Mehr ErziehEr braucht das Land
Klischeefreie Berufsorientierung

 

(ps) Erzieher*innen haben einen der wichtigsten Berufe unserer Gesellschaft: In Kitas und Kindergärten werden grundlegende Weichen für das ganze Leben gestellt. Doch an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe nehmen zu wenig Männer teil – dabei zeigt die Forschung immer wieder, wie wichtig männliche Rollenvorbilder gerade für Jungs im Kindesalter sind.

Fragen der Erziehung sind so alt wie die menschliche Zivilisation. Schon Platon hat sich Gedanken über Erziehung und Kindererziehung gemacht, Aristoteles, Konfuzius – praktisch alle großen Denker der Antike. Und das blieb so. Viel später Pestalozzi, Fröbel, noch später Steiner. Goethe natürlich auch. Und heute gibt der vor einigen Jahren verstorbene Jesper Juul v.a. mit seinem Werk „Das kompetente Kind“ noch immer den Ton vor. Alles Männer. Warum, muss man sich da fragen, warum gibt es dann bitteschön so wenig Männer unter den Erzieher*innen?

Großer Fachkräftebedarf

In Kindergärten und Kitas herrscht Fachkräftemangel: Für das Jahr 2023 wird eine Lücke von über 20.000 Erzieher*innen erwartet, die bis 2025 auf über 70.000 ansteigen dürfte. In den westdeutschen Bundesländern (im Osten ist die Versorgung in der Regel deutlich besser) müssen heute schon Kindergruppen geschlossen werden, weil es kein oder nicht ausreichend Personal gibt. Wertvolle und für die Kinder wichtige pädagogische Arbeit kann teilweise kaum mehr geleistet werden.

Obwohl sich der Anteil männlicher Erzieher seit 2011 verdoppelt hat, liegt er dennoch bei mageren gut 7 Prozent. Zugleich sind aber seit Jahren aus Forschung und Praxis Rufe nach mehr Männern gerade bei der Kindererziehung zu hören. Studien haben u.a. gezeigt, "dass Jungen in den ersten zehn Jahren benachteiligt sind, wenn sie keine männlichen Rollenvorbilder haben".

Männliche Rollenvorbilder

Dieses Alter sei „eine wichtige Lernzeit für den Aufbau einer starken Persönlichkeit“, so die Sozialpädagogin Freya Pausewang. „Zahlreiche Fähigkeiten, die für die Bewältigung von Hürden und Hindernissen im Erwachsenenalter von Bedeutung sind, haben ihre Wurzeln in der frühen Kindheit. Im Schulalter sind viele Weichen für den Persönlichkeitsaufbau bereits gestellt. Und die pädagogischen Einflussmöglichkeiten werden mit zunehmendem Alter schwächer.“

Matthias Scheibe von der Hochschule Coburg betont: „Die Anwesenheit von Männern in frühpädagogischen Einrichtungen ist notwendig, um das Spektrum geschlechtlicher Rollenentwürfe zu erweitern. Jungen schauen sich als männlich anerkannte Verhaltensweisen zwar auch von anderen Kindern und medialen Vorbildern ab, vor allem aber von Männern aus ihrem Umfeld.“ Dies sei derzeit an Kitas jedoch selten möglich. Auch Scheibe betont, dass schon im frühen Kindesalter „Weichen für die weitere Entwicklung eines Menschen“ gestellt werden – es sei „demnach sinnvoll, dass Jungen bereits in der Kita ein breites Spektrum möglicher männlicher Verhaltensweisen erleben“.

Uneinheitliche Ausbildungsbedingungen

Doch obwohl die frühkindliche Förderung in den Kitas & Co. entscheidende Weichenstellungen für das ganze spätere Leben der Kinder vornimmt, muss der Beruf mit Vorurteilen kämpfen und wird vergleichsweise gering bezahlt. Auch ein Grund, warum der Beruf im Ringen um Fachkräfte Probleme hat. Vor allem mit Blick auf männliche Interessenten wird dabei oft von höheren Gehältern gesprochen, die sie anlocken sollen (als würden Frauen die höheren Gehälter nicht genauso verdienen). Waltraud Weegmann, Vorsitzende des Deutschen Kitaverbands, sieht hier auch andere Baustellen: „Höhere Gehälter allein werden nicht mehr Männer für den Beruf begeistern können. Es braucht eine bundesweite duale Ausbildung und attraktivere Arbeitsbedingungen.“

