"Entsetzlich, diese Fixierung auf das Glänzende"
Über die Bedeutung eines schönen, angemessen großen Formats für den Erfolg

(hrs) "Entsetzlich, diese Fixierung auf das Glänzende", schrieb der Leipziger Radjo Monk über seine ersten Eindrücke von der westdeutschen Welt der Reklame in sein Tagebuch "Blende 89" über die politische Wende.

Zur gleichen Zeit wunderte sich der Jungunternehmer Eric Schütze, wie wichtig ein schönes größeres Format im Umgang mit den Menschen ist. Arbeitsqualität ja, das verstand er bisher als sein Metier. Sich selbst mit einer gewissen Statussymbolik ins rechte Licht zu setzen, war ihm, bis vor kurzem noch Angestellter, nicht so geläufig. Das will auch gelernt sein. Und Schütze fiel bald auf: Nicht wenige Menschen versuchen sich vor allem mit einem großartigen Eindruck über die Runden zu retten.

Ein anderer Ort: Auf Schloss Glücksburg veranstaltet Ende der 80er Jahre eine Gruppe von BWL-Studenten regelmäßig eine Kulturmanagement-Tagung. Den jungen Menschen gelingt es, Wirtschaftsgrößen aus ganz Deutschland auf ihre Initiative in einem entlegenen Winkel der Republik aufmerksam zu machen. Sie beeindrucken durch die inhaltlichen Diskurse; sie verstehen es vor allem, einen gewissen Nimbus aufzubauen: jung, frech, frisch.

Radjo Monk lebte in einem staatlichen System, das das Glänzende durchaus auch einzusetzen wusste. Nur mit anderen Prioritäten als im Westen. Wo es den Machhabern der DDR – und anderen Diktaturen des Ostblocks - darum ging, die „Überlegenheit des Sozialismus“ zu demonstrieren, wurde nicht an Glanz und Pomp gespart. 

Prunk und Glanz ist Teil der Macht

Montesquieu, Staatsphilosoph des 18. Jahrhunderts, stellte, nicht als erster zu diesem Thema, fest: „Der Prunk und der Glanz, der Könige umgibt, ist Teil ihrer Macht.“

Über die Bildersprache zur Zeit des französischen Sonnenkönigs Ludwigs XIV. schreibt Peter Burke, der König "sollte gerühmt werden, verherrlicht werden, Betrachter, Hörer und Leser sollten von seiner Größe überzeugt werden." Der Hofmaler Bernini bemerkte, wie Burke wiedergibt: "Das Geheimnis bei Porträts liegt darin, das Schöne zu verstärken, Größe hinzuzufügen, das Häßliche oder Kleine zu verringern oder wegzulassen." 

In einer Studie über Mobilisierung der Massen in den ersten zehn Jahren des Bestehens der Sowjetunion ist der ungarische Autor Peter Kenez zu dem Schluss gekommen: "Noch nie zuvor ... hatten Führer dem Aspekt der Überredung ähnlich starke Beachtung geschenkt." Der russische Staat nach 1917 sei "stärker propagandagetränkt" gewesen als irgendein anderer. Kenez verweist beispielhaft auf eine Mitteilung des Smolensker Parteikomitees, in der es hieß, nur mit "Glanz, Pracht und Pomp" sei die Jugend zu beeinflussen.

"Das Oberste ist schön zurecht gemacht"

Die Sprache des Glanzes ist den Menschen im Grunde in ihre Wiege gelegt. Die Kunst der Beredsamkeit, die Rhetorik, handelt in der Antike davon, wie Menschen nicht nur inhaltlich, auch mit formalen Mitteln andere Menschen beeindrucken können. Ein Dichter und Satiriker des Mittelalters, Thomas Murner, sagt Kaufleuten nach: "Das Oberste ist schön zurechtgemacht ... Darum sagt man auch: Oben herrlich, oben süß, unten sauer." Ein Diplomat wie der Spanier Baldassare Castiglione wusste um das Jahr 1500 ebenso – auch nur ein Name und eine Stimme unter vielen – dass es die Aufgabe erfolgreicher Menschen sei, die Kunst zu ihrer glänzenden Erscheinung zu üben.

Ein ehrlicher Mann in einem schlechten Aufzug - Gottlieb Wilhelm Rabener, ein Publizist in der Zeit der Frühaufklärung, empfand diese Vorstellung "ganz unerträglich". Er schrieb weiter: "Eine ängstliche Bemühung, seinen Pflichten Genüge zu tun, bringt ihn in dreißig Jahren zu der Hochachtung nicht, zu welcher er durch ein prächtiges Kleid in vierundzwanzig Stunden gelangen kann."

Adolph Freiherr von Knigge bemerkte allerdings, dass sich oft gebildete Menschen gar nicht darauf verstehen: „Was ist es, das diesen fehlt und andre haben … - eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studieren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche: die Kunst, sich bemerken, geltend, geachtet zu machen, ohne beneidet zu werden…“

"Menschen sollen anderen gefallen"

Im Gefängnis schrieb der Anwalt Maurice Joly vor 150 Jahren das Buch „Handbuch des Aufsteigers“. Darin findet sich der Satz: „Menschen, die andere benötigen, haben nur eine Möglichkeit, diese so weit zu bringen, dass sie ihren Interessen dienstbar werden, ihnen zu gefallen.“

Die "gefällige Verpackung" spielt in der Gegenwart in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eine immense Rolle. Längst ist es üblich, auch virtuelle Ereignisse und Erscheinungen schön und groß zu inszenieren.

Schaumschläger und Scheinheilige nennen wir Menschen, die es im Bestreben zu weit treiben, anderen zu gefallen, anderen gegenüber zu glänzen. Imperien brechen zusammen, Einzelne scheitern, die einen Glanz verbreiten, der mit dem Inhalt nicht zusammen passt.

"Seine Exzellenz eilt dem vergoldeten Narr entgegen"

Der Aufklärer Rabener sah es als eine Aufgabe an, "vernünftige Bürger zu schaffen, alle Welt ... glücklich zu machen". Er gab rechtschaffend denkenden Patrioten die Beobachtung mit, dass ein allzu bescheidener Auftritt, ein beschämtes "Zur-Türe-schleichen", die Menschen nicht weiterbringe. Dagegen: Komme ein vergoldeter Narr daher, auch wenn er die Treppe herauf gefaselt laufe und den Schweiß seines betrogenen Gläubigers auf der Weste trage: "Seine Exzellenz eilt ihm entgegen" - nicht dem guten Patrioten. Und nicht nur der Fürst sei von dem vergoldeten Gauner beeindruckt, auch alle Bedienten würden sich in eine demütige Stellung begeben.

Maurice Joly riet jedoch aus schlechter Erfahrung: „Das Leben ist eine äußerst schwierige Partie … Mit Talent zu spielen, den Regeln zu folgen und nicht zu betrügen – darin besteht die Kunst des Lebens.“