Ein Vorbild für Deutschland und Europa
Friedrich List kämpfte gegen staatlichen Egoismus und für eine freiheitliche Demokratie

(hrs) "Nirgends haben Menschen Bedeutendes zu Stande gebracht, wo sie nicht durch die bürgerliche Freiheit, die öffentlichen Institutionen und Gesetze unterstützt gewesen sind." Ein Satz aus einem umfangreichen Schriftwerk von Friedrich List, gestern wie heute gültig. An mangelnder Unterstützung war List, vor 200 Jahre für wichtige wirtschaftspolitische Anliegen aktiv, letztlich gescheitert.

Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, schrieb über den süddeutschen Quereinsteiger, Politiker, Visionär, Nationalökonomen, Verbandschef und Unternehmer: „Wenn der Name Friedrich List genannt wird, bekommen die Deutschen ein schlechtes Gewissen. Sie spüren: Die Tragödie, die mit ihm verbunden ist, war nur so auf deutschem Boden möglich. Sie ist eine ewige Anklage!“

Vom Schreiber zum ersten deutschen Professor der Nationalökonomie

Vierzehn Tage nach dem Ausbruch der Französischen Revolution kam Friedrich List als Sohn eines Handwerkersmeisters in der damals freien Reichsstadt Reutlingen zur Welt. Im Alter von 14 Jahren begann er eine Lehre zum Weißgerber, trat damit in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters, sattelte aber eineinhalb Jahre später um, wechselte in den württembergischen Verwaltungsdienst. Er ließ sich zum Schreiber ausbilden und kletterte die Karriereleiter im Finanzwesen empor. Mit 21 Jahren wurde er nach Tübingen versetzt. Er nutzte die Zeit, um Vorlesungen der Kameralwissenschaften und des öffentlichen Rechts an der Universität Tübingen zu hören. List wurde 1816 ans Finanzministerium in Stuttgart befördert, auf die Stelle eines Oberrevisors mit dem Titel eines Rechnungsrates. 

Längst war einem Minister der Landesregierung, zuständig für Bildung, der talentierte junge Mann aufgefallen und dieser beauftragte ihn 1817, Reformvorschläge für die universitäre Beamtenausbildung zu erarbeiten. Seine Vorschläge fielen auf fruchtbaren Boden, darunter der Aufbau einer staatswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Tübingen. Friedrich List wurde gleich zum ersten Professor für Staatsverwaltungswissenschaften ernannt. Die Universitätsbürokratie fühlte sich allerdings übergangen. Ein Jahr später veröffentlichte List Überlegungen zu einer Reform des gesamten württembergischen Verwaltungssystems. Sein Eintreten für einen konstitutionellen Liberalismus machte ihn bei seiner Regierung, die inzwischen personell neu aufgestellt war, zunehmend verdächtig.

Ein Visionär, der an den Erzkonservativen scheiterte

Als Nationalökonom trat List bei Vertretern der deutschen Wirtschaft 1819 für die Gründung eines "Allgemeinen Deutschen Handels- und Gewerbevereins" ein, des ersten deutschen Unternehmerverbands. Erfolgreich. Die Kaufleute ernannten ihn gleich zum Geschäftsführer, was List einmal mehr in der Staatsbürokratie in Misskredit brachte. Der Verband setzte sich ehrgeizige Ziele, darunter die Überwindung der innerdeutschen Zollgrenzen, die Schaffung eines deutschen Binnenmarktes. In einer Petition an die deutschen Landesregierungen kritisierte der Verein am 14. April 1819 ihre Egoismen: „Achtunddreißig Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe. Um von Hamburg nach Österreich, von Berlin in die Schweiz zu handeln, hat man zehn Staaten zu durchschneiden, zehn Zoll- und Mautordnungen zu studieren, zehnmal Durchgangszoll zu bezahlen.“

Der Bundesversammlung des Deutschen Bundes passte diese Initiative gar nicht; auch die Landesregierungen verbaten sich diese Einmischung in ihre Angelegenheiten. List verlor seinen Professorenjob. Es war das Jahr, in dem die vom Geist der Restauration feudaler Verhältnisse durchtränkten "Karlsbader Beschlüsse" gefasst wurden. List wurde dennoch nicht müde, mit Publikationen und Denkschriften im Namen seines Verbandes für freihändlerische, wirtschaftsfördernde Ideen zu werben.

