„Grüner Wasserstoff“ entwickelt sich zu einer Jobmaschine
Zahlreiche Initiativen auf europäischer, nationalstaatlicher, regionaler und lokaler Ebene

„Solarer Wasserstoff – Technologie der Zukunft“, lautete der Titel eines Fachbuches, das 1998 erschienen ist. Bereits seit den 1980er-Jahren laufen Versuche, aus Wasserstoff den Energieträger der Zukunft zu machen. „Grüner Wasserstoff“ heißt heute das Schlagwort, das die Vision einer emissionsfreien Energiewirtschaft und vielfältiger, zum Teil neuer beruflicher Perspektiven auf den Punkt bringt.

Der kleine sachsen-anhaltinische Ort Derben an der Elbe ist gerade ein Schauplatz für das Entstehen neuester Wasserstofftechnologie. Auf der Schiffswerft Hermann Barthel, seit 220 Jahren in Familienbesitz, wird eine Weltneuheit gebaut: ein erstes Kanalschubboot mit Akku- und Wasserstoffantrieb. Der völlig neue Schiffstypus hört auf den Namen „Elektra“. Das Wasserfahrzeug wird hybrid angetrieben, mit Wasserstoff-Brennstoffzellen und E-Akkus. Als Abgas produziert es ausschließlich Wasserdampf. Die Antriebstechnik ist von Wissenschaftlern der TU Berlin in Kooperation mit außeruniversitären Partnern entwickelt worden.

Technische Universität Berlin entwickelt innovatives Schubboot

Zum Einsatz des Schiffes erklärt Prof. Dr.-Ing. Gerd Holbach, Leiter des TU-Fachgebiets Entwurf Maritimer Systeme am Institut für Schiffs- und Meerestechnik: Ab Anfang 2021 soll das Boot auf der Wasserstraße zwischen Berlin und Hamburg seinen Dienst verrichten.

Weltweit stößt der maritime Transportverkehr jährlich 940 Millionen Tonnen CO2 aus. „Entscheidend ist die erhebliche Stickoxid-, Ruß- und Feinstaubbelastung“, sagt Peter Segieth, am Projekt beteiligter TU-Wissenschaftler. Übergeordnetes Projektziel sei die Beteiligung des Verkehrsträgers Binnenschiff an den klimapolitischen Zielen der Bundesrepublik.

Hamburgs Wirtschaftssenator Westhagemann treibt das Thema voran

Die Hansestadt Hamburg profiliert sich als ein Zentrum der Wasserstoffwirtschaft. Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, parteilos, früher Chef von Siemens Nord, betonte dieser Tage: „Gerade jetzt müssen wir innovativ sein und in die Zukunft schauen. Denn die Corona-Pandemie wird Folgen für die Wirtschaft haben. Mehr denn je ist es jetzt wichtig zukunftsfähige und nachhaltige Ideen zu entwickeln und zu treiben. Das Thema Wasserstoff ist eine Riesenchance für die gesamte Wirtschaft und insbesondere für die Industrie.“

Auf Hamburgs Straßen ist dank der Brennstoffzellenbusse der Hamburger Hochbahn Wasserstoffmobilität seit 2003 Normalität. Der Vattenfall-Konzern berichtet auf seiner Homepage: „Direkt gegenüber vom Spiegel-Gebäude an der Oberbaumbrücke befindet sich die Wasserstoffstation HafenCity. Diese arbeitet nach folgendem Prinzip: Weht mehr Wind als gerade im Netz benötigt, kann sie sauberen Kraftstoff nach Bedarf produzieren. Die Anlage kann täglich bis zu 750 Kilogramm Wasserstoff bereitstellen. Diese Menge reicht aus, um 20 Linienbusse und zusätzlich weitere Pkw mit dem umweltfreundlichen Treibstoff zu versorgen. Auch die SauberBusse der Hamburger Hochbahn tanken Wasserstoff für einen sauberen Nahverkehr.“

Ein neues Wasserstoffdorf ist kürzlich im geschichtsträchtigen Chemiepark Bitterfeld-Wolfen in Betrieb gegangen, informiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer Pressemitteilung. Auf 12.000 Quadratmetern hat „HYPOS“ (Hydrogen Power Storage & Solutions East Germany) ein Versuchsfeld mit dem offiziellen Namen „H2-Netz“ aufgebaut, das die Verteilung von Wasserstoff bis hin zum Anschluss an Privathaushalte simulieren soll. Das HYPOS-Konsortium umfasst mehr als 100 Unternehmen, wissenschaftliche Institute und Forschungseinrichtungen aus ganz Deutschland und wird seit über fünf Jahren vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des „Zwanzig20“-Programms gefördert.

