudelwohl" – und das liegt eben nicht nur an der Arbeit, sondern auch am Arbeitsklima. 

Zukunftssichere Branche

Und schließlich sind auch die Zukunftsaussichten der Branche ausgesprochen gut. Die große Sorge mancher Branchen, in Zukunft Arbeitsplätze an Roboter und Automation zu verlieren, betrifft die Handwerksbranche vergleichsweise wenig. Und für die nächsten Jahrzehnte sind die Aufgaben ebenfalls zahlreich. Die erwähnte Umsetzung der Klimaziele wird noch weit über 2030 hinaus die Wirtschaft beanspruchen, und erst Anfang des Jahres hat die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, jährlich 400.000 neue, "klimaneutrale Wohnungen" bauen zu wollen, zusätzlich zum Bauboom der Privatwirtschaft. Nochmal Range: "Der Zeitpunkt könnte eigentlich kaum besser sein."


Quellen:

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/fachkraeftemangel-im-handwerk-was-sich-aendern-muss 

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/fachkraeftemangel-handwerk-baugewerbe-101.html 

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/energiewende-azubis-101.html 

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/fachkraeftemangel-dihk-studie-branchen-101.html 

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/energiewende-azubis-101.html 

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/handwerk-gehalt-lohn-unterschiede-100.html#Entwicklung 

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/06/PD22_240_53211.html 

https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_401.pdf 

https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/fachkraeftemangel-ende-des-akademisierungswahns-der-trend-zum-studium-kommt-zum-stillstand/28464758.html 

https://www.zeit.de/arbeit/2022-07/fachkraeftemangel-handwerk-baubranche-ausbildungen 

https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/wohnungsbau-bundesregierung-2006224 

 

13.07.2022