List trat für Ideen ein, die erst hundert Jahre später realisiert wurden

1819 wurde er als Abgeordneter in den württembergischen Landtag gewählt. Weil er zum Zeitpunkt der Wahl noch knapp nicht das Mindestalter von 30 Jahren erreicht hatte, erkannte man ihm das Mandat wieder ab. Bei einer Nachwahl 1820 errang er für die Stadt Reutlingen erneut ein Mandat und setzte sich im Landtag für Demokratie und Freihandel ein. Im Januar 1821 führte er eine Petition in die Debatte ein, in der es hieß: "Ein oberflächlicher Blick schon auf die inneren Verhältnisse Württembergs muß den unbefangenen Beobachter überzeugen, daß die Gesetzgebung und die Verwaltung unseres Vaterlandes an Grundgebrechen leidet, welche das Mark des Landes verzehren und die bürgerliche Freiheit vernichten.“ List engagierte sich für eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung auf der Basis von frei vom Volk gewählten Vertretern und einer selbstständigen kommunalen Gerichtsbarkeit. Die Polizei beschlagnahmte die schwarz auf weiß gedruckte Petition, der Landtag entzog ihm in einer Abstimmung sein Mandat. Im April 1822 wurde er wegen der Petition zu zehn Monaten Festungshaft verurteilt.

1825 wanderte List in die USA aus, engagierte sich dort erfolgreich als Unternehmer, focht weiter für seine volkswirtschaftlichen Ideen, unterstützte 1828 Andrew Jackson als Präsidentschaftskandidat, der sich nach seiner Wahl bei List bedankte. In den Vereinigten Staaten lernte der gebürtige Reutlinger die dortigen Anfänge des Eisenbahnwesens kennen.

Zu Beginn der 1830er Jahre kehrte List nach Deutschland zurück. Über Hamburg und Leipzig, wo er weiter für die Überwindung der innerdeutschen Zollschranken und nun zudem für den zügigen Eisenbahnbau plädierte, um die gewerbliche Rückständigkeit der deutschen Staaten zu überwinden. Zum 1. Januar 1834 kam - immerhin - der Deutsche Zollverein zustande.

Über Paris, wo List von 1837-1841 wirkte, siedelte er sich schließlich in Augsburg an. 1841 erschien sein Hauptwerk "Das nationale System der Politischen Ökonomie", dem der eingangs zitierte Satz entnommen ist, das ihn zu einem Vordenker der sozialen Marktwirtschaft machte.

Seine Zeitgenossen versagten Friedrich List die Anerkennung

Friedrich List blieb es versagt, trotz zahlreicher Initiativen eine neue berufliche Position übertragen zu bekommen, in der er für seine Überzeugungen weiter kämpfen konnte. Gesundheitlich angeschlagen, eventuell mittlerweile zur Schwermut neigend, setzte er 1846 seinem Leben ein Ende.

List's bleibendes Verdienst ist es, Deutschland und auch Europa als Gemeinschaft zu verstanden zu haben, für die gleiche wirtschaftliche und politische Lebensverhältnisse herbeigeführt werden sollten. Er setzte sich dafür ein, dass Staat und Gesellschaft durch die Menschen, die gute Bildung und Ausbildung erfahren, in einer freiheitlichen Atmosphäre es zu Wohlstand bringen.

Im Jahr 1820 verteidigte er seine fortschrittliche Position im württembergischen Landtag: "Freie Kritik nur bildet die Gesetzgebung den Bedürfnissen des Volkes gemäß, durch sie allein kommen die Gebrechen vorhandener Institutionen an den Tag." Ein weiterer Satz, der nichts an Aktualität eingebüßt hat - ob im staatlichen, wirtschaftlichen und kulturell-sozialen Kontext.