Das „asoziale Internet“ schafft soziale Nähe
Ein Team um die Münchner Professorin Ophelia Deroy weist auf das Dilemma des Social Distancing hin

„In der Krise bringen uns nicht antisoziale Reaktionen in Bedrängnis, sondern unsere sozialen Regungen: Wir wollen zusammenrücken, dürfen aber nicht“, bringt das aktuelle gesellschaftliche Dilemma eine Mitteilung der Ludwigs-Maximilians-Universität München auf den Punkt. Ein interdisziplinäres Team um die Ophelia Deroy, Inhaberin des Lehrstuhls für Philosophy of Mind an der LMU, beschäftigt sich gegenwärtig mit dieser Problematik. „Bedrohungen machen uns noch sozialer“, sagt Deroy. „Damit umzugehen ist aktuell die größte Herausforderung für uns.“

Was aber könnte aber einen Ausweg aus diesem Dilemma sein? Ausgerechnet das Internet, meint nach der Mitteilung der LMU Deroy. In normalen Zeiten werden das Internet und soziale Medien oft als unsozial angesehen, aber in Zeiten wie diesen stelle es eine durchaus akzeptable und wirksame Alternative zur physischen Nähe dar – es ist soziale Interaktion ohne physische Nähe. Über soziale Medien können viele Menschen immerhin virtuell Nachbarn, Verwandte oder andere Gesprächspartner erreichen, heißt es weiter. „Unsere ursprünglichen Neigungen sind kooperativ, nicht egoistisch. Wir können aber die Forderung nach sozialer Distanzierung durch den Zugang zum Internet bewältigen“, sagt Chris Frith vom University College in London.

„Wie gut und wie lange die sozialen Bedürfnisse online befriedigt werden können, bleibt abzuwarten“, sagt Deroy. Schon jetzt wenden sich die Forscher aber mit zwei zentralen Empfehlungen an die Politik. Diese müsse berücksichtigen, dass die Aufforderung zu Social Distancing nicht nur politisch sehr ungewöhnlich sei, sondern dem menschlichen Wesen kognitiv und evolutionär nicht entsprechen. Der freie Zugang zum Internet, sagt die Münchner Wissenschaftlerin und Philosophin, sei in dieser Zeit nicht nur ein Beitrag zur Meinungsfreiheit, sondern auch zur öffentlichen Gesundheit. „Diese Botschaft ist wichtig, zumal gerade die Verwundbarsten auch aufgrund von Armut, Alter und Krankheit oft weniger soziale Kontakte haben.“