„Jeder Mensch wird ein Philosoph durch erfolgreiches Handeln“
Auf den Spuren alter und neuer Ideen zur Lebensform

(hrs) „Jeder Mensch wird ein Philosoph durch erfolgreiches Handeln“ – gleichsam auf diese Formel lässt sich die altertümliche Lebenseinstellung konzentrieren, erklärte der französische Philosoph Pierre Hadot in einer 1981 veröffentlichen Studie über antike und moderne Lebensformen. Der vor zehn Jahren verstorbene vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler schrieb: „Das also ist die Lehre der antiken Philosophie: Sie ist eine Aufforderung an jeden Menschen, sich selbst umzuformen.“
Im Unterschied zur Gegenwart war die Philosophie des Altertums, wie Hadot herausarbeitete, keine theoretische Angelegenheit von wissenschaftlich ausgebildeten Spezialisten, sondern eine „Übung des Denkens, der Willenskraft, der gesamten Seinsweise“, um einem weisen Handeln zuzustreben. Er zitierte den römischen Pädagogen Quintilian: „Man muss nach dem streben, was das Höchste ist.“ Dabei vertrat Quintilian die Auffassung, dass fast jeder Mensch entsprechend lernbereit sei: „Das ist für einen Menschen so selbstverständlich wie für einen Vogel das Fliegen.“

Streben zum Ich, das nur von sich selbst abhängt

Heute ist es für die Pädagogik ein Gemeinplatz, dass die Menschen zu selbstständigen, mündigen Bürgern gebildet werden. Nicht weit davon entfernt, war die Aufgabe der antiken Philosophie positioniert. „Die Philosophie verstand sich auch als eine Methode, mit der man Unabhängigkeit und innere Freiheit (autarkeia) gewinnen konnte, einen Zustand, in welchem das Ich nur von sich selbst abhängt“, führte Hadot aus.
Der französische Wissenschaftler berief sich auf mehrere Zeugnisse antiker Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Berufen, die immer wieder betonen, dass die Philosophie anwendungsbezogen wirken sollte. Die Theorien hätten direkt dem Leben zu dienen. „… aus diesem Grunde beschränkten sie sich (…) auf eine systematische, kurze und konzentrierte Zusammenfassung der Lehren, die geeignet ist, eine starke psychische Wirkung auszuüben und die leicht genug gehandhabt werden kann, um sie stets griffbereit zu haben.“

Christentum war anfangs auch eine philosophische Lebensform

Warum ist die Philosophie von heute ein Fachgebiet für Spezialisten? Pierre Hadot zufolge, der sowohl Theologie als auch Philosophie studierte und 1944 zum katholischen Priester geweiht wurde, hatte sich das Christentum anfangs auch im Sinne der antiken Tradition „als Philosophie dargestellt, als christliche Lebensform.“ In der Meditation der Mönche lebten die stoischen und platonischen Übungen der Aufmerksamkeit auf sich selbst weiter.
Im Zuge der Gründung von Universitäten im Mittelalter wurde die Philosophie allerdings zu einer „Dienerin der Theologie“ degradiert. Die Philosophie entwickelte sich „zu einer rein theoretischen und abstrakten Aktivität“. Das änderte sich, wie es Hadot skizzierte, bedingt in der anbrechenden Neuzeit. Die Philosophie wurde wieder unabhängig von der Theologie. Von Ausnahmen abgesehen, sei das Fach jedoch eine „Kathederphilosophie“, wie sich Schopenhauer ausdrückte, geblieben.

Neuer Anstoß zu einer philosophischen Lebenskunst

In der Gegenwart fing der Berliner Philosoph Wolfgang Schmid den Ball, den Pierre Hadot seinen Fachkollegen zugespielt hatte, auf, und gab einen Anstoß zu einer Neubegründung der Lebenskunst als Teildisziplin der Philosophie. Dem Menschen, so Schmid, stelle sich die Aufgabe, „selbstmächtig“ zu werden. Hadot erkannte in den Gedanken seines Landmannes Michael Focault - der Mensch solle mithilfe der Philosophie sein eigenes Ich als Kunstwerk gestalten - eine gewisse Übereinstimmung mit den antiken Ideen.