Verantwortlich: Früher der Einzelne, heute der Staat?
Krisenbewältigung vor hundert Jahren und in der Gegenwart


(hrs) Otto Epner (29) entkommt gerade dem Inferno des Weltkrieges. Für den jungen Mann ging es über vier Jahre um Leben und Tod. Auf dem Rückmarsch seiner Einheit vom letzten Kampfplatz bei Metz über Saarbrücken nach Karlsruhe erreichen seine Kameraden und ihn Meldungen von der Spanischen Grippe, die die Welt seit Mitte 1918 heimsuchen soll. Otto hat ganz andere Sorgen. Den Soldatenrock muss er bald ausziehen. Er soll wieder im zivilen Leben Fuß fassen.

Es wird wahrlich nicht die letzte einschneidende Zäsur für ihn sein. Von einem Wohlfahrtstaat, den die Bürger heute, angesichts der Coronakrise, in ihrem Rücken wissen, kann keine Rede sein. Durch alle Höhen und Tiefen des Lebens müssen sich die Menschen vor hundert Jahren weitgehend selbst durchbeißen.

Der junge Otto steht 1913/14 am Beginn einer ersten Karriere im Großhandel. Im Ausland, in Venezuela und Kolumbien, sammelt er nach einer kaufmännischen Lehre in Berlin und drei Praxisjahren in Hamburg weitere Erfahrungen in seinem Metier. Da bricht der Weltkrieg aus. Der junge Potsdamer will unbedingt, wie die allermeisten jungen Deutschen, im Felde für sein Vaterland einstehen. Ihm gelingt im letzten Augenblick die Überfahrt nach Europa. An der Ost- und Westfront kommt er als Artillerist zum Einsatz. Einmal wird er verletzt, ein zweites Mal muss er ins Lazarett wegen einer Lymphdrüsenentzündung, aber er übersteht den Krieg.

Existenzgründung, Hyperinflation, Insolvenz

Von 1920 bis 1922 ist er als Verkäufer für eine Berliner Lederwarenfabrik tätig. In dieser Zeit fasst er den Entschluss, einen eigenen Großhandel aufzubauen. Ein reicher Onkel aus Amerika schenkt Otto zu seiner Existenzgründung 1922 ein kleines Vermögen. Kaum ist er als Unternehmer gestartet, ist sein Startkapital weitgehend futsch. Die galoppierende Inflation hat es 1923 über Nacht vernichtet. Der junge Mann lässt sich nicht entmutigen. Doch an seinem 38. Geburtstag, im Juni 1927, stellt er im Kreise seiner Familie fest: Ich muss Insolvenz anmelden!

Ganz andere Bedingungen heute: Der Staat greift Unternehmen, wo es nur irgendwie möglich ist, unter die Arme. Hohe KfW-Kredite ohne Sicherheiten werden ausgegeben, Zuschüsse im "unbegrenzten" Umfang gewährt, fast zwei Jahre lang die Personalkosten für gefährdete Arbeitsplätze übernommen. Die Insolvenzordnung wird ausgesetzt.

Drei Jahre nach seiner Pleite motiviert ein Freund, der in Shanghai tätig ist, Otto zum Aufbau einer neuen Selbstständigkeit, zum Aufbau eines Ostasien-Importgeschäfts in Berlin. Der Neustart gelingt. Otto kann ein florierendes Geschäft entwickeln, endlich ein glückliches Leben führen. 25 Mitarbeiter beschäftigt er 1939. Der deutsche Angriff auf Polen, der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zertrümmert alle Hoffnung, hat auch bitterböse Folgen für ihn. Sein Hab und Gut geht im Bombenhagel unter.

Der Zweite Weltkrieg: Ottos Existenz wird zum wiederholten Mal massiv in Frage gestellt

Noch einmal bäumt er sich gegen die Unbill der Geschichte auf. Wieder versucht er eine Existenzgründung, in einer Westzone. Mit 65 Jahren gibt er den Versuch auf. Mit einer Lastenausgleichsrente - der moderne Wohlfahrtstaat zeichnet sich am Horizont ab - führt Otto bis 1986 ein bescheidenes, doch weitgehend zufriedenes Leben.

Erster und Zweiter Weltkrieg, die Pandemie der Spanischen Grippe mit weltweit bis zu 100 Millionen Opfern, mehrere gravierende Wirtschaftskrisen und Staatsformwechsel hat der Mensch überlebt. Was für ein Unterschied zu heute: Wir genießen Frieden in Mitteleuropa seit 75 Jahren. Die deutsche und die europäische Gemeinschaft erklären sich dafür verantwortlich, fast jedes Schlagloch, das dem Einzelnen widerfährt, auszugleichen. Der Staat versucht dafür zu sorgen, dass seine Bürger möglichst sorgenlos auch die Coronakrise überstehen.