Die Bildung soll zu gelingendem Leben befähigen
Versuch, die Berufsorientierung im Sinne einer Erfolgspädagogik zu denken

(hrs) Der junge Mensch soll zu einem selbstständigen gelingenden Leben befähigt werden. Das ist ein Anspruch der freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Von dieser These ausgehend wird folgend der Versuch unternommen, die Aufgaben der Berufsorientierung im Sinne einer Erfolgspädagogik zu denken.

Mit vier Maximen, das ist die Grundthese, kann ein gelingendes Leben erreicht werden. Dies sind, zu Schlagworten verdichtet aufgezählt: Fokus, Qualität, Format und Empathie.

 

1. Die vier Maximen

Fokus: Sich Ziele setzen und erreichen: Die Welt präsentiert sich dem Einzelnen als komplexes Terrain. Abertausend Straßen könnte der (sich die Welt schrittweise bewusst machende) Mensch einschlagen. Auf Schritt und Tritt wirken aufregende, wirken süße Versuchungen auf ihn ein. Und er verspürt einen unstillbaren Hunger nach Vergnügen. Das macht ihn anfällig für Ver(w)irrungen.

Um sich im Getriebe und Getöse der Welt nicht zu verlieren, soll sich der Mensch Ziele setzen, durch die seine Entwicklung – gleichsam auf Vektorstrahlen festgezurrt – in bestimmte Richtungen geleitet wird.

Welche Ziele könnten es sein? Naheliegend sind für den Menschen solche, die seiner „Mitte“ entspringen, die seinen Potenzialen entsprechen. Zugleich sollten sie die natürlichen Voraussetzungen seines Handelns und das Existenzrecht seiner Mitmenschen respektieren. Auf den Wegstrecken seiner Pläne formt und bildet er sich zur mündigen, souveränen Person. Ein Leben lang.

Im Unterschied zum Leben, respektiv dem homo sapiens mit freiem Willen, fehlt der unbelebten Materie, unselbstständig, jedes Bewusstsein, jeder Sinn für Richtungen, in die sie sich fortbewegen soll. Sie zappelt bloß, je nach (thermischem) Erregungszustand, wild und wirr, oder lässt sich passiv, von dieser und jener Kraft, hierhin und dorthin ziehen oder treiben.

Qualität: Mit Hingabe passgenau handeln: Welches gute Ziel der Mensch auch anstrebt, lebenserfahrene Mitmenschen raten ihm: „Strenge dich an! Bearbeite deine Aufgaben mit Hingabe, mit Akribie. Deine Leistung soll deine Nächsten überzeugen, sehr zufriedenstellen – ja, begeistern.“ Auf erstklassige Leistungen kommt es an. Für hervorragende Leistungen wird der Mensch, nicht zuletzt, durch Glücksgefühle belohnt.

Dabei lernt der Mensch, seine Kräfte auf begrenzte Felder zu konzentrieren und diese mit Leidenschaft zu bearbeiten und zu kultivieren. Es würde ihm nicht helfen zu sagen: „Ich bin der Alleskönner!“ Niemand wird diesem Anspruch gerecht werden können. „Alles“ könnte jeder von uns, wenn überhaupt, nur oberflächlich vollbringen.

Der Mensch soll sich also davor hüten, die Grenzen seiner Betätigungsgebiete zu weit zu stecken. Das fällt, zugegeben, besonders schöpferischen und willensstarken Persönlichkeiten nicht leicht.

Format: Nach schöner Größe streben: Die Empfehlung, der Mensch möge seine Arbeit zu hoher Qualität führen, reicht auf Dauer zum gelingenden Leben nicht hin. Von dem genau produzierten Werkstück geht eine hohe Attraktivität aus; allerdings nur von geringer Reichweite. Zum Erfolg gehört auch (ideelle) Größe, ein schönes Format. Dieses strahlt weit aus – bei relativ geringer Kraftstärke.

Mit anderen Worten: Der Mensch rackert sich ab und liefert sehr gute Leistungen. Die Mitmenschen bewundern die Präzision und Funktionalität seiner Produkte. Diese Qualitäten allein genügen ihnen jedoch schon bald nicht. Für sich wirken sie zu nüchtern. Der Mensch soll sich darin üben, seine guten Leistungen gekonnt zur Sprache zu bringen.

Empathie: Wertschätzend kommunizieren: Dem Menschen ist zu empfehlen, neben der maßvollen Zielsetzung, einer "Sprache der Qualität" und eines angemessen großen schönen Formats sich auch darauf zu verstehen, respektvoll und sympathisch mit seinen Mitmenschen und der Umwelt zu kommunizieren. Personen, mit denen der Mensch auf sympathische Art verkehrt, halten sich gern in seiner Nähe auf. Sie freuen sich auf das Gespräch mit ihm. Sie reden freundlich über ihn.

