Sprache im Wandel
Startschuß für psycho-historische Linguistik

 

(ps) Knorke, Flotte Biene, Macker – wer sagt das noch? Veränderungen in der Sprache passieren immer und überall. Neben Variationen solcher umgangssprachlichen Begriffen finden mitunter aber auch grundlegende Bedeutungswandel statt. Aber warum eigentlich? Und welcher Voraussetzungen bedarf es, damit sich Sprache wandelt, welche Effekte zeitigt dies auf ihre Sprecher? In einem DFG-geförderten neuen Projekt unter der Federführung der Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Carola Trips wird diesen und weiteren Fragen nachgegangen. Dabei steht nicht weniger an, als die Begründung einer neuen Sprachwissenschaft.

"Diese Art von Zusammenarbeit gibt es so bislang nicht," betont Carola Trips bei der Vorstellung des neuen Forschungsprojekts. Was sie damit meint, ist die Zusammenführung von historischer Linguistik und Psycholinguistik, mit dem Ziel neue Einsichten in den Wandel der Sprache und dessen Bedingungen zu erhalten. Während die historische Linguistik als textbasierte Wissenschaft "die Veränderungen von Sprachen über längere Zeiträume hinweg" zum Gegenstand hat, ist das Thema der Psycholinguistik die aktuelle Wahrnehmung, Aneignung und Verarbeitung von Sprache, was mithilfe von Laborexperimenten erhoben wird. Ziel von Trips und ihrem Team ist nun, "den Sprachwandel nicht nur aus historischer, sondern auch aus psychologischer Perspektive zu untersuchen."
 
Betrachte man beispielsweise das Mittelalter, so Trips, stoße man teils auf beträchtliche Veränderungen in den Sprachen, die nur schwierig aus sich heraus erklärt werden können. Zumal in der Linguistik die "Stabilität der Sprache" postuliert wird, gewissermaßen der Unwille eine Sprache, sich zu verändern. "Sie verändern sich vor allem, wenn sie in Kontakt mit anderen Sprachen kommen – was man am Beispiel des Mittelalters, in dem neben dem Lateinischen eine Vielzahl von romanischen und germanischen Volkssprachen gesprochen wurde, gut nachvollziehen kann. "Unsere Forschung hilft zu verstehen, wie Mehrsprachigkeit Sprachwandel auslösen kann", erklärt Trips.
 
Um in den Blick zu bekommen, wie solche Veränderungen von den Sprecher*innen wahrgenommen werden und welche Auswirkungen dies auf ihr Denke haben mag, kommt der interdisziplinäre Ansatz des Projekts zum Tragen:: "Hier untersuchen die Forschenden zum Beispiel das so genannte Priming. Priming ist eine Methode aus der Psycholinguistik und bezeichnet eine subtile Beeinflussung des Denkens, Handelns oder Sprechens. Die psycholinguistische Methode machen sich nun auch die historischen Linguisten bei der Arbeit an alten Manuskripten zu Eigen. Denn so können sie besser nachweisen, dass die Schreiber von historischen Texten auch geprimt wurden, etwa weil sie bilingual waren und Strukturen aus dem Englischen ins Französische übertrugen – oder umgekehrt."
 
Aus dem Forschungsprojekt heraus soll dann nicht weniger als eine neue Disziplin entwickelt werden, die "psycho-historische Linguistik." Um die Forschung voranzutreiben und zu verstetigen wurde "ein spezielles Programm für den wissenschaftlichen Nachwuchs entwickelt und ein breit gefächertes Ausbildungsprogramm für Masterstudierende, Doktoranden und Postdoktoranden konzipiert."

Quellen:.
https://www.presseportal.de/pm/31020/5031302
https://www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung_nr_39/index.html