Viele defensive Entscheidungen sind viel teurer als einige Fehlentscheidungen
Hundertprozentigen Erfolg wünschen sich alle, dieser ist jedoch keineswegs sicher

(hrs) Keine Frage: Zu wünschen ist, dass junge Menschen ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechend einen Lehr- bzw. Ausbildungsberuf ergreifen oder sich für ein Studienfach entscheiden. Einschlägigen Untersuchungen zufolge gelingt dies den Jugendlichen auch in sehr hohem Maße. Wenn die durchschnittliche Quote „nur“ bei 75-80 Prozent liegt, ist darin eingeschlossen das Problem, dass nicht wenige Schüler zwar den zu ihnen passenden Berufsweg gewählt haben, auf Anhieb aber mit dem Betrieb oder der Hochschule nicht harmonieren, der zur Berufs- bzw. Studienwahl dazugehört. Jung-Azubis schließen dann die Tür zu dem zuerst gewählten Lehrbetrieb und suchen sich einen anderen oder sie wechseln die Hochschule.

Manche Politiker und Funktionäre beklagen die „zu hohe Quote“ an Ausbildungs- und Studienabbrechern. Tatsächlich erreicht sie – bezogen auf bestimmte Gruppen – auch schon mal 40 bis 50 Prozent. Knapp 40 Prozent aller Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss bzw. Berufsreife gelingt es nicht, auf Anhieb ein stabiles Lehr- bzw. Ausbildungsverhältnis einzugehen. Bis zu 50 Prozent der Studierenden, die sich für manche technischen Fächer entschieden haben, wechseln die Studienrichtung, orientieren sich um und beginnen eine Lehre/Ausbildung, wagen direkt eine selbstständige Unternehmung oder finden sich unter denen, die staatlicher Hilfe bedürfen, um neu zu starten.

Welches sind die Maßstäbe für eine angeblich zu hohe Abbrecherquote

Sind die Klagen über „zu hohe Abbrecherquoten“ aber berechtigt? Welches sind die Maßstäbe für diese Beurteilung? Läuft es mit der Berufswahl irgendwo besser, dass man die durchschnittliche Erfolgsquote von 75-80 Prozent als „zu niedrig“ bewerten kann? Ist eine gewisse Zahl an Ausbildungs- und Studienabbrüchen vielleicht sogar ein gutes Zeichen?

Ein gutes Zeichen – wofür? Politiker und Wissenschaftler plädieren für eine „Kultur des Ausprobierens“ und für eine „Fehlerkultur“. Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin erklären in einer aktuellen Studie, die 950 Führungskräfte einer öffentlichen Einrichtung befragte, im Durchschnitt würden „etwa 25 Prozent der wichtigsten Entscheidungen nicht im besten Interesse der Organisation“ getroffen. Um diesen Anteil zu senken, bedürfe es einer positiven Fehlerkultur. „In einer Organisation mit einer positiven Fehlerkultur werden Misserfolge nicht stigmatisiert ...“ Die Wissenschaftler kommen auch zu dem Ergebnis: Defensive Entscheidungen, die also nicht primär im besten Interesse der Organisation seien, sondern zuerst dazu dienten, sich selbst zu schützen, verursachten nicht nur erhebliche Mehrkosten. Sie hätten „auch negative Auswirkungen auf die Innovationskraft, Mitarbeiterführung oder Kundenzufriedenheit. Damit Manager wieder die für die Organisation besten Entscheidungen treffen, braucht es eine Fehlerkultur statt einer Absicherungskultur“, sagt Gerd Gigerenzer, Mitautor der Studie.

Kann dieser Schluss auf die Gesellschaft allgemein und speziell auf die Berufsorientierung übertragen werden? Sind die Kosten defensiver Berufswahlentscheidungen, die langfristig wirken, viel höher als die Kosten der frühzeitigen Fehlererkennung und des damit verbundenen Wechsels?