Der erfolgreich agierende Mensch erhebt sich nicht hochmütig über Schwächere. Er hilft, wo es vonnöten ist. Er engagiert sich für gesellschaftliche Belange. Der Weltgemeinschaft und seinem Staat verdankt er zum erheblichen Teil sein Auskommen. Deshalb trägt er dazu bei, dass sich die Gesamtheit nachhaltig frei und kultiviert fortentwickeln kann.

 

2. Berufsorientierender Unterricht

Wie stehen die vier vorstehenden Maximen in Beziehung zum berufsorientierenden Unterricht?

Fokus: Die Lernenden entwickeln ein Bewusstsein dafür, wie wichtig das Ziele-setzen ist: tagesbezogen, fachbezogen, projektbezogen, berufsbezogen.

Der Unterricht thematisiert, dass der Mensch ständig abwägen und entscheiden soll, welche der ihm dargebotenen Chancen er ergreifen, welche Wege er wählen soll, wie er mit den Konflikten, die damit verbunden sind, umgehen möge.

Stoßen entgegengesetzte Interessen hart aufeinander, fliegen Funken. Unruhe bricht aus. Der Mensch soll sich nicht aufwiegeln und von aufgeheizten Stimmungen mitreißen lassen. Es unterliefen ihm leicht grobe Fehler. Schon das Sich-Ärgern, erst recht das Sich-Aufregen bringt Erlebnislücken und Realitätstäuschungen mit sich. Hektisch wirr herumzappeln, charakterisiert die unbelebte Materie. Der selbstbestimmte Mensch bewahrt einen kühlen Kopf.

Qualität: Die Bedeutung von Qualität können Schüler*innen namentlich beim Erlernen aller „Fachsprachen“ des Schulcurriculums erfahren: im Unterricht der Mutter- bzw. Landessprache, der Mathematik und Informatik, der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer sowie des Sports. Die Jugendlichen erleben, welch positive Gefühle mit dem Erreichen hochwertiger, passgenauer Leistungen verbunden sind.

Im Unterricht namentlich der Fachsprachen ist natürlich zu berücksichtigen, dass die Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Neigungen haben. Jeder soll entsprechend seinen individuellen Talenten gefördert werden.

Mit den Schüler*innen ist zu diskutieren: Im Streben nach Perfektion in einzelnen Fachdisziplinen schlummert die Gefahr, den Gesamtzusammenhang aus dem Auge zu verlieren. Von der kraftvollsten schnellsten Maschine, von einer hochgradig durchorganisierten Bürokratie, von wirtschaftlichen und politischen Monopolen gehen leicht bösartige Wirkungen aus.

Format: In Schulfächern wie Rhetorik und Theater sowie Kunst und Musik können sich die jungen Menschen auch darin üben, ihre Talente „groß und schön“ zur Geltung zu bringen. Sprachliche Gewandtheit, eine zum Inhalt passende Körpersprache, bildliche Ausdruckskraft und ein stimmlicher Wohlklang tragen dazu bei, das Leben mit Erfolg zu meistern.

Zugleich können die Jugendlichen dafür sensibilisiert werden, wie weitverbreitet unter einer Oberfläche des schönen Scheins und des imposanten Auftritts substanzlose und nicht selten üble Zwecke verfolgt werden. Schaumschläger und Scheinheilige sind unterwegs. Von dieser Sorte Mensch lassen sich nicht wenige Bürger immer wieder blenden.

Empathie: Die zunehmende Verbreitung von Hassreden im Internet und der rauhere Umgangston auf Straßen und Plätzen lassen einen gravierenden Mangel am Willen und an der Fähigkeit einiger Menschen zu wertschätzender Kommunikation erkennen. In Fächern wie Ethik und/oder Religion, Geschichte und Politische Bildung sowie Sport kann das faire Miteinander gelehrt und geübt werden. Vielleicht sollte eigens ein Schulfach „Empathie“ ins Curriculum der Schulen aufgenommen werden.

Die Schule und außerschulische Akteure können sich verstärkt der Aufgabe annehmen, die jungen Menschen die Relevanz eines respektvollen Umgangs mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der Natur für den eigenen Lebenserfolg und der (Welt-)Gesellschaft spüren zu lassen.

 

3. Lebenslanges Lernen

Gleich welchem Beruf die Menschen nachgehen wollen: Die vier Maximen geben ihnen einen nützlichen Richtungsmesser an die Hand. Deshalb gehören ihre Inhalte auch in das Konzept des lebenslangen Lernens.

Fokus: Im Berufsleben ist die Wichtigkeit der maßvoll zielorientierten Handlungsweise jederzeit zum Greifen nahe. Jede Firma, jede Behörde, jede Institution verfolgt spezifische Ziele.

Der (berufstätige) Mensch spürt allerdings nicht selten hundert oder tausend Meter nach der einen oder anderen täglichen Zielsetzung: Die Richtung stimmt (noch) nicht. Ein Kriterium oder mehrere Kriterien, nach denen er eine Wahl getroffen hat, erweisen sich überraschend mit Mängeln behaftet. Im Lichte dessen justiert oder ändert er die eingeschlagene Bahn.

