Ein deutscher Talenttempel in Halberstadt
Der Schriftsteller Gleim baute in der Aufklärungszeit eine „Bild- und Textdatenbank“ von verdienten Persönlichkeiten auf

(hrs) Wer sind die herausragenden Talente? Welches sind ihre Verdienste? Wie sehen sie aus? Headhunter von heute werden sich solche Datenbanken, fachbezogen, auf ihren PCs angelegt haben. Einer ihrer frühen Vorgänger heißt Johann Wilhelm Ludwig Gleim, vor 300 Jahren geboren. Der Schriftsteller stand im Briefwechsel mit über 500 Personen und Persönlichkeiten. Von rund 200 Menschen, die ihn wegen ihres beruflichen Talents oder wegen anderer Verdienste besonders beeindruckten, ließ er Portäts malen. Auf der Rückseite der Bilder notierte er ihre besonderen Leistungen.

In heutiger Zeit kennt man Gleim als Schriftsteller kaum noch. Einzigartig war und ist seine Sammlung von bedeutenden Menschen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Aufklärung in voller Blüte stand. Die Idee zu der frühen „Datenbank“, die zu großen Teilen in unsere Zeit hinübergerettet wurde, kam dem im ländlichen Harzvorland aufgewachsenen Mann im Alter von knapp 30 Jahren.

Seine Berufswahl Schriftsteller hatte er schon getroffen. Ein finanzielles Auskommen war damit allerdings nicht zu erreichen. So nahm er 1747, ein Jurastudium im Rücken, die einträgliche Stelle des Verwaltungsleiters des Halberstädter Domstifts an. Von der preußischen Hauptstadt Berlin kommend, damals gut 100.000 Einwohner groß. Dort schätzte er die anregende Geselligkeit der literarisch-philosophischen Szene. Von dieser konnte in Halberstadt, auch wenn es schon damals ein hübsches Kleinstädtchen war, keine Rede sein.

Ein Vorform moderner Videochats ...

Aus der Not machte Gleim eine Tugend. Er ließ viele seiner Gesprächspartner malen. Die Porträts hängte er in seinem Wohnhaus auf. Im Geiste der Aufklärung, die den Menschen die Mündigkeit zuerkannte, werden manche Köpfe mit geöffneten Lippen – gleichsam zum Betrachter sprechend – dargestellt. Und Gleim kommuniziert mit ihnen, wenn er an sie einen Brief schreibt. Er hört die Bildnisse beim Anblick auch reden. Beispielsweise dichtet er eifersüchtig über das Porträt einer Frau: „Bild, du redest mit mir! O Bild, du lebtest, ich bitte, lebe für keinen, als mich; rede mit keinem, als mir!“ Man denkt unwillkürlich: War es eine Vorform moderner Videochats?

„Durch seine Korrespondenz mit über 500 Partnern bildete er ein Zentrum der kulturellen und literarischen Kommunikation“, ordnet der Gleim-Forscher Reimer F. Lacher den Halberstädter Schriftsteller* ein. Gleim förderte auch jüngere Schriftsteller. Schon in höherem Alter stehend, bildete sich an seinem Wohnort auch eine literarische Gesellschaft, der er beitrat. Und er wird es mit Wohlwollen verfolgt haben, dass 1765 in Halberstadt das erste deutsche Landschullehrerseminar begründet wurde, war er doch in seiner Berliner Zeit vorübergehend als Hauslehrer tätig.

Ein Besuch seiner Porträtsammlung im Halberstädter Gleimhaus, Museum der deutschen Aufklärung, ist eine Reise wert. Es ist das zweitälteste deutsche Literaturmuseum. Umfangreiche Schätze beherbergt es. Zu den porträtierten Freunden von Gleim gehörten Geistesgrößen wie Lessing, Herder und Klopstock.

*) Reimer F. Lacher, „Wer‘s sieht, der hört es reden“, in: Leuchtfeuer, 20 kulturelle Gedächtnisorte, Wolfenbüttel 2009