„Ich habe mit einem ganz kleinen Gehalt angefangen“
Mein Berufsweg: Wolfgerd Jansch

 

(ps) Herr Jansch, Sie sind Leiter der Baufachmesse NordBau, der größten Kompaktmesse rund ums Bauen in Nordeuropa. Können Sie uns einmal beschreiben, was die Besucher auf der NordBau erwartet?

Die NordBau ist die einzige Baufachmesse in Deutschland, die jährlich stattfindet und dabei ideal für den Mittelstand ist – nämlich das Baugeschehen für Bauunternehmen, die sich sowohl für die Baumaschinen und Baugeräte als auch für die Baustoffe, Bauelemente, Energie und Heiztechnik interessieren. Für Architekten und Ingenieure ist sie ebenfalls ideal, weil sie gewerkeübergreifend hier auf der Messe die Neuheiten, die Produkte und Dienstleistungen erfahren können. Und für die Besucher ist es eine Fachmesse mit einer hohen Fachkompetenz, aber eben eine Fachmesse, bei welcher der Endkunde, der bei der Wertschöpfungskette am Ende alles zahlen muss – ob es nun ein öffentlicher Bauherr oder ein privater Bauherr für das Eigenheim ist –, die beste Übersicht bekommt.

Trotz 20.000 Studiengängen und über 300 Ausbildungen in Deutschland kann man Leiter einer Fachmesse" nicht finden. Bevor wir herausfinden, wie Sie das geworden sind, würden wir gerne wissen, wer das geworden ist. Da fängt man ja am besten am Anfang an – mögen Sie uns kurz skizzieren, wo und wie Sie aufgewachsen sind?

Ich bin aufgewachsen in Stuttgart, Baden-Württemberg und lebte dort bis zu meinem 19. Lebensjahr. Dann bin ich durch verschiedene Stationen wie zum Beispiel einen Bundeswehrdienst bei der Marine nach Norddeutschland gekommen und dann hier auch hängengeblieben, weil mich diese Gegend so faszinierte.

Heute werden in nahezu allen Schulen Maßnahmen zur zeitigen Berufsorientierung ergriffen, das österreichische Bildungsministerium forciert sogar die sogenannte „Entrepreneurship Education". Damit sollen Fertigkeiten zur Unternehmensgründung und -führung bereits an der Schule vermittelt werden. War Berufsorientierung zu Ihrer Schulzeit in irgendeiner Form Thema?

Nein, das war sie nicht so sehr. Es ging damals eher um das Vermitteln von Grundlagen, das Verstehen von Zusammenhängen – ob in der Natur oder mit Menschen. Vieles zielte darauf ab, in den verschiedenen Bereichen wie Mathematik, Physik, Biologie, in Fremdsprachen, Deutsch usw. eine richtige Grundlage zu vermitteln, sodass man dann eine Basis hat, um weitermachen zu können – in der Lehre oder auch in einem Studium. Ein duales Studium gab es damals noch nicht, sondern stattdessen die Möglichkeit, über eine Lehre und den zweiten Bildungsweg Ausbildung und Studium zu kombinieren.

Hätten Sie sich Berufsorientierung gewünscht?

Ich glaube nicht. Das brauchten wir nicht so sehr. Damals hat man auch geschaut: „Was könnte man werden?" und „Was wird in der Wirtschaft gebraucht?" Wir waren eher so orientiert: „Womit kommt man eigentlich ganz gut durch, sodass man einen Beruf ergreifen kann, der einem den Lohn sichert?"

Und dann haben Sie sich eines Tages dazu entschlossen, eine Lehre als Koch zu beginnen. Wie ist es dazu gekommen?

Ja. Ich bin aufs Gymnasium gegangen, war aber dort nicht so erfolgreich, vielleicht auch nicht so motiviert – so was gibt es manchmal!

Soll vorkommen!

