"Jedes kleine Mädchen sieht das Land der Möglichkeiten"
Erinnerung an Virginia Woolf anlässlich der Wahl von Kamala Harris zur US-Vizepräsidentin

"Auch wenn ich die erste Frau in diesem Amt sein könnte, werde ich nicht die letzte sein, weil jedes kleine Mädchen heute Abend sieht, dass dies ein Land der Möglichkeiten ist", rief Kamala Harris, die gewählte neue US-Vizepräsidentin, am 7. November 2020 unter Applaus vor demokratischen Parteianhängern in Wilmington aus. Die Worte erinnern an einen Vortrag, den die Schriftstellerin Virgina Woolf 1931 vor der National Society for Women's Service in London hielt. Damals, vor rund 90 Jahren, sah es noch ziemlich anders aus.

"Selbst wenn dem Buchstaben nach der Weg frei ist", wenn nichts eine Frau daran hindere, die verschiedenen Berufe zu ergreifen, rief Woolf ihren Hörerinnen zu, würden sich noch immer viele Hindernisse drohend in den Weg stellen. "In dem Haus, das bisher ausschließlich das Eigentum von Männern war", haben Frauen "für sich eigene Zimmer erstritten" - diese Worte der 1941 verstorbenen Woolf hätten direkt auf die Eroberung des Vizepräsidentenamtes gemünzt sein können.

"Frauen", führte Virgina Woolf weiter aus, die als Jugendliche die viktorianischen Beschränkungen für Mädchen und Frauen erlebte, "sind imstande, wenn auch nicht ohne große Mühe und Anstrengung, die Miete zu bezahlen. ... Aber ihre Freiheit ist erst der Anfang; das Zimmer ist ihr eigen, aber es ist noch kahl. Es muss möbliert werden; es muss ausgeschmückt werden; es muss mit anderen geteilt werden."

Quelle: Virginia Woolf, Das Lesebuch, Frankfurt am Main 2006, Seite 402f