Berufswahl, Berufe und Arbeit in utopischen Staaten
Utopisten, Sozialisten und ein Nationalökonom einig: Wenige Stunden tägliche Beschäftigung reichen

(hrs) Natürlich könnte in der Welt alles viel besser sein - jedenfalls in der Utopie. Angefangen vom Land "Utopia" des Engländers Thomas Morus, das in seiner Phantasie vor 500 Jahren aufleuchtete, bis zum Gebilde "Futurum II", welches der amerikanische Verhaltenspsychologe Burrhus F. Skinner vor 50 Jahren entwarf. Stets geht es darum, Luftschlösser, zuweilen auch paradiesische Zustände zu skizzieren, abgehoben von der nüchternen, gebrechlichen menschlichen Realität.

Morus (1478-1535) erdachte, im Zeitalter der Renaissance, das sich versuchte vom dunklen Mittelalter zu emanzipieren, für ein Inselreich, dem er den Namen Utopia gab, "die beste Verfassung". Ein Jahr, bevor Morus mit 39 Jahren zum Diplomaten und Staatsmann aufstieg, veröffentlichte er sein Phantasiewerk, in dem es zur Berufsausübung und Berufswahl heißt: "Ein Gewerbe betreiben alle, Männer und Frauen ohne Unterschied: den Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. Von Jugend auf werden sie darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den Schulen, zum Teil auch auf den Feldern in der Nähe der Stadt, wohin man sie wie zu einem Spiele führt. Hier sehen sie der Arbeit nicht bloß zu, sondern üben sie auch aus und stärken bei dieser Gelegenheit zugleich ihre Körperkräfte.

Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle betreiben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf. Das ist in der Regel entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei oder das Maurer- oder das Zimmermanns- oder das Schmiedehandwerk. In keinem anderen Berufe nämlich ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen beschäftigt."

Thomas Morus präzisierte: "Von den obenerwähnten anderen Gewerben aber erlernt jeder eins, und zwar nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen. Letztere jedoch, als die körperlich Schwächeren, üben nur die leichteren Gewerbe aus; in der Regel verarbeiten sie Wolle und Flachs; den Männern weist man die übrigen, mühsameren Beschäftigungen zu. Meistenteils erlernt jeder das väterliche Handwerk; denn dazu neigen die meisten von Natur. Hat aber jemand zu einem anderen Berufe Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine Familie auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem er Lust hat. Dabei sorgen nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörden dafür, daß er zu einem würdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, wenn jemand ein Handwerk gründlich erlernt hat und noch ein anderes dazu erlernen will, so ist ihm das auf demselben Wege möglich. Versteht er dann beide, so übt er aus, welches er will, es sei denn, daß die Stadt eins von beiden nötiger braucht."

Syphogranten achten darauf, dass niemand untätig herumsitzt

Es soll auf dem Inselreich Utopia auch leitende Personen geben, die er Syphogranten nennt. Ihre besondere Aufgabe sei es, "sich angelegentlich darum zu kümmern, daß niemand untätig herumsitzt, sondern daß jeder sein Gewerbe mit Fleiß betreibt, ohne sich jedoch, gleich einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frühesten Morgen an bis in die tiefe Nacht abzumühen; denn das wäre eine mehr als sklavische Plackerei. Und doch ist das fast überall das Los der Arbeiter, außer bei den Utopiern."

Thomas Morus war sehr optimistisch: "Da die Utopier also alle in nützlichen Gewerben beschäftigt sind und diese selbst auch eine geringere Arbeitszeit erfordern, braucht man sich nicht zu wundern, daß bisweilen alle Erzeugnisse im Überfluß vorhanden sind. Dann führt man eine ungeheure Menge Arbeiter zur Ausbesserung öffentlicher Straßen, die schadhaft geworden sind, aus der Stadt hinaus; sehr oft setzt man aber auch, wenn sich keinerlei Arbeit der Art nötig macht, die Arbeitszeit von Staats wegen herab. Die Behörden zwingen nämlich die Bürger nicht zu unnötiger Arbeit; denn die Einrichtung dieses Staates hat das eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden Bedürfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst des Körpers nach Möglichkeit einzuschränken, damit die dadurch gewonnene Zeit auf die freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. Darin liegt nämlich nach ihrer Ansicht das Glück das Lebens."

Ein glückliches Leben war Morus nur bis zum 54. Jahr beschieden. Mit 56 landete er im Kerker, wo er vermutlich oft über sein "Utopia" nachsann. Mit 57, 1535, wurde er auf königlichen Befehl hin auf das Schafott geführt und enthauptet.

Insel Nova Atlantis: eine wissenschaftlich fundierte Arbeitsteilung

Sein Landsmann Francis Bacon (1561-1626) war ebenfalls Staatsmann und zudem Philosoph. Sein schriftstellerisches Schaffen beschloss er, inzwischen 63 Jahre alt, mit der utopischen Erzählung Neu-Atlantis (Nova Atlantis). Die Atlantier dringen mit Hilfe einer ausgebildeten Wissenschaft und Technik in die Geheimnisse der Kräfte der Natur ein und verstehen diese zu nutzen. Die menschliche Herrschaft wird mit Hilfe einer wissenschaftlich fundierten Arbeitsteilung erweitert bis an die Grenze des überhaupt Möglichen. Müßiggang und Zeitvergeudung sind verpönt.