Zu der Zeit war es auch nicht so schick, mal ‘ne Ehrenrunde zu drehen. Und dann haben eben die Eltern gesagt: „Wenn Du das nicht schaffst, dann musst Du ‘ne Lehre machen." Mir war klar – weil ich damals Freunde hatte, die aus der Hotellerie kamen, aus dem Allgäu, oh das ist toll, das ist spannend! –, ich will mal in die Hotellerie gehen. Damals gab es die Möglichkeit, an einer Hotelfachschule zu studieren, dazu musste man aber zunächst eine Lehre machen. Und da gab es die Alternative zwischen Koch, Servicekraft und Hotelkaufmann. Ich habe mich damals für Koch entschieden. Das war mir von meinen Neigungen und von meiner Art her einfach am vertrautesten.

Und haben Sie dann als Koch auch gearbeitet?

Ja, das habe ich. Ich habe dann plötzlich festgestellt, dass ich über die Lehre, über das Praktische und die Berufsschule viel leichter lernen konnte. Und ich war dann auch sehr erfolgreich auf der Berufsschule, und auch meine Lehre habe ich sehr gut abgeschlossen. Danach bin ich zur Marine gekommen und habe noch meinen Wehrdienst abgeleistet. Damals erkannte man das – und dann leitete ich plötzlich für zwei Jahre ein Offiziersheim. Danach bewarb ich mich, weil man ja auch noch ein bisschen Erfahrung haben sollte, an einer der Hotelfachschulen in Deutschland. Da gab‘s noch ein bisschen Karenzzeit, und so war ich dann mal in jungen Jahren Küchenchef von einem Sporthotel in den Alpen und noch eine kurze Zeit stellvertretender Küchenchef hier an der Nordseeküste. Anschließend bin ich an die Hotelfachschule in Hamburg gegangen.

Wie ging es von da aus weiter? Sie sind ja nicht Koch geblieben …

Ja, die Hotelfachschule in Hamburg hatte ich mir ausgesucht. Das war mir von der Region her am liebsten, weil ich mich hier wohlfühlte, aber vor allem auch deshalb, weil die Ausbildung in Hamburg besonders kaufmännisch ausgerichtet war. Dort habe ich die Hotelfachschule absolviert, das sind zwei Jahre gewesen, sehr verschult. Damit fiel es mir noch leichter, die Anforderungen zu erfüllen. Ich schloss die Hotelfachschule dann mit dem Ergebnis 1,1 als „Praktischer Betriebswirt" ab. Dann kam ein Hotel aus Hamburg auf mich zu und sagte: „Können Sie sich vorstellen, bei uns zu beginnen, im kaufmännischen Bereich?" Und so habe ich damals die Entscheidung getroffen, im Hotel „Vier Jahreszeiten" – damals das zweitbeste Hotel der Welt – zu beginnen und alle Abteilungen in so einer kaufmännischen Abteilung von einem First-Class-Hotel zu durchlaufen bzw. zu leiten. Das waren Umsatzkontrolle, Einsatzkontrolle, Hauptkasse, Debitoren-Kreditoren-Buchhaltung und so weiter.

Nun sind wir aber weit entfernt von der Messe. Wie schlägt sich der Bogen dahin?

Im Hotel „Vier Jahreszeiten" wurde man dann gefordert, wenn man engagiert war und einem das Spaß machte. Und man hatte mir angeboten, dass ich auf die amerikanische Elite-Uni für die Hotellerie gehen könne, mit einem Stipendium vom Hotel, meinem Ersparten und mit einem Stipendium von der amerikanischen Universität. Ich bekam den Auftrag, für das Hotel ein neues Buchhaltungssystem mit aufzubauen. Und das habe ich dann gemacht. Man kommt von so einer Uni zurück – und dann ist der Weg nach oben ein bisschen verstopft. Da habe ich zwischendurch das Angebot angenommen, für ein Bauunternehmen, das Hotels baute, ein Pre-Opening zu machen.

