Kaiserinnen: Angela und Adelheid
Zwei starke Frauen der deutsch-europäischen Politik

(hrs) Berufswahl Staatsfrau? Wenn Angela Merkel, wie angekündigt, im Herbst 2021 ihr Amt als Bundeskanzlerin aufgibt, stand sie 16 Jahre lang an der Spitze des deutschen Staates, wirkte dann über 32 Jahre an der Gestaltung der europäischen Politik mit. Bei ihrer ersten Wahl zur Bundeskanzlerin munkelten nicht wenige damalige Zeitgenossen: In diesem Job wird sie sich nicht lange halten. Längst steht fest: Die zur Politik Berufene wird die Amtszeiten von Adenauer und Kohl erreichen bzw. übertreffen.

Gab es eine Frau vorher, die so nachhaltig auf die Politik - von Deutschland aus - in höchster Position Einfluss ausgeübt hat? Man muss lange nach dieser suchen. 

Eine Vorgängerin dürfte Angela Merkel, die „Mutti der Nation“, haben: Adelheid, geborene von Burgund. Sie war auch (mal) eingesperrt, flüchtete, setzte sich gegenüber vielen Männern durch, überstand diverse Regentenwechsel, war (ebenfalls) eine gefragte Staatsfrau. Im letzten Drittel ihrer Schaffenszeit an der Spitze des Heiligen Römischen Reiches wurde sie als „Mutter der Königreiche“ gelobt, ja schließlich posthum heilig gesprochen …

Adelheid bahnte sich vor tausend Jahren ihren Karriereweg

Von Emanzipation und „Frauenquote“ redete zur Lebzeit von Adelheid niemand. Über tausend Jahre ist es her. Sie war nach heutiger Geographie im französisch-schweizerischen Grenzgebiet aufgewachsen. Sie bahnte sich, ähnlich wie Angela Merkel, mit viel Geschick ihren Karriereweg. Als letztere, sechzehnjährig, über ein Studium der Physik nach dem Abitur nachgedacht haben mag, wurde Adelheid, noch über ihren Kopf hinweg, das erste Mal vermählt, mit dem König von Italien. So lernte sie schon in ihrer Jugend die Kunst des (Mit-)Regierens kennen. Ihr erster Gatte, Lothar, kam bald zu Tode. Ein zweiter, Otto I., später der Große genannt, bewarb sich um ihre Hand. Ab 962 war sie an ihrer Seite römisch-deutsche Kaiserin. Auch ihren zweiten Ehemann überlebte sie. Nach seinem Tod 973 stand Adelheid dem gemeinsamen Sohn Otto II. als einflussreiche Beraterin zur Seite. Als auch dieser früh starb, führte sie zunächst gemeinsam mit dessen Frau Theophanu und nach ihrem Tod allein die kaiserlichen Regierungsgeschäfte bis zur Volljährigkeit ihres Enkels, Otto III..

Nüchternheit, Mäßigung, Wohlwollen

Wenn sich eine Frau „Kaiserin“ nennen darf, die sich besonders für ihr Gemeinwesen eingesetzt hat, dann hatte sich Adelheid diesen „Berufsnamen“ jedenfalls verdient. Die Männerwelt schrieb damals einen Nachruf auf ihr 68 Jahre währendes Leben, in dem sie wegen ihrer Nüchternheit, ihres mäßigenden Charakters und ausdauernden Wohlwollens sehr gelobt wurde. Nie sei sie der Sucht nach Ehren und Reichtümern verfallen. 

Angela Merkel führt ihr Land und mitbestimmend auch Europa durch die Chancen und Risiken der staatlichen Entwicklung. Europa ist, betonte erst kürzlich wieder die Kanzlerin, ein Dreh- und Angelpunkt ihres Engagements. Das war für Adelheid nicht anders im Hochmittelalter. Europäische Solidarität sei nicht einfach nur eine humane Geste, sondern eine nachhaltige Investition, betont Merkel. Etwas, das sich für alle lohnen werde. 

Das „europäische Reich“ von Adelheid ging vor über zweihundert Jahren unter. Wäre dem nicht so, hätte sich dem Berufstitel „Kaiserin“ auch Angela Merkel, egal wie man über ihre politische Einfärbung denkt, längst würdig gezeigt.

Quellen:

Erika Uitz / Barbara Pätzold / Gerad Beyreuther, Herrscherinnen und Nonnen, Frauengestalten von der Ottonenzeit bis zu den Staufern, Berlin 1990

Gert Althoff, Otto III., Darmstadt 1996

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