Einen "Sonnenstaat" kreierte fast zeitgleich Tommaso Campanella (1568-1639). Der von der Kirche verfolgte revolutionäre Dominikanermönch fantasierte, von der Inquisition angezeigt, während langer Kerkerhaft in Neapel über eine bessere Welt. Der gebürtige Kalabrier malt sich einen hochorganisierten kommunistischen  Zwangsstaat aus, in dem die Einwohner die Wohnungen, Schlafräume, Betten und andere lebensnotwendige Dinge gemeinsam besitzen. Die Paarung für die Fortpflanzung bestimmt der Staat. Da die Gelehrten, wie es heißt, vielfach infolge des Nachdenkens schwache Triebe hätten, werden sie mit besonders lebhaften,  lebenstüchtigen und schönen Frauen verkuppelt. Umgekehrt sollen tatkräftige, rührige und jähzornige Männer mollige Frauen von sanften Sitten erhalten.

Im Sonnenstaat muss der Mensch kaum mehr als vier Stunden arbeiten

Campanella versprach den Bürgern des "Sonnenstaats": "Aber in der Sonnenstadt sind die öffentlichen Dienste, Künste, Handwerke und Arbeiten unter Alle verteilt, so dass auf den Einzelnen kaum vier Stunden treffen, die er zu arbeiten hat. Die übrige Zeit kann er mit angenehmem Studium, Disputieren, Lesen, Erzählen, Schreiben, Spazierengehen, geistigen und körperlichen Übungen und mit Vergnügen zubringen. Den Sonnenstaatlern ist kein Spiel, das im Sitzen gespielt wird, erlaubt, weder Würfel- noch Schachspiel und ähnliche; sie spielen mit dem Ball, mit Pfeil- und Hakenbüchsenschießen u.s.w." Jedoch sollen alle Solarier, bis auf die ganz jungen und alten Menschen, Dienst an der Gemeinschaft verrichten: "Der Hinkende macht sich durch Wachdienste nützlich, indem er mit seinen Augen ausspäht. Der Blinde krempelt mit seinen Händen die Wolle und sortiert die Federn, womit die Matratzen und die Kissen gestopft werden. Wer Auge und Hände verloren hat, der leistet dem Staate mit den Ohren und mit der Stimme Dienste u.s.w. und wer nur noch ein brauchbares Glied hat, der erweist sich damit dienstbereit, dass er draußen am Lande als Kundschafter irgendwelcher Art Dienste leistet."

Zur Berufsorientierung erklärte der Autor: "Man führt alle (Jugendlichen) miteinander in die verschiedenen Werkstätten, zum Schuster, zum Schneider, zum Schmiede, zum Tischler, in die Malerateliers, in die Küchen u.s.w. Damit sich die Talente auf diese Weise für ein Fach entscheiden."

Bogdanov: Auf dem roten Stern zwei Stunden tägliche Arbeit

Der russische Revolutionär und Bolschewist Alexander A. Bogdanov (1873-1928), von Beruf Arzt, schrieb 1907 einen Roman mit dem Titel "Der rote Stern". Ein irdischer Sozialist besteigt darin ein Raumschiff, das ihn zum Mars bringt. Auf dem roten Planeten ist das gesamte Leben funktionell angelegt. Das Berufsleben wird von den Bewohnern selbst bestimmt. Arbeit ist nicht Zwang, sondern Genuss. Jeder kann täglich seinen Arbeitsplatz auswählen und arbeitet so lange, wie er möchte – in der Regel zwei Stunden. Alle zu vergebenden Arbeitsaufgaben sind in den Fabriken auf einer Tafel angezeigt. Jeder wählt Aufgaben, zu der er eine Neigung verspürt und sie selbst ausführen kann. Der Autor träumte davon, dass seine Mars-Utopie schrittweise in die irdische Wirklichkeit umgesetzt wird.

Eine andere Variante kommunistischer Glückseligkeit entwarf der russische Revolutionär Jewgewenij Samjatin (1884-1937) in seinem Roman Wir (1920). Er beschrieb den "Einzigen Staat", in dem jeder Mensch, ohne Individualbewusstsein, alles hat, was er braucht, um „glücklich“ zu sein.

Futurum II: Eine Welt ohne Konflikte

„Wir bauen eine Welt auf, in der es … mit etwas Glück, gar keine Konflikte gibt“, sicherte auch der amerikanische Verhaltenspsychologe Burrhus F. Skinner (1904-1990) in seinem Werk "Futurum II" (1970) zu. „Keiner hängt sein Herz so fest an etwas, dass er unglücklich wäre, wenn es ihm versagt ist. Das gilt für die Wahl eines Mädchens wie für die Wahl eines Berufes.“ Skinner schreibt sich eine Realität herbei, die auf Technologien der Verhaltenssteuerung setzt.

Der Deutschlandfunk schreibt auf seiner Homepage: "Krisen lockern die soziale Fantasie. Die utopischen Bilder idealer Gesellschaften entstanden in einem Jahrhundert der Umbrüche und Unsicherheiten." In einer solchen Zeit leben wir - spätestens dank der Coronakrise - auch. Wann wird uns die nächste Utopie vorgestellt?

Nationalökonom Keynes prophezeite: Eine 15-Wochenstunde reicht

Eine Vision, die von einer nur geringen täglichen Arbeitszeit, versprach in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch ein namhafter Nationalökonom: John Maynard Keynes (1883-1946). Der Deutschlandfunk berichtet dazu: "Die technologische Arbeitslosigkeit, die er kommen sah, werde nur eine vorübergehende Phase sein, sie werde Europa aber in zwei oder drei Generationen so reich gemacht haben, dass die Menschen vor der größten Veränderung der Lebensumstände stünden: eine 15-Stundenwoche, drei Stunden am Tag würden reichen, um die Dinge des guten Überlebens zu produzieren." (Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/die-ideen-sind-da-doch-wir-noch-nicht-so-weit-warum-utopien.1184.de.html?dram:article_id=479615)