Also da öffnen sich dann langsam die Türen in den Baufachbereich?

Da öffnen sich dann die Türen. Das war aber nur so eine Zwischenstation, das ging noch nicht in Richtung Baufachmesse. Aber dort bekam ich das Angebot, bei einem Unternehmen in Hamburg zu arbeiten, welches die ganzen Staatsbesuche, Messen, großen Veranstaltungen und so etwas durchführte. Auch da gab es die Verbindung zum Hotel „Vier Jahreszeiten", und so wurde ich Assistent der Geschäftsleitung und später der Leiter für dieses Unternehmen mit knapp 100 Mitarbeitern. Wie gesagt wurden dort die Veranstaltungen durchgeführt – und auch Staatsbesuche in Bonn und Berlin. Das war eine interessante, eine wirklich fantastische Tätigkeit! Da hilft einem dann der Werdegang aus so einer Hotellerie, wo eben auch viele Veranstaltungen stattfanden. Und da hatten wir auch Kontakt zu den Holstenhallen …

… die Holstenhallen in Neumünster …

… und irgendwann gab‘s dann ein Gespräch, bei dem es hieß: „Könnten Sie sich vorstellen, nicht nur Veranstaltungen im großen Stil als Dienstleistung zu machen, sondern hier eine Messe für uns zu betreuen? Wir suchen einen Nachfolger für die Prokuristin." So, und da wurde es dann ernst, sodass ich in die Messe einstieg, indem ich die Nachfolge der damaligen Prokuristin übernahm und somit Messeleiter wurde.

Messeleitung und, heute würde man vielleicht sagen „Eventmanagement", gehen zwar in die gleiche Richtung, eine Messe hat aber doch ganz andere Dimensionen, etwa in der Vor- und Nachbereitung, Ihre Gäste sind plötzlich auch Kunden usw. Zugleich zeigen Studien, dass eine erstaunlich große Zahl der Jugendlichen am Ende doch nach beruflicher Sicherheit strebt. Das ist ja so ein Wechsel nicht. Hatten Sie auch Bedenken diesen Schritt zu wagen? Oder war der Reiz des Neuen zu groß?

Nein, Bedenken gab es bei mir nicht beim Arbeitsplatzwechsel. Berufliche Sicherheit ist auch mir sehr wichtig, das war früher aber mindestens schon genauso. Aber man hatte sich einen Beruf ausgesucht, von dem man dachte, dass man immer eine Stelle bekommt, wenn man gut ist. Aber das ist heute bei der Situation Arbeitskräftemangel für die Arbeitnehmerseite noch viel günstiger als früher. Da braucht ein Mensch keine Angst haben, mal ohne Job da zu stehen. Ein besonderer Aspekt ist sicherlich die Hotellerie und Gastronomie, in der man es gewohnt ist - und es geradezu erwünscht ist -, Arbeitsplätze zu wechseln um viel Erfahrung zu sammeln. Darum hat diese Berufsgruppe wohl kaum Bedenken Arbeitsstellen zu wechseln.

Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag bei Ihnen aus? Gibt es so etwas?

Klar gibt es das, dass man Bürozeiten hat und wir hier anwesend und erreichbar sind – das ist ganz normal wie bei anderen Bürotätigkeiten auch. Was natürlich noch dazu kommt, ist, dass man auch sehr viele Abstimmungsgespräche mit Verbänden, Institutionen und Ministerien hat. Die finden dann manchmal auch außerhalb der normalen Arbeitszeiten statt. Und auch manchmal außerhalb der Örtlichkeiten, wo wir uns befinden, weil diese Messe – auch etwas Besonderes – sehr viel nach draußen geht, wobei wir jedes Jahr mindestens ein bis zwei Sonderthemen in den Fokus stellen.

Können Sie da Beispiele nennen?

