Bücher, die „zum Singen gebracht werden“, haben eine Zukunft
Über die Entwicklung der Buchkunst / Zahlreiche Berufe beteiligt

(hrs) Informationen werden immer flüchtiger vermittelt. Online. Virtuell. Gleichwohl hat sich das Buch als beliebtes Medium für Nachrichten, Bildung und Unterhaltung bisher behauptet. Der Verfasser dieser Zeilen wagt die These: Wäre die Entwicklung andersherum verlaufen – von der elektronischen Medienherstellung hin zum auf Papier gedruckten Buch – letzteres wäre als großartige Innovation wahrgenommen werden. Der Berufe rund um die Buch(macher)kunst dürfte ein langes Leben beschieden sein.

In allen Professionen kommt es darauf an, Ideen und Produkte „zum Singen zu bringen“, sie also mit Hingabe und Leidenschaft zu verfolgen. Das hat der belgische Maler, Illustrator und Typograf Pierre Alechinsky 1987 mit seinem Buch „Carta Canta“ zum Ausdruck gebracht. Unter dem Titel „Papiergesänge“ schlugen 1992 Béatrice Hernad und Karin von Maur in die gleiche Kerbe; sie präsentierten Ergebnisse der Buchkunst des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Zeit der Computertechnik, des Destop Publishing, war damals gerade angebrochen. Zweifellos ermöglicht die virtuelle Informationswelt ungeahnte Möglichkeiten. Nicht zuletzt alte Bücher, digitalisiert, tauchen aus dunklen verstaubten Winkeln von Bibliotheken auf, werden jedermann zugänglich. Der technische Fortschritt lädt die Menschheit, wie schon immer, zu vielen neuen Spielereien ein. Nützlichen wie überflüssigen, flüchtigen wie bleibenden.

Das Buch ist auch eine technische Spielerei

Das Buch ist auch eine technische Spielerei von besonderer Attraktivität. Karin von Maur schreibt darüber wie folgt: „Das Berühren des Buches, das Fühlen der stofflichen Beschaffenheit von Einband und Papier oder der Reliefstruktur des Drucks – solche haptischen Empfindungen begleiten und bereichern das ästhetische Erlebnis vor und während der Lektüre.“ Das Buch spreche, besonders das künstlerisch gestaltete, durch eine Vielfalt sinnlicher Reize die Imagination und den Intellekt an. Aus lernpsychologischem Blickwinkel kann hinzugefügt werden: Nur was der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes begreifen kann, wird er schnell richtig verstehen. Binnen Sekunden können mehrere hundert Seiten eines Buches durchgeblättert, die inhaltliche Struktur erfasst und verstanden werden.

An der Gestaltung und Herstellung von Büchern sind zahlreiche Spezialisten beteiligt: Schriftsteller, Kaufleute/Verleger, Papierhersteller, Buchgestalter, Typografen, Mediengestalter, Kommunikationsdesigner, in Ausnahmefällen auch freischaffende Künstler, Lektoren, Drucker, Buchbinder, Mechatroniker, Buchhändler und viele mehr.

Der Buchdruck wurde bekanntlich durch Johannes Gutenberg „professionalisiert“. Das liegt über 550 Jahre zurück. Einen Zeitraum von 60.000 Jahren umspannte der Weg zur Überlieferung erster Informationen, die mit dem Faustkeil in Stein und Ton geritzt wurden. Weitere 5000 Jahre sind verstrichen von dieser frühen Artikulation von Sprache in Schriftzeichen und Bilder in die Gegenwart.

Leipzig ist „die deutsche Buchstadt“ gewesen

Ein wichtiger deutscher Ort der Entwicklung der Buchherstellung zur Buchkunst ist Leipzig. Die heutige Hochschule für Grafik und Buchkunst konzentrierte sich ab 1891 als damalige Königliche Kunstakademie und Kunstgewerbeschule zunehmend auf Berufszweige, die mit der Buchgestaltung und Buchherstellung verbunden sind. Im Jahr 1900 wird sie deswegen umbenannt in Königliche Akademie für graphische Künste. Im 150. Jubiläumsjahr ihres Bestehens geht von ihr der Anstoß aus, eine erste internationale Leistungsschau der Buchkunst – die BUGRA – nach dem Vorbild der Weltausstellungen – in Leipzig zu veranstalten. Die Folgemesse fand erst 1927, aber wieder in der deutschen „Buchstadt“ Leipzig, als „Internationale Buchkunst-Ausstellung (IBA)“ auf die Bühne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Buchmessewesen weiter - in Frankfurt am Main und Leipzig – des Eisernen Vorhanges wegen separat voneinander, um bald nach der deutschen Wiedervereinigung jährlich an beiden Orten in enger Kooperation realisiert zu werden. Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird die Buchkunst auch in West und Ost gefördert. Die Stiftung Buchkunst fördert, wie sie mitteilt, „das vorbildlich gestaltete Gebrauchsbuch und verschafft ihm durch drei bedeutende Wettbewerbe – Die Schönsten Deutschen Bücher, Förderpreis für junge Buchgestaltung sowie Schönste Bücher aus aller Welt.“ Die Bayerische Staatsbibliothek in München hat es sich seit langer Zeit zu einer Aufgabe gemacht, wie wenige andere Bibliotheken auf der Welt, eine Sammlung besonders schön gestalteter Bücher von einst und jetzt zu sammeln.

Eine Hommage an den traditionsreichen Beruf des Schriftsetzers, der erst vor wenigen Jahrzehnten moderner Namensgebung im Zuge der Digitalisierung zum Opfer fiel, verfasste vor etwa 200 Jahren der französische Schriftsteller Alphonse de Lamartine: „Durch ihre Kunst sind die Schriftsetzer so etwas wie Novizen der Literatur (...) Sein Beruf steht dem des Schriftstellers am nächsten. Wenn überhaupt Denken, Fühlen und Schreiben ein Beruf ist, so hat er zumindest den geistigsten unter den handwerklichen Berufen.“