Ein Rektor fordert die obrigkeitliche Einwilligung
Aus der Geschichte der Berufswahl

»Ich halte dafür, daß ein Fürst das Recht habe, die Lebens=Art seiner Landes=Kinder durch gewisse Gesetze zu bestimmen. Wer im Stande ist, sich von der Person eines Fürsten einen rechten Begriff zu machen, der wird mit demselben zugleich dieses Recht nothwendig verbinden müssen. Ist ein Fürst derjenige, der für die Sicherheit und das Wohl des States sorgt, so muß er auch ein Recht besitzen, alles dasjenige durch Gesetze zu bestimmen, was zu diesem Endzweck erforderlich ist. Niemand wird daran zweifeln, daß die Einrichtung der Lebens=Art der Landes=Kinder zur Sicherheit und zum Wohl des Landes ein Großes beytrage.

Wie können beyde Absichten erreichet werden, wenn sich nicht zu allen Ständen des gemeinen Wesens die nöthigen Menschen finden? Es sind also diese Dinge so genau mit einander verbunden, daß sie, auch nicht einmahl in Gedanken von einander können getrennet werden. So wenig ich also glaube, daß jemand einem Fürsten das Recht absprechen wird, die Lebens=Art seiner Landes=Kinder durch Gesetze zu bestimmen, so schwer scheint die Beantwortung der Frage zu seyn, wie ein Fürst sich dieses Rechts am nützlichsten bedienen könne, und wie die Gesetze beschaffen seyn müssen, durch welche er dasselbe ausübt?

Obrigkeitliche Einwilligung nötig

Ich will meine Gedanken hierüber freymüthig eröffnen, und sie Anderer Beurtheilung getrost unterwerfen. Ich halte dafür, ein Fürst müsse zuerst gewisse allgemeine Gesetze von dieser Sache geben, und hiernächst eine besondere Obrigkeit dazu bestellen, die die Anwendung derselben in einzeln Fällen besorgte. … Was erstlich die allgemeinen Gesetze eines Fürsten wegen der Einrichtung der Lebens=Art seiner Landes=Kinder betrifft, so hielte ich hauptsächlich für nöthig: daß
1) durch ein Gesetz festgesetzt würde, daß niemand ohne vorhergegangene obrigkeitliche Einwilligung sich einer Lebens=Art widmen solle. Man darf nicht denken, daß dergleichen Gesetz zu hart oder zu strenge sey, und den Aeltern der Kinder alle Freyheit bey der Erwählung einer Lebens=Art benehme. Man kann sich auch nicht beschweren, daß durch dasselbe das Recht der Aeltern über ihre Kinder verletzet werde, noch auch, daß die Landes=Kinder dadurch zu Sclaven oder Leibeigenen des Landes=Herrn gemacht werden. Denn was den ersten Einwurf betrifft, so wird ihnen durch diese obrigkeitliche Einwilligung ganz und gar nicht ihre Freyheit genommen; nur wird dieselbe auf das Wohl der Republik gelenket, und eben dadurch verdient sie erst den Nahmen einer ächten Freyheit. … Eben so wenig läßt sich auch nur mit einigem Scheine der Wahrheit behaupten, daß die Kinder dadurch zu Leibeigenen der Obrigkeit gemacht würden; diese verlangt sie nicht zu ihrem Dienste, sondern zum Dienste des Vaterlandes, sie sucht nicht ihr eigenes Bestes, sondern das Wohl ihrer Unterthanen, ja eines jeden jungen Menschen insbesondre.

Zahlenmäßige Begrenzung

2) Wäre nöthig, daß durch ein Gesetz bestimmet würde: daß zu einer gewissen Lebens=Art sich nicht mehr junge Leute widmeten, als dazu nöthig sind, damit andern Ständen auf die Art nicht die nöthigen Menschen entzogen würden. Denn so schädlich es dem gemeinen Wesen ist, wenn sich zu gewissen Ständen gar keine oder zu wenige Leute finden, eben so schädlich ist es demselben auch, wenn ein Stand mit Leuten gar zu sehr überhäuft ist. …  
3) Müßte durch ein Gesetz befohlen werden: daß sich niemand einer Lebens=Art widmen dürfe, wozu er nicht die gehörige Fähigkeit und die nöthigen Hülfsmittel besäße. Woher entstehen in der Republik so viele unbrauchbare Menschen anders, als eben daher, weil sie eine Lebens=Art erwählt haben, zu der sie nicht die nöthige Fähigkeit besaßen!
4) Müßte durch ein Gesetz dafür gesorget werden: daß auch diejenigen Stände, welche von den wenigsten jungen Leuten, wegen ihrer Gefährlichkeit und großen Beschwerden, erwählet werden, die nöthigen Leute hätten. Man könnte entweder auf die Erwählung derselben eine Belohnung setzen, oder diejenigen, die sich zu einer andern nicht schicken, und zu dieser vorzügliche Erfordernisse haben, dazu mit Gewalt anhalten, oder die, welche sich in andern Ständen nicht fleißig und rechtschaffen verhalten, zu ihrer verdienten Strafe zu solchen Lebens=Arten zwingen. Auf diese Weise würde es gewiß auch solchen Ständen nicht an nöthigen Leuten fehlen.

Anwendung der Gesetze wird schwer sein

So leicht es aber zu seyn scheint, dergleichen Gesetze zu geben, so schwer scheint ihre Anwendung zu seyn. Was würden freylich dergleichen Gesetze helfen, wenn nicht über ihre Beobachtung gehalten würde? Damit also dieses geschehe, so halte ich dafür, sey es nöthig, daß ein gewisses Collegium, oder eine gewisse Obrigkeit bestellet werde, die, diese Gesetze auszuüben, sich angelegen seyn lasse. …

Da schwerlich ein junger Mensch in einem wohleingerichteten Lande wird anzutreffen seyn, der nicht entweder eine Schule besucht hat, oder noch besucht: so deucht mich, könnte die Sache auf die Art möglich gemacht werden, wenn dergleichen Obrigkeit nicht nur die öffentlichen Schul=Examina fleißig besuchte, sondern auch von den Lehrern jedesmahl ein Verzeichniß der Fähigkeit, des Verhaltens, des Fleißes und übriger Lebens=Umstände der jungen Leute sich geben ließe. Diese Verzeichnisse müßten in einem solchen Collegio aufgehoben werden, und nach denselben, mit Zuziehung der Aeltern und jungen Leute, ihre Lebens=Art bestimmet werden.«

Quelle: Joh. Christoph Dommerich, Rektor zu Wolfenbüttel: Gedanken von besserer Einrichtung der Lebensart junger Leute, zum Nutzen der Republik. In: Nützliche Sammlungen 1757, Seite 977ff