Ja, wir haben jetzt ganz aktuell ein Beispiel, bei dem wir Dachgeschossausbau und -aufstockung machen, aufgrund der Situation, dass in den Ballungsräumen und den Speckgürteln – zum Beispiel in der Metropolregion Hamburg – der Wohnraum knapp ist. Deshalb kam das Innenministerium auf uns zu und fragte, ob wir nicht zu dem Thema eine Sonderschau machen können. Das Land Schleswig-Holstein hat die Bauordnung dahingehend erleichtert, dass es jetzt möglich ist, durch Dachaufstockung oder Dachausbau schnell Wohnraum zu schaffen – und dazu entwickeln wir dann mit anderen Partnern wie dem Landesinnungsverband der Dachdecker eine Sonderschau. Solche Abstimmungsgespräche finden manchmal im Ministerium statt, bei den Verbänden usw.

Jetzt haben wir über Ihren ja wirklich ereignisreichen Werdegang gesprochen – gab es auch Zeiten, in denen Sie sich wünschten, Sie wären einfach Koch geblieben?

Nein, das gab‘s eigentlich nicht, weil die ursprüngliche Idee ja auch war, in die Hotellerie zu gehen. Dass aus der Hotellerie dann Veranstaltungen wurden, so wie man es im Hotel ja auch hat, und das im großen Stil, und dann auch eine Messe – das habe ich so nicht erwartet. Aber was mir geholfen hat und wo ich heute sagen würde: „Das reiht sich alles nahtlos aneinander", sind die vielen Erfahrungen, die ich auf den Stationen gemacht habe. Die haben mir immer geholfen, den nächsten Schritt zu gehen. Und ich glaube, das ist auch etwas, das bezeichnend ist und bei dem ich viele auch mahnen würde: Schafft euch Grundlagen, richtige Grundlagen im Leben – damit kommt ihr dann immer einen Schritt weiter. Wenn sich das anbietet.

Damit haben Sie gewissermaßen meine nächste Frage vorweggenommen. Da hätte ich gefragt, welchen Ratschlag Sie Schüler*innen mitgeben würden, die sich gerade in der Berufsorientierung befinden. Dann frage ich mal so: Haben Sie vielleicht eine zentrale Erkenntnis, von der Sie sagen: „Als ich das erkannt habe, wurde mir vieles leichter?"

Ja, sicherlich war es ein Türöffner für alle späteren Stationen, sich in den richtigen Häusern – etwa dem Hotel „Vier Jahreszeiten" – umtun zu dürfen. Da habe ich auch nicht auf die Gehaltshöhe geschaut, ich habe mit einem ganz kleinen Gehalt angefangen. Die haben sehr schnell gemerkt, wo die Qualitäten liegen, und dann kamen die Gehaltserhöhungen schon fast in Quartalssprüngen. Es ist schon sehr wichtig, dort zu arbeiten, wo man was lernen kann. Und was heute auch wichtig ist – und was auch für mich damals wichtig war –, ist das Erlernen des gesellschaftlichen Umgangs. Als ich die Lehre zum Koch begann, war ich ein schüchterner junger Mann. Nachher, durch die vielen Kontakte mit der Prominenz, mit vielen Menschen aus der Wirtschaft und der Politik, lernt man den gesellschaftlichen Umgang – und ich glaube, das ist super wichtig, denn dann kommt man ganz schnell mit anderen zusammen, die einem wieder etwas anbieten. Man muss dann auch offen sein.

Wir müssen leider langsam zum Schluss kommen. Aber eine Frage habe ich noch: Kochen Sie zu Hause?

Ja, natürlich, und leidenschaftlich gerne! Ich habe drei Kinder und die schätzen das über die Maßen. Auch wenn sie jetzt selbst schon erwachsen sind und im Berufsleben stehen, kommen sie immer wieder gerne. Die erste Frage ist dann immer: „Wollen wir zusammen essen?"

Vielen Dank für das Gespräch!