Aufstand der Wissenschaft für die Präsenzlehre
Digitalisierungsoffensive der Politik stößt auf Widerstand von Hochschullehrenden

(hrs) „Alle die, die später Arbeit finden sollen, brauchen Übung im Zuhören, Reden, Diskutieren. Man übt Toleranz, Einfühlung und Offenheit am besten mit echten Menschen“, mahnt die Freiburger Kunsthistorikerin Angeli Jahnsen in einem Beitrag für die „Badische Zeitung“ (Ausgabe vom 28. Juni 2020). Sie geht in ihrem Plädoyer für die Präsenzlehre, die gegenwärtig vielfach notgedrungen ins Abseits geraten ist, noch weit über die konkrete Nützlichkeitserwägung hinaus: Freie Denker und demokratische Gemeinschaften seien, argumentiert Jahnsen, nicht zuletzt das Ergebnis der von klugen Menschen einst entwickelten Präsenzlehre.

Die Politik wird indes landauf landab nicht müde, die Digitalisierung an den Hochschulen voranzutreiben. Beispielsweise erklärt die nordrhein-westfälische Landesregierung: „Die Digitalisierung stellt für die Hochschullehre einen enormen Umbruch dar. Sowohl fachliche als auch technische Neuerungen sind notwendig, um diesen begegnen zu können. Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und die Digitale Hochschule Nordrhein-Westfalen setzen sich deshalb im Rahmen der landesweiten Digitalisierungsoffensive mit verschiedenen Förderprogrammen für die Digitalisierung der Lehre an den nordrhein-westfälischen Hochschulen ein. Dabei sollen sowohl die Kompetenzen der Studierenden in einer digital geprägten Welt gestärkt als auch die entsprechenden Infrastrukturen ausgebaut werden.“ 1)

„Nur die face-to-face- ermöglicht eine soul-to-soul-Kommunikation“

Der süddeutsche Philosoph Joachim Landkammer weist darauf hin, dass der Einsatz für eine Pädagogik der Präsenz schon bei Platon wichtige Anhaltspunkte findet. Der altgriechische Vordenker habe sich für die direkte Art der Wissensvermittlung ausgesprochen, weil nur „die face-to-face- auch eine soul-to-soul-Kommunikation ermöglicht“. Der Lehrende sollte nach Platon seine Lehren in die lebendige Seele des Lernenden schreiben. Diese „Fortpflanzung“ der Inhalte werde für den physisch präsenten Gegenüber erreicht. Landkammer wörtlich: „Der Verzicht auf instantane visuelle und atmosphärische Kontroll- und Feedback-Mechanismen (z.B. schlicht „Scham“) verleitet zu Floskelhaftigkeit, Unsachlichkeit und Überheblichkeit. Die Rede an Abwesende wird zur einsamen One-Man-Show, die mit Kanonen auf kaum noch zuhörende Spatzen schießt.“ 2)

Die zitierte Argumentation von Platon, durch Kommunikation sollte die Seele der Lernenden informiert werden, erinnert daran, wie Musiker ihr Verhältnis zum Publikum erleben. Der mazedonische Künstler Naim Idrizi drückte es kürzlich so aus: "Ich erlebe es so, dass Musiker ihre Umgebung im Moment des Musizierens erhellen. ... Musikerinnen und Musiker sind Lichtsender und Energiequelle zugleich. Sie übertragen Energie auf ihr Publikum, und so entsteht eine fast magische Verbindung zwischen den Musizierenden und den Zuhörern." 3) Ist eine solch erhellende Verbindung auch in Online-Workshops möglich?

Offener Brief von 5500 Hochschullehrenden

Einzelne Meinungsäußerungen fachkundiger Wissenschaftler*innen werden die Politik kaum beeindrucken. Anders dürfte es schon sein mit einem Offenen Brief unter dem Titel „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“, der bereits von 5500 Hochschullehrenden unterschrieben wurde. Die drei Hauptsätze des Briefes lauten:

  1. "Die Universität ist ein Ort der Begegnung. Wissen, Erkenntnis, Kritik, Innovation: All dies entsteht nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes. Für diesen gesellschaftlichen Raum können virtuelle Formate keinen vollgültigen Ersatz bieten. Sie können womöglich bestimmte Inhalte vermitteln, aber gerade nicht den Prozess ihrer diskursiven, kritischen und selbständigen Aneignung in der Kommunikation der Studierenden.
  2. Studieren ist eine Lebensphase des Kollektiven. Während des Studiums erarbeiten sich die Studierenden Netzwerke, Freundschaften, Kollegialitäten, die für ihre spätere Kreativität, ihre gesellschaftliche Produktivität und Innovationskraft, für ihren beruflichen Erfolg und ihre individuelle Zufriedenheit von substantieller Bedeutung sind. Dieses Leben in einer universitären Gemeinschaft kann in virtuellen Formaten nicht nachgestellt werden.
  3. Die universitäre Lehre beruht auf einem kritischen, kooperativen und vertrauensvollen Austausch zwischen mündigen Menschen. Dafür, so sind sich Soziologie, Erziehungs-, Kognitions- und Geisteswissenschaften völlig einig, ist das Gespräch zwischen Anwesenden noch immer die beste Grundlage. Auch dies lässt sich nicht verlustfrei in virtuelle Formate übertragen." 4)

„Gesamte Institution Universität basiert dabei auf dem Präsenzprinzip“

Ist die Kritik an der Online-Lehre nur eine engstirnige deutsche Perspektive? In einem Online-Diskussionsbeitrag zu dem Offenen Brief weist ein Blogger darauf hin: „Dem Chronicle of Higher Education zufolge haben bislang 68 % der US-Universitäten erklärt, im Herbstsemester wieder in-person (also im Präsenzmodus) zu lehren; nur 7 % wollen reine online Lehre fortführen.“

Stellt die Online-Lehre die Universität generell in Frage? In einem Beitrag für die Online-Zeitschrift „Forschung&Lehre“ des Deutschen Hochschulverbandes erklären die Autoren Kai Bremer und Christoph König: „Überall, wo direktiv die Online-Lehre bis zum Semesterende zur alleinigen Unterrichtsform erklärt wurde, zeichnet sich ein Konflikt zwischen dem Dienstrecht und der im Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit ab.“ Und weiter: „Die gesamte Institution Universität basiert dabei auf dem Präsenzprinzip, so dass eine Schädigung der Wissenschaftsfreiheit und der gesamten universitären Lebensform droht, wenn es unverhältnismäßig lang außer Kraft gesetzt bleibt.“ 5)

Quellen:

  1. https://www.mkw.nrw/foerderlinien-digitalisierungsoffensive
  2. Online-Zeitschrift „Kultur/Reflexion“ der Universität Witten/Herdecke: https://kure.hypotheses.org/982
  3. Naim Idrizi, mazedonischer Künstler, geboren 1989, im Interview mit der Zeitschrift "Das Liebhaberorchester" (Ausgabe 1/2020)
  4. https://www.praesenzlehre.com
  5. https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/wie-die-neue-normalitaet-an-universitaeten-aussehen-kann-2919/