Tatsächlich ist die Erzieher*innen-Ausbildung derzeit nicht bundeseinheitlich geregelt und läuft je nach Bundesland etwas anders ab. Die Regeldauer einer schulischen Ausbildung in Vollzeit schwankt zwischen 2 und 4 Jahren. Die Ausbildung kann auch in Teilzeit absolviert werden und schwankt dann zwischen 2 und 6 Jahren. Daneben gibt es noch die Möglichkeit einer sogenannten Praxisintegrierten Ausbildung (PiA), die drei Jahre dauert und vom Aufbau her einer dualen Ausbildung nahe kommt. Interessierte müssen sich entsprechend darüber informieren, wie bei ihnen vor Ort bzw. im Bundesland die Regelungen sind.

Sinnstiftende Arbeit

Während die Rahmenbedingungen also besser sein könnten, kann der Beruf dennoch mit einer Reihe von Vorzügen glänzen: Eine OECD-Fachkräftebefragung belegt eine "hohe Arbeitszufriedenheit" unter Erzieher*innen, und auch die Absicht den Beruf zu wechseln "lassen in Deutschland besonders wenige Befragte erkennen." Eine repräsentative Studie von Kita-Jobs.com kommt mit Blick auf Arbeitszufriedenheit zu dem Ergebnis, dass "88 % finden, dass ihre Arbeit einen positiven gesellschaftlichen Nutzen hat". Und auch die Kollegialität im Erziehungsbereich glänzt mit einem Spitzenwert: "89 % verstehen sich gut mit ihren Erzieher-Kollegen" – bei weitem nicht selbstverständlich. Oder, in den Worten der Erzieherin Patricia Walz: „Ich genieße meine Arbeit als Erzieherin. Das ist etwas Gutes für meine Seele.“

Damit liegt der Beruf eigentlich genau im Profil der jungen Generation: Praktisch alle Umfragen und Studien zum Thema zeigen, dass sich die Jugendlichen sinnstiftende Berufe wünschen, dass sie Wert auf ein gutes Betriebsklima legen und sich eine gute work-life-balance wünschen. Daneben bietet der Beruf bis hin zum Studium vielfältige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Am politischen Horizont mehren sich zudem die Zeichen für eine bundesweite Vereinheitlichung der Ausbildung. Und schließlich hat der große Fachkräftebedarf jedenfalls für die (angehenden) Azubis auch sein Gutes: Die Chancen, bei der eigenen Wunsch-Kita einen Ausbildungsplatz zu bekommen stehen sehr gut. 

 

Mehr zum Thema:  Hier findest Du ein Interview mit Erzieher-Azubi Max über seine Erfahrungen mit der Ausbildung.


Weitere Informationen:

Allgemeine Informationen hat die Bundesagentur für Arbeit im Berufe-Net zusammengestellt:
https://web.arbeitsagentur.de/berufenet/beruf/9162

Viele Ausbildungsbetriebe und Praktikumsplätze findest Du unter dem Stichwort „Erzieher“ in unserer Suchbörse:
https://www.erfolg-im-beruf.de/suchboerse


Quellen:

https://web.arbeitsagentur.de/berufenet/beruf/9162

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/09/PD21_449_225.html

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/studie-zur-zufriedenheit-in-der-kindertagesbetreuung-veroeffentlicht-162692

https://www.bildungsserver.de/fachkraeftebedarf-und-fachkraefteoffensive-12625-de.html

https://www.deutschlandfunk.de/lisa-paus-kita-qualitaets-gesetz--interview-100.html

https://taz.de/Geschlechterunterschiede-in-der-Schule/!5082476/

https://www.nifbe.de/component/themensammlung?view=item&id=769:jungen-erleben-maennliche-vielfalt&catid=70

https://www.nwzonline.de/interview/es-ist-viel-zu-einfach-nur-mehr-maenner-zu-fordern_a_50,1,3348056498.html#

https://www.p-werk.de/blog-post/maenner-als-erzieher

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildung-erziehung-betreuung/2165/

https://www.konstanz.de/karriere/erzieherin/interview+mit+patricia+walz

 

04.05.2023