Oder der Mensch irrt und "scheitert". Niemand will es. Alle versuchen ein Scheitern zu vermeiden. Die Erfahrung des Scheiterns hilft jedoch jedem. Der Mensch lernt aus ihr, vor allem aus ihr. Sie macht ihn, gerade auch im Beruf, viel schlauer. Fortschritt und Umkehr prägen die zwei Seiten derselben Medaille. Die Kultur des Ausprobierens ist der ideale Nährboden für großartige Erfolge.

Qualität: Im beruflichen Leben dreht sich alles, egal an welchem Platz, immer wieder um eines: Die Kollegen, Partner oder Kunden begehren eine bestimmte Leistung – sei es ein Erzeugnis, ein Dienst am Menschen oder eine wissenschaftliche Studie. Kannst der Mensch diesen Wunsch erfüllen? Verstehst er sich darauf, entsprechende Produkte herzustellen und auszustellen? Dann sollte das Publikum auf seine Lösungen (immer wieder) zugreifen.

Aus Tälern klettert der Mensch, in tausend Schritten, sie immer besser einübend, regelmäßig aufeinander folgend, den höchsten Gipfeln entgegen. Durch Sorgfalt, die ihm meist auch Freude bereitet, erledigt er seine Aufgaben ein ums andere Mal schneller. Im Beruf und in der Privatsphäre. Er verschafft sich Spiel für weitere schöne Erlebnisse. Rennt er zur Unzeit, unüberlegt, unpassend los, erreicht er, selbst bei hohem Krafteinsatz, wenig. Blinder Eifer, besagt ein geflügeltes Wort, schadet nur.

Es sollte im Berufsleben selbstverständlich sein, hochwertige, passgenaue Leistungen auf den Markt zu tragen und feilzubieten. Doch wie oft wird gegen dieses Gebot verstoßen! Im Kleinen und im Großen. Anbieter gehen auf die Vorstellungen des Kunden unvollständig ein. Die Teile eines Produkts passen nicht exakt zusammen. Allzu häufig werden „Lösungen“ erzeugt, die die Probleme in der Welt belassen oder sie sogar verschlimmern. Es hakt, wackelt, klappert, klemmt und quietscht.

Format: Regierende machen sich seit jeher die Sehnsucht der Menschen nach Größe und Schönheit zunutze. Der Staatsphilosoph Montesquieu schrieb vor 300 Jahren: „Der Prunk und der Glanz, der Könige umgibt, ist Teil ihrer Macht.“

Wenn der Berufsmensch in einem kleinen Ort ein Allerweltsprodukt herstellt, spürt er: Mit „unbedeutender“ Herkunft punktet er bei potenziellen Kunden aus großen Orten oder von größeren Unternehmen kaum. Die Kunden wollen zu ihm aufsehen, seine Leistung bewundern. Kann er keine glorreiche Adresse angeben? Dann strebe der Mensch nach einer starken Besonderheit – auch weit ausstrahlend. Sehr gute Spezialisten agieren aus namenlosen Dörfern weltweit erfolgreich.

Die Inszenierung der Leistungen verlangt Fingerspitzengefühl. Beide Komponenten sollten in die Waagschale gelegt werden: Exakte Arbeit und Charisma. Erst die Kombination der beiden Faktoren begeistert die Menschen richtig: Passgenauigkeit, angemessene „Größe“ ausstrahlend; erstklassige Leistung, umrankt von etwas Glamour und Statussymbolik.

Empathie: Der Faktor „wertschätzende Kommunikation“ wirkt gerade im Berufsleben wie ein Korrektiv: Der Mensch, der auf faire Art seine Ziele verfolgt, vermeidet übertriebenen Egoismus. Der nüchtern-passgenaue Auftritt, umwickelt vom Band der Sympathie, erscheint anziehend. Der große Auftritt, der respektvoll daherkommt, wirkt niemals protzig.

Menschen ohne empathischen Kompass missachten mitunter leichtfertig Regeln und Gesetze, um hier und dort scheinbar „schnell und einfach voranzukommen“. Sie denunzieren. Sie schrecken vor Arglist nicht zurück. Sie stoßen andere mit den Ellenbogen zur Seite. Beleidigungen und Schmähungen gedeihen in anonymer Atmosphäre. Vermummte verüben Akte des Terrors. Der Krieg kann Menschen, die sich im Glauben wähnen, nicht für ihr Handeln belangt zu werden, zu Bestien machen. Die Opfer gewalttätiger Systeme wissen ein Lied davon zu singen: Schutz- und rechtlos waren bzw. sind sie der Willkür von irregeleiteten und aufgehetzten Menschen ausgeliefert.

Natürlich ist kein Mensch vollkommen. Jedem platzt mal der Kragen, jedem widerfährt in Ausnahmesituationen ein Versprechen und Vertun. Gleichwohl: Er suche, wo immer es möglich ist, das sympathische Verhältnis zu Kollegen, Partnern, Mitbürgern und Mitmenschen.

 

Literatur:
Roderich Stintzing, Dein Beruf in vier Leitsätzen, Berlin, 2. Auflage 2018