Latein: Indiz für Bildung und Status?
Studie: Personen mit Lateinkenntnissen werden positiver bewertet als Personen mit modernen Fremdsprachenkenntnissen

 

Dem Erlernen von Latein in der Schule schreiben einer Studie von Soziologen der Freien Universität und der Universität Potsdam zufolge Eltern von Gymnasialkindern umfassende Vorteile zu, obwohl diese empirisch nicht belegt seien. Zudem werden Personen mit Lateinkenntnissen positiver bewertet als Personen mit Kenntnissen moderner Fremdsprachen. Die Wissenschaftler untersuchten weiterhin die Bedeutung von Lateinkenntnissen für die Wahrscheinlichkeit, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Demnach werden Personen mit Lateinkenntnissen öfter für ein Vorstellungsgespräch eingeladen als Bewerber mit einem neusprachlichen Profil.

Die Befragung unter Eltern von Gymnasialschülerinnen und -schülern habe ergeben, dass eine große Mehrheit mit dem Lernen von Latein verbinde, dass dies das logische Denken fördere, die Beherrschung der deutschen Sprache verbessere und das Erlernen weiterer Fremdsprachen erleichtere. Die Befragten seien zudem mehrheitlich der Meinung, dass Personen mit Lateinkenntnissen über eine umfassendere Allgemeinbildung und eine bessere kulturelle Bildung verfügen als Personen, die eine moderne Fremdsprache erlernt haben. Die Vorstellungen über die Vorteile von Latein seien in allen Bildungsgruppen verbreitet; in bildungshöheren Gruppen würden der lateinischen Sprache allerdings in besonderem Maße Vorteile zugeschrieben.

Die Wissenschaftler betonen, dass es für die Vorteile des Lateinlernens keine Belege gebe: Empirische Studien in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass das Erlernen von Latein weder das logische Denken noch das Erlernen von Fremdsprachen oder das grammatische Verständnis des Deutschen mehr verbessere als der Erwerb einer modernen Fremdsprache.

Dennoch könne die verbreitete Meinung über Lateinkenntnisse den Wissenschaftlern zufolge auch für das Berufsleben von Bedeutung sein: In einer weiteren Studie versendeten die Wissenschaftler fingierte Bewerbungen mit unterschiedlichem Fremdsprachenprofil auf Stellenausschreibungen. Demnach erhielten Personen mit Lateinkenntnissen ab Klasse 5 häufiger eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch als solche mit einem neusprachlichen Profil. „In einer globalisierten Welt sind moderne Fremdsprachen von deutlich größerem Nutzen als Latein als eine nicht mehr gesprochene Sprache“, sagt Jürgen Gerhards, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und einer der Autoren der Studie. „Dem Nutzen moderner Sprachen steht gegenüber, dass das Lernen von Latein als eine Art Wundermittel zur Erlangung einer Vielzahl von Kompetenzen angesehen wird. Die weitgehende empirische Widerlegung tut dem offenbar keinen Abbruch. Latein wird weiter mit Bildung und Status assoziiert.“ Die Zahl der Latein lernenden Schülerinnen und Schüler an deutschen Gymnasien habe sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von rund 26 Prozent im Jahr 1999 auf rund 31 Prozent im Jahr 2017 sogar leicht erhöht, sagt der Soziologe.

„Selbst wenn sich empirisch keine Vorteile des Erwerbs alter Sprachen nachweisen lassen, können Menschen subjektiv an solche Vorteile glauben und ihr Verhalten an ihrer Konstruktion von Wirklichkeit ausrichten“, erläutert Tim Sawert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Freien Universität und Koautor der Studie. „Besonders die bildungshöheren Gruppen, die Latein in besonderem Maße Vorteile zuschreiben, arbeiten an der Konstruktion einer Realität, von der sie selbst Nutznießer sind.“