Beschränkung auf ein Gebiet oder offen bleiben für das Vielfache?
Vom Beruf der Wissenschaftler und der Dichter

(hrs) Wozu fühlt sich der Mensch berufen? Zieht es ihn eher zum Spezialisten oder Generalisten? Das eine Format gehört zum Wissenschaftsberuf, das andere entspricht dem der Dichter.

Die Wissenschaft, stellte der Soziologe Max Weber vor hundert Jahren fest, ist in ein Stadium der Spezialisierung eingetreten, wie es früher unbekannt gewesen sei. Der einzelne Wissenschaftler könne nur noch „im Falle strengster Spezialisierung“ noch etwas ganz Vollkommenes leisten. „Nur durch strenge Spezialisierung“, wiederholte er in seinem Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“, „kann der wissenschaftliche Arbeiter tatsächlich das Vollgefühl, einmal und vielleicht nie wieder im Leben, sich zu eigen machen: hier habe ich etwas geleistet, was dauern wird.“ Er schrieb weiter: „Eine wirklich endgültige und tüchtige Leistung ist heute stets: eine spezialistische Leistung.“

„Die Zugänge zwischen Menschen offenhalten“

Über den Beruf der Dichter grübelt Elias Canetti, selbst Schriftsteller, ein halbes Jahrhundert später nach. Er zieht verächtlich her über die Welt, „die auf Leistung und Spezialisierung angelegt ist, die nichts als Spitzen sieht, denen man in einer Art von linearer Beschränkung zustrebt…“ Diese Welt, kritisiert Canetti, mißachtet und verwischt das Vielfache, das Eigentliche. In diesem Kontext ist es nach seiner Einschätzung von kardinaler Bedeutung, dass es Menschen gibt, „welche die Zugänge zwischen den Menschen offenhalten.“ Das sei die eigentliche Aufgabe der Dichter.

Der gebürtige Bulgare Canetti, 1981 zum Literaturnobelpreisträger gekürt, steht dem Erfolg kritisch gegenüber. „Die Absicht auf Erfolg wie der Erfolg selbst haben eine verengende Wirkung.“ Wieder scheint der Vorbehalt gegenüber dem Spezialistentum durch. Canetti fährt fort: „Der Zielbewusste auf seinem Weg empfindet das Meiste, was seiner Erreichung nicht dient, als Ballast.“ 

Erfolg setzt die Eingebung, den richtigen Einfall voraus

Max Weber nähert sich dem Nachdenken über Erfolg auf einem anderen Weg. Dem Menschen müsse etwas – und zwar das Richtige – einfallen, damit er irgendetwas Wertvolles leistet.“ Das Entscheidende sei die Eingebung. „Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet sich normalerweise der Einfall vor.“ Dieser Satz könnte auch von Johann Wolfgang von Goethe stammen.

Der großartige Einfall, räumt Weber ein, kann auch von Dilettanten, bloßen Liebhabern einer Kunst oder Wissenschaft, kommen. Die Eingebung ist nicht an das professionelle Studium einer Spezialwissenschaft gebunden. „Viele unserer allerbesten Problemstellungen und Erkenntnisse verdanken wir gerade Dilettanten.“ So stehen sich also beide – hier der wissenschaftliche Spezialist, dort der „dilettantische“ Dichter - doch sehr nahe. Beide zusammen, Arbeit und Leidenschaft, locken den Einfall, schreibt Max Weber.

Harte Arbeit und Leidenschaft sind zwei Tugenden, die sich sowohl hervorragende Wissenschaftler als auch erstklassige Dichter auf ihre Fahnen schreiben.