Kampf um die besten Köpfe
Fachkräftemangel in Deutschland nimmt zu


(ps) Wer jetzt eine Ausbildung sucht, hat beste Chancen: In praktisch allen Branchen werden Fachkräfte händeringend gesucht – und die Konkurrenz um die Plätze wird weniger. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist die Zahl junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf neuem Allzeit-Tiefststand. Doch was für Ausbildungsplatzsuchende ein Geschenk ist, wird für die Gesamtwirtschaft zunehmend zu einem Problem.


Dass die Demographie Deutschlands eines Tages zum Problem werden wird, prognostizieren die Forscher*innen schon seit Jahrzehnten – doch nun scheint es langsam so weit zu sein. 2022 sinkt die Zahl der Menschen im Erstausbildungsalter, zwischen 15 und 24 Jahren, auf 10 Prozent. Zum Vergleich: 1982 waren es noch über 16 Prozent. Damit liegt Deutschland nicht nur unter dem EU-Durchschnitt, es ist auch ein historischer Tiefststand, der sich mit Blick sowohl auf die Geburtenrate, als auch auf die Zahl der heute unter 15-jährigen in absehbarer Zeit nicht ändern wird. 

Gleichzeitig braucht die Wirtschaft dringend Arbeitskräfte. Die Arbeitslosenzahlen haben mit gut 5 Prozent wieder das vor-Corona-Niveau erreicht und sind damit so niedrig wie seit den frühen 1980ern nicht mehr. Der BAP Job-Navigator vermeldet zudem einen starken Anstieg ausgeschriebener Jobangebote: Diese seien "im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 um gleich 45,7 Prozent auf insgesamt fast 6,5 Millionen" angestiegen. Bereits zum Jahresbeginn '22 habe es "mit rund 1,5 Millionen Jobangeboten fast doppelt so viele wie zu Beginn des vorherigen Jahres" gegeben. Dabei sind alle Branchen betroffen, allerdings unterschiedlich stark. Beispielsweise in der Handelsbranche liegt der Anstieg offener Stellen bei über 61 Prozent, im Gastgewerbe bei fast 66 Prozent. 

Bei den Azubi-Stellen blieb die Nachfrage in den vergangenen Jahren zwar relativ konstant, man musste also nicht mit größeren Einbrüchen kämpfen, jedoch ist hier die Nachfrage seitens der Arbeitgeber weiter stark gestiegen: Die Zahl der Ausbildungsplätze verzeichnet einen Anstieg um 50 Prozent. Der grassierende Nachwuchsmangel hat eine ganze Reihe negativer Folgen. Manche Branchen kämpfen bereits heute mit Überalterung, etwa die Heizungs- und Sanitärbauer: Hier ist bereits mehr als jeder fünfte Erwerbstätige zwischen 55 und 64 Jahren alt und wird daher in den nächsten Jahren verrentet. Schon jetzt sinkt daher die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in der Branche -  fast 10 Prozent in den letzten zehn Jahren. Und das, obwohl die Ausbildungszahlen in der Branche im vergangenen Jahrzehnt um 13,5 Prozent zugenommen haben.

So wundert es nicht, dass immer mehr Branchenverbände vor negativen Folgen für die Wirtschaft warnen – denn die Auftragslage bzw. Nachfrage explodiert, muss aber von einer sinkenden Zahl von Arbeitskräften erledigt werden. Ferner sind auch gesellschaftliche Ziele von ausreichenden Nachwuchskräften abhängig: beispielsweise das Erreichen der Klimaziele ist sozusagen direkt abhängig von ausreichenden Fachkräften, die dann all die Solaranlagen, Wärmepumpen, Dämmungen etc. installieren sollen. Erst im März hat der Zentralverband "Sanitär Heizung Klima"  gemahnt, dass allein für die Installation der Wärmepumpen bis 2030 etwa 60.000 Fachkräfte fehlen.

Lösungen für das Gesamtproblem hat derzeit jedoch niemand. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat zwar zu Jahresbeginn – vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – weiter eine spürbare Konjunkturerholung nach Corona prognostiziert und die robuste Wirtschaft in Deutschland gelobt. Allerdings kamen die Forscher*innen auch zu dem Schluss, dass 2023 "der Zenit" bei den Erwerbstätigenzahlen erreicht sei: "Denn danach scheiden mehr Personen aus dem Erwerbsleben aus als neue auf den Arbeitsmarkt hinzukommen", so IfW-Vizepräsident Stefan Kooths zu Reuters. Auch Zuwanderung könne diese Tatsache bestenfalls abmildern, nicht aber umkehren. Auch DIHK-Präsident Peter Adrian sieht den Höhepunkt des Fachkräftemangels noch längst nicht erreicht. So wird der Kampf um die besten Köpfe also weitergehen.

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/07/PD22_N046_122.html 

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/07/PD22_N047_13_61.html 

https://www.presseportal.de/pm/104864/5282721 

https://www.arbeitsagentur.de/news/arbeitsmarkt-2022 

https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61718/arbeitslose-und-arbeitslosenquote/ 

https://www.dw.com/de/robuster-arbeitsmarkt-mit-nachwuchsproblemen/a-60315425 

https://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/im-shk-handwerk-fehlen-60-000-fachkraefte-230910/ 

 

27.07.2022