"Denkfreiheit und Gewissensfreiheit"
Gedanken zur Wirtschafts- und Kulturförderung vor 225 Jahren - aktuell damals wie heute

"Denkfreiheit und Gewissensfreiheit gehören zu den unentbehrlichen Bedürfnissen eines industriösen Volkes", lehrte der Volkswirtschaftler August Niemann vor gut 225 Jahren seinen Studenten an der Kieler Universität. Viele seiner Gedanken könnten für die Gegenwart verfasst sein, zum Beispiel auch diese: "Duldung aller Religionsmeinungen, sofern sie nicht bürgerliche Sicherheit und Ruhe stören, muss der Hauptgrundsaz in solchen Staaten sein, wo man Kunstfleis und Handlungsgeist erwecken will."

Niemann, damals 23 Jahre alt, stand am Anfang seiner hervorragenden wissenschaftlichen Laufbahn. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die "Polizeiwissenschaft". Den Studierenden gab er auf den Weg: "Es ist eine der vornehmsten Wünsche der Polizei, die Volksthätigkeit so zu lenken, daß der Fleis des Bürgers in jedem Gewerbe mit dem besten Erfolg belohnt werde." Nicht nur der Begriff "Polizei", auch der der "Industrie" hatte damals eine andere Bedeutung als heute. Unter "Industrie" wurde verstanden ein "verfeinerter Fleis", der im glücklichen Erfolg zum Ausdruck komme. "So ließe sich", erklärt Niemann, "vielleicht in jeder Handlung, überall wo geistige oder körperliche Fertigkeit anwendbar ist, in jeder Wissenschaft, in jeder Kunst und in jedem Gewerbe Industrie wahrnehmen ..."

In der Tradition der Aufklärung

In seiner Vorlesung über die Beförderung der Wirtschaft fuhr Niemann fort: "Englands Gewerbe sind in den lezten Jahrhunderten, seit der Beobachtung toleranter Grundsäze, erstaunlich fortgeschritten, und die Regierung arbeitet mit Sorgfalt den Trennungen entgegen, deren Same in ihrer Kirchenverfassung liegt. Holland hat der Toleranz vorzüglich den Flor seines Nahrungsstandes zu danken. Die brandenburgischen Staten wurden in jenen Zeiten, wo der Religionseifer Frankreich entvölkerte, ein trefliches Beispiel von dem wohlthätigen Einflus der Gewissensfreiheit in der Volksthätigkeit."

Der junge Kieler Wissenschaftler erkannte weiter - in der Tradition des Zeitalters der Aufklärung stehend: "Mit der Befreiung vom geistlichen Druk, erwachte in Österreich Genie und Kunstfleis, und wie vorteilhaft zeichnet es sich vor so manchem anderen Teil des katholischen Deutschlands aus, wo leider Glaubenseifer wie in Spanien das Tagewerk des Fleisses vernichtet."

"Der Geist, der in Glaubenssachen zum slavischen Nachbeten gezwungen wird, wie kan er auf neue Erfindungen verfallen und frei seinen eignen Weg gehen?", fragte Niemann seine jungen Zuhörer, und gab zu bedenken: "Es war freilich eine Zeit, wo wir aus blinder Rechtgläubigkeit uns die Vortheile raubten, (...) wo auch bei uns die Kezermacher viel Gewalt hatten: allein die lezten Zeiträume unsrer Geschichte zeigen keine Spur mehr davon. Jegliche Religionsgenossen haben freies Bürgerrecht ..."

Quelle: August Niemann, Von der Industrie, ihren Hindernissen und Beförderungsmitteln, ein Bruchstück aus der Polizeiwissenschaft", Altona 1784. Digitalsat des Münchner DigitalisierungsZentrums