MINT Nachwuchsbarometer 2022
Lernrückstände und weniger Studienanfänger*innen

 

(ps) Das MINT Nachwuchsbarometer 2022 zeichnet ein wenig erfreuliches Bild zur aktuellen Lage des MINT-Bereichs im deutschen Bildungssystem. So habe die Corona-Pandemie zu gravierenden Lernrückständen bei den Schüler*innen geführt, und auch die Situation an den Universitäten ist nicht besser geworden. Die Studienautor*innen sehen die Erfordernis für "dringende Maßnahmen". 

Die MINT-Fächer haben es traditionell schwer bei den Schüler*innen. Die Themen nehmen sich sperrig aus, an der Oberfläche haben sie selten etwas mit der Lebenswirklichkeit der Schüler*innen zu tun. Und einfach die Inhalte auswendig lernen ist auch schwierig, wenn dabei nicht verstanden wird, wie sie anzuwenden sind. Auf der anderen Seite der Medaille sind es klare, logische Aufgaben. Es gibt fast immer ein interpretationsunabhängiges "richtig" oder "falsch" und Mathematiker*innen sprechen sogar von "Eleganz" und "Schönheit" von Rechenwegen und Lösungen. Bei Abiturient*innen liegt Mathematik daher auch auf dem dritten Platz der meist gewählten Leistungskursfächer, Biologie folgt auf Platz 4, Erdkunde auf Platz 5 und Physik auf Platz 9.

Obschon es also um die Beliebtheit der MINT-Fächer schulisch gar nicht so schlecht bestellt ist, schlagen sich diese Werte nicht in den entsprechenden Ausbildungsberufen und Studiengängen nieder. Das aktuelle MINT Nachwuchsbarometer zeigt nun auf, dass sich im Zuge der Corona-Pandemie viele Indikatoren nochmals verschlechtert haben – von der Grundschule bis zur Universität. Lediglich bei den Ausbildungen lassen sich positive Tendenzen erkennen. Die von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) sowie der Joachim Herz Stiftung getragenen Studie unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Olaf Köller am IPN veröffentlicht im bundesweiten Trendreport jährlich die wichtigsten Zahlen und Fakten zum Thema. Dieses Jahr jedoch mit besonders mahnenden Worten.

Bis zu 13 Wochen Lernrückstand schon in der Grundschule

Im Zuge der Pandemiemaßnahmen waren gerade die Schulen stark betroffen. Zahlreiche unterschiedlich gut funktionierende Methoden wurden erprobt, wie Distanz- oder Wechselunterricht, dazwischen gab es immer wieder komplette Schulschließungen. An normalen Unterricht war lange nicht zu denken. Entsprechend hat sich bei den Schüler*innen ein Lernrückstand aufgebaut, der sich laut Bericht im Fach Mathematik an Grundschulen auf etwa 10 bis 13 Wochen beläuft. Zugleich habe der "Anteil leistungsstarker Grundschülerinnen und -schüler [im Fach Mathematik] um knapp zehn Prozent abgenommen." Nur etwas besser sieht die Lage in der Sekundarstufe I aus: Hier betrage der Lernrückstand etwa fünf Lernwochen – was auf die bessere Selbstorganisationsfähigkeit der älteren Schüler*innen zurückgeführt wird.

Zusätzlich zu den Problemen durch die Pandemie identifizieren die Autor*innen allerdings auch strukturelle Probleme. So betonen sie: "Die gymnasiale Oberstufe verstärkt geschlechtsspezifische Unterschiede." So könne beobachtet werden, dass Mädchen seltener Mathe-Leistungskurse belegen als Jungen. Einen wesentlichen Grund dafür sehen die Autor*innen "im didaktischen Konzept des Mathematikunterrichts der gymnasialen Oberstufe selbst" und empfehlen, im Unterricht "die gesellschaftliche und alltagsbezogene Relevanz von mathematischen Themen" deutlicher hervorzuheben. Auch "stereotype Rollenvorbilder" sollten vermieden werden. Gerade mit Blick auf die Berufsorientierung sei es wichtig, "realistische Vorbilder" zu präsentieren und "Möglichkeiten [zu] schaffen", diese auch zu treffen. Michael Fritz vom "Haus der kleinen Forscher" betont mit Blick auf die Studie: "alle Kinder haben ein Recht auf gute MINT-Bildung"

Rückläufige MINT-Studienanfänge aber weniger Ausbildungsabbrüche

An den Universitäten gehen die Studienanfänger*innen-Zahlen zurück: "Im Wintersemester 2020 nahmen sechs Prozent weniger junge Menschen ein MINT-Studium auf als im Vorjahr. Auch die Zahl internationaler Studierender ist in den MINT-Fächern stärker zurückgegangen als in anderen Fächern." Daneben setzt sich auch hier die Geschlechterungleichheit fort. Insbesondere in den Fächern Physik und Informatik sind Frauen deutlich unterrepräsentiert – und das, obwohl sie an der Schule noch die gleichen Leistungen in den Fächern zeigen. Weiterhin gebe es eine überdurchschnittlich hohe "Wechsel- und Abbruchquote von rund 53 Prozent" in den MINT-Studiengängen. 

Einzig bei den Ausbildungen im MINT-Bereich gibt es auch gute Nachrichten. So haben zwar die Ausbildungs-Neuabschlüsse pandemiebedingt insgesamt abgenommen, aber: "Im Vergleich zu anderen Branchen bleibt die MINT-Berufsausbildung beliebt: 34 Prozent aller Auszubildenden beginnen eine MINT-Ausbildung." Zugleich kann eine sinkende Abbrecher*innenquote verzeichnet werden. Bei den Ausbildungsabbrüchen identifizieren die Autor*innen "eine fehlende Passung zwischen den beruflichen Interessen und den tatsächlichen Tätigkeiten" als Hauptgrund. Auch hier zeigt sich, dass eine gute Berufsorientierung im Vorfeld von größter Wichtigkeit ist. Angesichts des Fachkräftemangels müsse Deutschland das MINT-Potential aber voll ausschöpfen: "Aktivitäten dazu müssen von der frühen Bildung über die betriebliche beziehungsweise universitäre Ausbildung bis hin zum berufsbegleitenden lebenslangen Lernen verstärkt werden. Dabei ist es essenziell, dass Kinder und Jugendliche sowie Beschäftigte aktiv einbezogen werden."


Quellen:

https://www.acatech.de/publikation/mint-nachwuchsbarometer-2022/download-pdf/?lang=de

https://www.mintuitiv.de/blogs/mint/die-beliebtesten-mint-faecher-in-der-schule 

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Berufliche-Bildung/Tabellen/liste-azubi-rangliste.html 

https://www.presseportal.de/pm/126571/5206722

 

06.05.2022