"Weil alle ein Recht auf gute Bildung haben!"
Schulschließungen vergrößern soziale Kluft / Experten fordern mehr Bildungsgerechtigkeit

Seit Jahren wird sie moniert, verbessert hat sich wenig: die soziale Kluft im Bildungssystem Deutschlands bleibt ein Problem. Die pandemiebedingten Schulschließungen und die Digitalisierung verschärfen die Probleme weiter. Gerade an Haupt- und Realschulen sowie deren Äquivalenten führen sowohl fehlende technische Ausrüstung wie private Computer, sowie schwierigere Bedingungen für Homeschooling zu großen Problemen. Auch das Netzwerk Digitale Bildung fordert in einem aktuellen Positionspapier mehr Chancengerechtigkeit, wenn es um Bildung in Deutschland geht.

"Der  Zusammenhang  zwischen  der  Bildungsbeteiligung  bzw.  dem  Schulerfolg  und der sozialen Herkunft ist bei keiner vergleichbaren Industrienation so stark wie in Deutschland", konstatiert Markus Arens von der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Dieses ernüchternde Zeugnis stellt er jedoch keineswegs dieser Tage aus, sondern bereits 2007. Auch 14 Jahre später ist der Satz so aktuell wie damals.

Zwar habe sich schon vieles verbessert, so OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher – doch viele Probleme bestehen auch weiterhin. Schüler*innen aus sog. Problemvierteln, die an Schulen in "ungünstigem sozialen Umfeld" gingen, lägen bis zu drei Jahre im Leistungsniveau zurück. Beispielsweise würden sich aus Ländern wie Estland "die 20 Prozent sozial schwächsten Schüler immer noch mit dem durchschnittlichen Schüler in Deutschland messen können". Dabei lasse sich eine direkte Verbindung zwischen Chancenungleichheiten im Bildungssystem und der sozialen Mobilität im Berufsleben ziehen: "Das heißt, geringere Einkommen für Kinder benachteiligter Familien, schlechtere Aussichten am Arbeitsmarkt."

Die in Pandemiezeiten unerläßliche Digitalisierung der schulischen Bildungsmethoden trägt nun ihr übriges zu dieser Problemlage hinzu. Eine aktuelle Umfrage aus Nordrhein-Westfalen ergab: während 60% der Gymnasien ihren Schüler*innen digitale Endgeräte zur Verfügung stellen, sind es bei den Haupt- und Realschulen nur etwa 30% – also gerade dort, wo besonderer Förderbedarf besteht (wir berichteten). https://www.erfolg-im-beruf.de/vocatium-news/die-schere-geht-auf

"Die Nachwirkungen der Schulschließungen werden noch lange zu spüren sein. Deshalb sollten wir alle die kommenden Herausforderungen beherzt angehen und die Schülerinnen und Schüler und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen," sagt Dr. Sarah Henkelmann, Sprecherin des Netzwerks Digitale Bildung. "Es gilt jetzt eine echte Bildungskluft mit gemeinsamen Anstrengungen zu verhindern."

Darüber hinaus fordern die Experten eine schnellere Umsetzung des DigitalPakt Schule, damit die Kinder und Jugendlichen gute Bedingungen vorfinden, um dieses doch sehr herausfordernde Schuljahr zu bestreiten. Denn Chancengerechtigkeit in der Bildung heißt auch, Lernunterschiede auszugleichen. Das sei mit Hilfe digitaler Lernwerkzeuge vor allem in Pandemiezeiten leichter möglich als mit analogen, erklären die Experten im Positionspapier. "Digitale Bildung stärkt vom ersten Schultag an die Medienkompetenz und bildet die wichtigen Zukunftskompetenzen kollaboratives Lernen, Kreativität, Kommunikation und kritisches Denken aus," erklärt Dr. Henkelmann.

 

Quellen:

Arens M. (2007) Bildung und soziale Herkunft — die Vererbung der institutionellen Ungleichheit. In: Harring M., Rohlfs C., Palentien C. (Hrsg.): Perspektiven der Bildung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 137-154, hier: S. 138

Andreas Schleicher im Dlf-Interview:
https://www.deutschlandfunk.de/oecd-studie-zur-bildung-in-deutschland-sozial-schwache.680.de.html?dram:article_id=431260

Pressemitteilung Netzwerk Digitale Bildung:
https://www.presseportal.de/pm/153092/4875844