Zu den führenden Akteuren dieses Projektes gehört die Mitnetz Gas AG. Dirk Hünlich, Prokurist des Unternehmens, erklärt optimistisch: „Der Wasserstoff wird das Energieversorgungssystem revolutionieren. Denn er trägt maßgeblich zur Minderung der CO2-Emissionen bei, und die erneuerbaren Energien können in Wasserstoff gewandelt werden.“ Hünlich fügt nach Angaben des Bundesforschungsministeriums hinzu: „Das ist der Energieträger der Zukunft.“

NOW: Zunehmende Dynamik bei der Wasserstoffmobilität

Als ein Katalysator der Entwicklung fungiert die NOW GmbH. Hinter den drei Buchstaben des Firmennamens steht die „Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ mit Sitz in der deutschen Hauptstadt. In einer Medieninformation des Unternehmens heißt es: „Sowohl in der EU als auch in Deutschland besteht eine zunehmende Dynamik bei der Wasserstoffmobilität. So hat sich in Deutschland die Anzahl der Tankstellen in den vergangenen zwei Jahren um ein Drittel auf aktuell 83 erhöht und soll bis zum Jahr 2021 auf 140 anwachsen. Das Gasnetz kann zukünftig Wasserstoff transportieren und diese Tankstellen beliefern. Für die Herstellung von grünem Wasserstoff als Kraftstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge müssen jedoch zügig Power-to-Gas-Kapazitäten geschaffen werden.“

Eine Gemeinschaftsfirma namhafter Akteure wie Air Liquide, Daimler, Linde, OMV, Shell und Total. BMW, Honda, Hyundai, Toyota und Volkswagen heißt H2 Mobility Deutschland. Nach eigenen Angaben ist es das Ziel des Unternehmens zunächst, bis Ende des Jahres 100 Wasserstoff-Tankstellen in sieben deutschen Ballungszentren sowie entlang von Fernstraßen und Autobahnen aufzubauen. Perspektivisch sollen deutschlandweit bis zu 400 Wasserstoffstationen entstehen und so eine flächendeckende Versorgung sichern. Bisher fahren auf Deutschlands Straßen nur etwa 500 Fahrzeuge, die mit Wasserstoff betrieben werden – von insgesamt knapp 60 Millionen zugelassenen Autos aller Art.

Wettbewerb der deutschen Bundesländer um Führungspositionen

Der Wettbewerb der deutschen Bundesländer und Regionen um die Führungspositionen in der Wasserstoffwirtschaft ist voll im Gange. Im Herbst gründete sich in Bayern ein „Wasserstoffbündnis“, das Bayern zum führenden Standort bei der industriellen Fertigung von Wasserstoff-Schlüsselkomponenten machen soll. Allein in Bayern sollen 100 Wasserstofftankstellen bis 2025 eingerichtet werden.

In Baden-Württemberg sei bereits eine gute Kompetenzbasis vorhanden, erklärt das Stuttgarter Umweltministerium gegenüber der Presse. „Mehr als 90 Unternehmen und 18 Forschungseinrichtungen sind derzeit landesweit mit der Wasserstoff- und Brennstoffzellenthematik befasst.“ 13.000 Menschen könnten bis 2030 im südwestlichen Bundesland in der Branche beschäftigt werden. Eine Agentur „e-mobil BW“ treibt seit 2013 gemeinsam Projekte entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette erfolgreich voran.

In Nordrhein-Westfalen sollen sich die Regionen Köln, Düsseldorf und Steinfurt zu Modellregionen für Wasserstoffmobilität entwickeln. Das NRW-Wirtschaftsministerium erklärt dazu beispielhaft: „Das Konzept des Kreises Steinfurt sieht vor, insbesondere mit Windenergieanlagen, die ab dem Jahr 2020 keine EEG-Vergütung mehr bekommen, grünen Wasserstoff zu erzeugen. Dieser Wasserstoff wird sowohl im ÖPNV als auch für Brennstoffzellen-Fahrzeuge in der Landwirtschaft, der Entsorgungswirtschaft und der Logistik eingesetzt.“

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek erklärt zuversichtlich: „Grüner Wasserstoff ist dafür eine vielversprechende Lösung. Sie bietet enorme Chancen für den Standort Deutschland.“

Österreich: Steirische Wasserstoff-Technologie als Blackout-Vorsorge

Immer wieder sind es kleine Akteure, die mit neuen Technologien groß heraus kommen. Dazu gehört in Österreich die steierische Schladming Innovations- und Entwicklungs GmbH. Ihr Ziel war es, ein Großspeichersystem zu finden, das im Krisenfall als Notstromversorgung eingesetzt werden kann. Dieses wird nun in Gestalt eines Energiespeichers auf Wasserstoff-Basis realisiert. Der Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer erklärte: „Mit diesem Projekt beweist die Steiermark einmal mehr ihre Position als innovativstes Bundesland Österreichs. Ein Blackout könnte eine Herausforderung für uns alle sein und es macht mich stolz, dass hier mit viel Innovation und Erfindergeist ganz im Sinne der Klima- und Energiestrategie des Landes Steiermark an konkreten Lösungen gearbeitet wird.“

Roderich Stintzing