Ich
Vier Lebenswege stehen mir offen / Essay

Vier Lebenswege sind dir und mir kraft unserer Geburt geschenkt. Jedem Menschen, der über das zehnte Lebensjahr hinaus wächst, öffnen sich vier Hauptpfade, auf denen er sich verwirklichen kann. Die vier Spitzen einer Windrose, die nach Nord und Süd, Ost und West zeigen, symbolisieren die vier Routen, von denen ich hier spreche.
 

1. Als den ersten Lebensweg empfinde ich die Aufgabe, die jedem von uns in die Wiege gelegt ist, Ziele zu entdecken, auszuwählen, zu  bestimmen.

Die Welt gleicht einem Labyrinth. Abertausend Möglichkeiten werden mir geboten. Auf Schritt und Tritt lauern Versuchungen. Ich sehne mich nach Vergnügen. Ich will etwas aus mir machen. Oft denke ich: "Lass dich nicht verwirren. Verliere dich nicht im Getöse." 

Welche Ziele sind die passenden, die richtigen für mich? Auf dem Tisch liegen vermutlich Ziele, die meiner „Mitte“ entspringen, meinen Potenzialen entsprechen.

Ich bin nicht allein auf der Welt. Deshalb sollen es stets Ziele sein, die die Rechte meiner Mitmenschen respektieren und die die Natur schonen.


2. Ziele zu bestimmen ist das eine, sie zu erreichen, das (ganz) andere.

Ich erinnere mich an meine Eltern, die mich gelobt haben, wenn ich eine Aufgabe sehr gut gemacht habe. Das hat auch mich stets mit Freude erfüllt. Es gab aber natürlich auch Situationen, in denen sie mich tadelten. Als Schüler versuchte ich mich manchmal durchzumogeln. Nicht alle Fächer sagten mir gleichermaßen zu. Ein sonniges Gemüt übermannte mich, wenn ich für Klassenarbeiten gute bis sehr gute Noten erhielt. 

Lange Zeit war ich eher ein mittelmäßiger Schüler. Kleine Erfolgserlebnisse hier und da motivierten dazu, mich mit dem Durchschnitt immer weniger zufriedenzugeben. Plötzlich verlief mein Leben viel leichter. Die Schule, die Ausbildung oder das Studium machten Spaß.

Heute empfehle ich jedem: Ob du guten, sicheren, kühnen oder utopischen Zielen zustrebst: Strenge dich an. Gib dich deinen Aufgaben mit Akribie und Energie hin. Deine Leistungen sollen andere Menschen überzeugen. Für erstklassige Arbeit wirst du mit Gefühlen des Glücks reichlich belohnt.

Ich lernte, meine Kräfte auf wenige Felder zu konzentrieren. Das fällt, zugegeben, schöpferischen und willensstarken Personen nicht leicht.

Niemand von uns ist ein Alleskönner. „Alles“ könnte jeder, wenn überhaupt, nur oberflächlich vollbringen. Schlechtgemachte Werke frustrieren mich, erst recht dich und andere.

Manchmal merke ich: Der von mir eingeschlagene Pfad führt in die Irre! Oder ich fehle unbedacht, stolpere, stürze zu Boden. Auch diese Erfahrungen, habe ich bald gelernt, bringen mich voran, bringen mich manchmal entscheidend voran.


3. Ich war in jungen Jahren ein zurückhaltender Mensch. Lange Zeit dachte und hoffte ich: Wenn ich eine Aufgabe gut bewältige, werde das Ergebnis schon für sich sprechen. Im beruflichen Alltag zeigte sich jedoch immer wieder, dass andere Menschen, die weniger leisteten, am Ende die Nase vorn hatten. Warum? Wie ist das zu erklären?

Die Menschen freuen sich über gute Qualität. Diese allein genügt ihnen bald nicht mehr. Sie werden rein funktionaler Leistungen auf Dauer überdrüssig. Sie begehren hervorragende Erzeugnisse, die zudem etwas Glamour und Statussymbolik ausstrahlen. Ich rate deshalb heute jedem: Achte darauf, dass du deine Arbeit in einem angemessen großen, schönen Format zur Sprache zu bringst.

Nicht nur mir fällt auf: Manche Zeitgenossen glänzen zum Schein, sie schlagen Schaum. Sie treten nach außen mächtig auf. Bei näherem Hinsehen ist das, was sie zu bieten haben, recht inhaltsleer. Psychologisch betrachtet kompensieren sie innere Schwäche durch übertriebene äußere Stärke.

 
4. Ein Sprichwort heißt: „Der Ton macht die Musik.“ Wenige Worte, die es in sich haben! Jeder soll sich darum bemühen, mit anderen Menschen respektvoll zu kommunizieren. Meine Eltern rieten mir: "Erhebe dich nicht hochmütig über Schwächere." Längst habe ich erfahren, dass Personen, mit denen ich auf anerkennende Art verkehre, sich auf das Gespräch mit mir freuen. Sie reden freundlich über mich.

Wertschätzende Kommunikation schützt vor Vertun. Menschen, die auf faire Art ihre Ziele verfolgen, vermeiden automatisch übertriebenen Egoismus. Ich versuche darauf zu achten, dass meine Auftritte, auch wenn größer inszeniert, umwickelt vom Band der Sympathie, anziehend wirken, nicht protzig.

Leider schlüpfen unter bloße Deckmäntel der Empathie auch Prediger von Hass und Gewalt.


Auf den vier Marschrichtungen, von denen ich gerade gesprochen habe, sollen wir uns von Aufgabe zu Aufgabe und über unsere gesamte Lebensspanne hinweg bewähren. Wenn wir von einem beliebigen Punkt der Erde in die Himmelsrichtungen Nord, Süd, Ost und West mit den vier unterschiedlichen "Missionen" starten, treffen diese auf der gegenüberliegenden Seite der Weltkugel an einem Punkt wieder zusammen. Ähnlich wird Werk für Werk vollbracht. Die vier Wege - Ziele setzen, Qualität leisten, Format darstellen und mit Empathie handeln - führen mich zu einer ganzheitlichen erfolgreichen Lebensweise.

Roderich Stintzing (Januar 2021)