Es wäre ein Beruf mit großer Zukunft: Streitkulturmanager*in
Medienwissenschaftler: Das Internet fördert die Verbreitung des bloß Populären, Emotionalen und Extremen

(hrs) Ein neuer Beruf mit Zukunft könnte heißen: Streitkulturmanager*in. Der Bedarf an diesem Berufsbild, so scheint es, ist groß. 

„Es gibt längst eine eigene, weltweit vernetzte Emotions- und Erregungsindustrie …“, warnt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem mit dem Psychologen Friedemann Schulz von Thun verfassten, Anfang 2020 erschienenen Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“. Er zitiert einen einstigen Guardian-Chefredakteur mit den Worten: „Wir sind das erste Mal in der jüngeren Geschichte mit der Möglichkeit konfrontiert, dass Gesellschaften ohne verlässliche Nachrichten auskommen müssen.“ Pörksen verweist auf Umfragen, nach denen mehr als die Hälfte der Deutschen glaube, dass sie verfälschten Nachrichten ausgesetzt seien; in Frankreich nähmen dies sogar vier von fünf Bürgern an, ähnlich in Großbritannien.

Nur 25 Jahre zuvor waren führende Politiker und Wissenschaftler von den neuen Möglichkeiten des Internets begeistert. Die Visionäre des neuen Zeitalters beschworen neue Möglichkeiten einer partizipatorischen Demokratie. Der damalige US-Vizepräsident Al Gore verklärte das Internet „zum neuen athenischen Zeitalter der Demokratie auf dem Information Superhighway“, schreiben Siegfried J. Schmidt und Guide Zurstiege in ihrem Werk „Kommunikationswissenschaft – Was sie kann, was sie will“ (2000).

„Scheitert die Demokratie?“ - diese Frage ist der Titel eines 2018 vom britischen Wissenschaftler Niheer Dasandi herausgegebenen Buches. Diese Frage steht heute, wie der Katzenjammer nach einer rauschenden Nacht, auf der politischen Agenda. Dasandi ist dennoch Optimist. 

Mangel an einer fairen Streitkultur

Pörksen und Schulz von Thun vermissen eine faire Streitkultur. In der digitalen Öffentlichkeit sei ein Anreizsystem zur Verbreitung des bloß Populären, des Emotionalen und des Extremen entstanden, stellt Pörksen fest. Der Medienwissenschaftler weiter: Wenn ein konstruktiver Diskurs verpönt werde, wenn „dieses Gespräch erlischt und durch professionelle Manipulatoren zerstört wird, wenn Desinformation und Falschnachrichten einen basalen Realitätskonsens pulverisieren, verliert eine Demokratie erst ihr inneres Leuchten und hört dann auf zu existieren.“ Sein Appell: „Wir bringen die Welt, in der wir leben, erst im Miteinander-Reden hervor.“

Friedemann Schulz von Thun betont: „Und eine Herausforderung ist im Dialog immer enthalten: auch den Gegner gelten lassen, immer zu unterstellen, dass auch er oder sie einen Zipfel der Wahrheit zu fassen gekriegt haben könnte, den es sich lohnt zu erkunden, zu erkennen und anzuerkennen.“

Ähnlich sieht das auch Dasandi: „Eine weitere entscheidende Rolle des demokratischen Systems besteht darin, dass jeder, unabhängig von seiner Gesinnung, die Möglichkeit hat, am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.“

Kunst des Miteinander-Redens eine „Jahrhundertaufgabe“

Für den Psychologen Schulz von Thun ist die Kunst des Miteinander-Redens eine „Jahrhundertaufgabe“ – eben die Entwicklung einer fruchtbaren Streitkultur. 

Wie ist es nur, fragt sich der kritische Zeitgenosse, zur Krise der Demokratie gerade mal 20 Jahre nach der großpolitischen Wende, dem Zerfall des sowjetischen Totalitarismus, gekommen? Dasandi verortet den Anfang in der 2008 ausgebrochenen Weltfinanzkrise, die Ausdruck sei erheblicher sozialer Ungleichheiten. Pörksen spricht von der Auflösung früherer relativ verlässlicher Verbindungen zugunsten des Netzes, ein „Beziehungsuniversum der schwachen Verbindungen“, in dem sich zudem extreme Nachrichten und Falschnachrichten viel schneller verbreiteten als sachlich korrekte. 

Die gegenwärtige Krise der Kommunikation ist kein singuläres Ereignis. Die Unverbindlichkeit betrachtete etwa schon Arthur Schnitzler in seinen 1927 veröffentlichten Aphorismen „Tageswirren, Gang der Zeiten“ als günstige Bedingung für die Ausbreitung von Hass. Menschen würden aus den Gefühlen der Minderwertigkeit und des Neides dort andere hassen, wo ihnen deswegen die geringste Gefahr drohe. „So werden besonders gern die etwa vorhandenen schlechten Eigenschaften der Menschen übertrieben, die zu hassen man sich entschlossen hat, es werden nicht vorhandene Eigenschaften dazu erfunden …“. Schnitzler beobachtete schon vor rund hundert Jahren: „Ein gern geübter Sport mancher Politiker, Journalisten und Snobs ist es, irgendeinem harmlosen, ehrenhaften oder selbst edel geborenen Worte einen gelben Fleck anzuheften…“.

Für künftige Streitkulturmanager*innen gäbe es also viel Arbeit. Es wäre eine menschlich-öffentliche Daueraufgabe.