Wenig Anzeichen für Demokratiemüdigkeit unter Europas Bürgern
98 Prozent der Deutschen befürworten das demokratische System

Wenden sich Bürgerinnen und Bürger von der Demokratie ab? Neue Studien von Politik­wissenschaft­lern der Universität Mannheim widersprechen der populären These von einer um sich greifenden Demokratieverdrossenheit, informiert die Hochschule in einer Pressemitteilung. In 18 untersuchten europäischen Gesellschaften blieb die Unterstützung für die Demokratie demnach auf hohem Niveau konstant. Vereinzelte Anzeichen für eine zunehmende Offenheit gegenüber nicht-demokratischen Regierungs­formen sind nur in wenigen Ländern zu erkennen. Die Deutschen erweisen sich im internationalen Vergleich als treue Anhänger der demokratischen Idee.

Für den Erhalt des demokratischen Staats­wesens kommt es nicht nur auf konsensbereite Eliten, sondern auch auf die Bürger selbst an, heißt es weiter. Demokratien sind stabil, wenn Bürger bereit sind, ihr Recht auf Selbstregierung zu verteidigen. In Deutschland beispielsweise befürworten 98 Prozent der Bürger das demokratische System als solches. Auch zwischen den Generationen lassen sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen. Vertrauen in demokratische Institutionen wie dem Parlament fluktuierte ohne klaren Abwärtstrend. Auch zeigt sich nicht, dass Bürgerinnen und Bürger in Europa die Demokratie heutzutage als weniger wichtig erachten. Insgesamt sind die Einstellungen der Bürger zur Demokratie vor allem durch Stabilität gekennzeichnet.

"Von einer Demokratie ohne Demokraten sind wir weit entfernt"

Studien­autor Alexander Wuttke: „Dass sich die Menschen reihenweise von der Demokratie abwenden, ist ein Mythos. Von einer Demokratie ohne Demokraten sind wir weit entfernt. Jede Demokratie hat Mängel und muss sich stets erneuern. Momentan deuten aber alle verfügbaren Zahlen darauf hin, dass die Menschen in überwiegender Mehrzahl weiterhin von diesem System überzeugt sind.“

Allerdings: Das Konzept der Demokratie bei einer Befragung zu unterstützen, bedeutet noch nicht, die Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratien zu verstehen und zu befürworten. So ist beispielsweise in Italien im letzten Jahrzehnt der Anteil von „Pseudodemokraten“ gewachsen, die zwar nach eigenen Angaben das demokratische System weiterhin unterstützen, sich aber zugleich ein System mit starkem Führer ohne Parlamente wünschen.
 

Lebensfähige Demokratie ohne Opposition nicht denkbar

Gerade in Deutschland bleiben liberal-demokratische Grundprinzipien wie Meinungs­freiheit oder das Mehrparteiensystem weitgehend akzeptiert: 9 von 10 Deutschen stimmen zu, dass „eine lebens­fähige Demokratie ohne politische Opposition nicht denkbar ist“.

Insgesamt zeichnen die Studien der Mannheimer Politik­wissenschaft­ler daher ein positives Bild – auch bei der jüngeren Generation. Studien­autor Konstantin Gavras: „Oft wird gesagt, die junge Generation wüsste die Demokratie nicht zu wertschätzen, weil für sie freie Wahlen ganz selbstverständlich seien. Tatsächlich zeigen die Daten, dass die Generation Z und die Millennials ebenso sehr an der Demokratie hängen wie die Nachkriegskohorten.“

Ob die Bevölkerung im Zweifelsfall auch bereit sein wird, das demokratische System auf der Straße oder an der Wahlurne zu verteidigen, hängt jedoch auch davon ab, ob ihnen demokratische Prinzipien wichtiger sind als parteipolitische Vorlieben. Denn in den Wahlentscheidungen einzelner Bürger ist die Demokratietreue der zur Wahl stehenden Kandidaten und Parteien nur eines von mehreren Kriterien.

Dazu Prof. Dr. Harald Schoen: „Für die Stabilität der Demokratie ist die anhaltend starke Unterstützung der Bevölkerung ein gutes Zeichen, aber auf gesichertem Grund steht das System der Selbstregierung damit noch nicht. Damit ein demokratisches System dauerhaft bestehen kann, kommt es letztlich auf die Bereitschaft der Bürger an, im Zweifelsfall der Einhaltung demokratischer Prinzipien den Vorrang vor parteipolitischen Vorlieben und anderen Eigeninteressen einzuräumen.“