Traumberuf Hebamme/Geburtspfleger
Akademisierung der Geburtshilfe angelaufen / Ausbildungszahlen steigen weiterhin

 

Hebammen in Deutschland haben es nicht leicht. Der Beruf ist schlecht bezahlt, Selbstständige müssen horrende Versicherungsprämien zahlen und Deutschland ist das letzte Land in der EU, das die Ausbildung noch nicht vollständig akademisiert hat. Trotz all dieser Schwierigkeiten erfreut sich der Hebammen-/Geburtspflegerberuf stetig wachsender Beliebtheit. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Berufsschüler*innen um 61 Prozent angestiegen. Bis zum kommenden Jahr soll die Ausbildung bundesweit akademisiert sein.


"Die aktive Geburtsbegleitung, wenn das Kind auf die Welt kommt – das ist der schönste Moment. Geburten sind für mich das Schönste!", freut sich Tobias Richter, einer der wenigen männlichen Entbindungspfleger – oder auch Hebamme, wie sich Richter selbst bezeichnet, im Interview mit hr-info. Würde er "Entbindungspfleger" sagen, wisse niemand, was er eigentlich mache. Und so nennt er sich auch Hebamme – "damit die Frauen überhaupt wissen: Was bin ich denn überhaupt? Ich bin eine Hebamme!" Somit "wissen die: Wenn’s zur Sache geht, dann ist diese Person für mich da." Richter ist Hebamme in zweiter Generation, seine Mutter hat den Beruf 40 Jahre lang vorgelebt. Er wusste also, wie viel das Wissen wert ist, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben.

Dies wird wohl auch der Grund sein, weshalb die Ausbildungszahlen seit Jahren kontinuierlich steigen – gleichwohl sie noch immer nicht auf bedarfsdeckenden Zahlen kommen. Im Schuljahr 2019/20 sind 3.063 Schüler*innen auf dem Berufsweg, ein Zuwachs von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – ein Zuwachs, der keine "Ausnahmeerscheinung" darstellt, wie das Statistische Bundesamt in einer Pressemitteilung zum Thema betont. In Deutschland wurden 2020 die Beschlüsse der EU von 2013 umgesetzt, welche die Akademisierung der Hebammenausbildung festlegen. Damit bildet Deutschland EU-weit das Schlusslicht. Dennoch bietet die Umstellung nun neue Chancen. Henrike Todorow, Leiterin der Hebammenausbildung am Universitätsklinikum Leipzig, hofft, dass sie "vielleicht, wenn der erste Studiengang gelaufen ist, in den nächsten Jahren auch an erste Forschungsprojekte für die Hebammen rangehen können, das wäre so etwas, was ich ganz spannend finden würde." Mehr noch, im Gespräch mit dem MDR betont sie: "Wenn ich das so für die Hebammen sagen kann, dann ist es für uns eigentlich eine historische Chance, diese Ausbildung jetzt an eine Universität zu überführen."

Beispielsweise in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen laufen dieses Jahr ebenfalls die ersten Studiengänge an. Nina Knape, Professorin für Hebammenwissen­schaft und Studiengangsleiterin in Ludwigshafen, sagt gegenüber dem Ärzteblatt, Geburtshilfe sei eine sehr herausfordernde Tätigkeit und die Hebamme brauche "unter anderem komplexes medizinisches und psychologisches Wissen und sie muss auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft sein." Die Präsidentin des  Deutschen Hebammenverbandes, Ulrike Geppert-Orthofer, betont gegenüber dem Magazin Forschung&Lehre allerdings auch, dass "durch das Studium endlich das hohe Niveau, auf dem Hebammen arbeiten, widergespiegelt" werde.


Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2021/PD21_18_p002.html
https://www.forschung-und-lehre.de/politik/hebammen-fuerchten-nachteile-der-akademisierung-3689/
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/hebammen-ausbildung-bachelor-studiengang-100.html
https://www.hr-inforadio.de/programm/das-interview/das-interview-mit-tobias-richter-hebamme-geburten-sind-fuer-mich-das-schoenste,tobias-richter-hebamme-100.html
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/127385/Studium-der-Hebammenwissenschaften-startet-in-Rheinland-Pfalz
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/96064/Haftpflichtpraemie-fuer-Hebammen-steigt-auf-8-174-Euro