"Dem Scheitern mit Respekt für den Versuch begegnen"

Erst im Sommer 2019 forderte Christian Luft, Staatssekretär für Bildung und Forschung, auf einem „Startup Summit“ der Fraunhofer-Gesellschaft und des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): „Wir brauchen eine Kultur, die das Ausprobieren fördert.“ Er kritisierte, dass es in Deutschland in Bezug auf die Gründung von neuen Unternehmen „im besten Falle eine Stagnation“ gebe. Es bedürfe einer „lebendigen Gründungskultur“. Dazu gehöre eine Kultur, „die dem Scheitern mit Respekt und Anerkennung für den Versuch begegnet. Und eine Kultur, die dabei hilft, wieder aufzustehen und es erneut zu versuchen.“

Eine solche Gründungskultur, die Fehler respektiert und anerkennt, ist schwer vorstellbar ohne breite Verankerung in der Gesellschaft. Sie schließt sicherlich die Berufsorientierung ein, in der jährlich abertausende von Schülern – „Ich AGs“ – sich zur Gründung ihrer beruflichen Erst-Existenz auf den Weg machen.

"Gestörtes Verhältnis zum Experiment"

„Wir haben in Österreich ein gestörtes Verhältnis zum Experiment“, konstatierte bereits vor einigen Jahren Gertraud Leimüller, Harvard-Absolventin und Gründerin einer auf Innovationen spezialisierten Beratungsfirma in Wien, in einem Gastbeitrag für die „Salzburger Nachrichten“. Leimüller zitierte einen bekannten Naturforscher, der einst aussprach: „Nur ein Narr macht keine Experimente.“ Sie führte fort: „Um weiterzukommen, brauchen wir vor allem eine Kultur, die das Ausprobieren erlaubt ...“ In die gleiche Kerbe schlagen Führungskräfte aus der Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft landauf landab. Nicht auf Deutschland und Österreich begrenzt.

Das Ausprobieren ist mit jeder neuen Entscheidung verbunden. Hundertprozentigen Erfolg wünschen sich alle, dieser ist jedoch keineswegs sicher. In Arbeitsverträgen gibt es die halbjährige Probezeit – aus guten Gründen. Auch Jugendliche nutzen diese als Zeit des Ausprobierens. Ein Unternehmer aus Osnabrück, Stefan Holtgreife, empfiehlt, in Betrieben eine Kultur des Ausprobierens zu installieren: „Um zu guten Ergebnissen zu kommen, brauchen wir den Mut, uns auszuprobieren und aus der Komfortzone herauszukommen“, sagte er auf einer Tagung des Bildungswerkes der Niedersächsischen Wirtschaft.

Nur jede fünfte Veränderungsinitiative in Firmen klappt

Sind Unternehmen aber nun viel besser als Jugendliche, die immerhin zu 75-80 Prozent ihre erste Berufswahl erfolgreich gestalten? Eine „Change-Fitness-Studie“, die in Kooperation mit der Universität der Bundeswehr München 2016 erstellt wurde, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass nur 20 Prozent der über 400 befragten Unternehmensvertreter des Top- und Mittel-Managements ihre umgesetzten Veränderungsinitiativen als erfolgreich eingestuft haben. Zwei Jahre zuvor seien es noch 25 Prozent gewesen. Ähnliche Untersuchungsergebnisse ließen sich lang und breit kommunizieren.

Es spricht einiges dafür, die sogenannte „Abbrecherquote“ bei Lehrlingen, Auszubildenden und Studierenden in erster Linie als ein Zeichen für Innovationskraft bereits unter Jugendlichen zu bewerten. Psychologen weisen zudem auf den hohen Lerneffekt hin, der mit einem Wechsel verbunden ist. Natürlich gibt es auch junge Menschen, die den Berufseinstieg aus eigener Kraft einfach nicht schaffen, und die der staatlichen Hilfe bedürfen.