Ahnung und Erkenntnis
Auflösung des Ungelösten ist eine ständige Herausforderung

(hrs) „Im Ungelösten zu leben, ist unsere Bestimmung“, schreibt der Medizinhistoriker Paul Schaaf in einem Buch über die Entwicklung der ärztlichen Forschung hin zur Bakteriologie. Das 130seitige Werk ist, ohne Jahresangabe, vermutlich in der Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts publiziert worden. Den Rätseln der Welt, egal auf welchem Gebiet, steht, wie Schaaf es formuliert, „entgegen (…) unser tiefer Wunsch nach irgendeiner Orientierung, Einsicht und Bemeisterung. Wir vermögen es nicht, die Rätsel der Welt zu ertragen.“

Das Buch könnte aus der Gegenwart stammen. Aus der Gegenwart, in der die Corona-Krise die Schlagzeilen und Inhalte der Zeitungen und Zeitschriften, ob gedruckt oder elektronisch, beherrscht.

Schaaf befasste sich mit der Geschichte der medizinischen Forschung gerade auf dem Gebiet der Bakteriologie zur Eindämmung von Seuchen und Epidemien. Als einen wichtigen Weichensteller benennt er Girolamo Fracastoro, italienischer Arzt, Naturforscher und Humanist (1478-1553). Dieser lieferte, wie Schaaf dokumentierte, die erste genauere Beschreibung der Infektionskrankheiten, die er 1546 als durch Keime (Contagium) vermittelt erkannte.

Der Veronaer Fracastoro unterschied drei Arten der Ansteckung: Durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch, durch indirekten Kontakt über poröse Träger wie beispielsweise die Kleidung, oder über eine gewisse Entfernung durch die Luft. Er erkannte, dass gewöhnlich eine Ansteckungsweise spezifisch für eine Infektionskrankheit sei.

Der Weg zu den modernen Erkenntnissen, die uns Virologen wie Christian Drosten & Co vermitteln, führte über mehrere weitere Wissenschaftler*innen. Die neuen Erkentnisse haben sich oft aus einem Widerstreit zwischen eingeführten und neuen Überzeugungen herauskristallisiert. Paul Schaaf erwähnte beispielsweise einen Disput zwischen dem damals eingeführten Arzt Rudolf Virchow, der Ende des 19. Jahrhunderts als unbestrittene Autorität gilt, und einem Newcomer wie Robert Koch. Virchow hat sich mit der Erkenntnis einen großen Namen gemacht, dass die Zelle der Lebewesen entscheidend für die Entwicklung sei. Koch führte den Aspekt neu in die Diskussion ein, auf den von außen kommenden „Erreger“ käme es bei der Frage nach der Ursache von Krankheiten entscheidend an. Virchow reagierte auf Kochs Befunde mit einiger Überheblichkeit.

Der Medizinhistoriker Schaaf zog aus den fortgesetzten Diskursen, die das medizinische und sonstige Wissen befördern, den Schluss: „Immer wieder bricht die menschliche Neigung durch, aus der Betonung eines Standpunktes eine Überbetonung zu machen.“

Diese Neigung, so kann allgemein festgestellt werden, behindert eine maßvolle kulturelle Entwicklung der Menschheit. Durch extreme, respektlose, unsympathische Reaktionen von dieser und jener Seite auf neue Thesen oder neue Herausforderungen wird immer wieder aufs Neue eine friedvolle Evolution erschwert.