Migration: Die Werte wandern mit
Wer hätte gedacht, dass die Herkunft der Schwiegermutter das Arbeitsverhalten von Frauen beeinflusst?

 

Von Lehrer*innen, deren Muttersprache nicht ausschließlich Deutsch ist, lernen Kinder besser lesen. Auch wenn sie selbst keinen Migrationshintergrund haben. Das ist eines der Ergebnisse, die Dr. Lisa Höckel in ihrer Dissertation über die Auswirkungen von Migration auf Gesellschaften schildert. Für die Doktorarbeit, die unter Betreuung von Prof. Dr. Thomas Bauer an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) entstanden ist, wurde Lisa Höckel mit dem Gebrüder-Deschauer-Preis 2019 ausgezeichnet. Der Preis, der auf der Absolventenfeier der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft verliehen wurde, wird vergeben von der Gesellschaft der Freunde der RUB.

„Mich hat besonders interessiert, dass bei Migrationsbewegungen nicht nur Fachkräfte den Ort wechseln, sondern Menschen, die ihre eigenen durch ihre Herkunft geprägten Wertevorstellungen mit sich bringen“, sagt Lisa Höckel über ihre Motivation. Basierend auf offiziellen und teils selbst erhobenen Befragungsdaten hat sie verschiedene Fragen untersucht.

Mütter prägen Söhne

Im ersten Teil steht der Einfluss von kulturellen Werten auf die Integration von Migrant*innen im Mittelpunkt. Lisa Höckel konnte zeigen, dass unterschiedliche kulturelle Werte in den Herkunftsländern der Eltern die Arbeitsmarktbeteiligung, Berufswahl und das Einkommen von Immigranten der zweiten Generation beeinflussen.

Darüber hinaus belegte sie, dass Geschlechterrollenverständnisse über Generationen hinweg einflussreich sind. „Wir konnten anhand von Daten aus den USA zeigen, dass US-amerikanische Frauen seltener selbst berufstätig sind, wenn ihre Schwiegermutter aus einem Land eingewandert ist, in dem es üblich ist, dass Frauen nicht arbeiten“, schildert Dr. Lisa Höckel. Für Schwiegerväter ließ sich dieser Zusammenhang nicht belegen, woraus die Forscherin folgert, dass die Mutter das Wertesystem ihres Sohnes maßgeblicher prägt.

Im zweiten Teil der Dissertation untersuchte die Wirtschaftswissenschaftlerin den Einfluss von Lehrkräften mit Migrationshintergrund auf die Schulleistungen von Kindern in Deutschland. Sie wies nach, dass Lehrkräfte mit Migrationshintergrund das Leseverständnis von Schulkindern positiv beeinflussen. „Bemerkenswert ist der Effekt dabei besonders für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, die nicht oder nicht ausschließlich Deutsch als Muttersprache angeben“, erläutert Dr. Höckel. „Sie erhöhen das Leseverständnis von Schulkindern mit und ohne Migrationshintergrund am deutlichsten.“

Migration wirkt aufs Herkunftsland zurück

Die letzte Arbeit der Dissertation widmet sich den Auswirkungen von Migration auf die Bildungsinvestitionen in Kinder im Heimatland. Dafür nutzte Lisa Höckel Befragungsdaten aus Moldawien, das stark von Abwanderung betroffen ist. „Hier ist es oft so, dass Migration vorübergehend ist, Menschen also für eine Weile im Ausland arbeiten und dann wieder zurückkommen. Oft betrifft diese episodenhafte Migration auch Elternteile von schulpflichtigen Kindern“, erklärt Lisa Höckel. Es zeigte sich, dass Migrationserfahrungen im Haushalt damit verbunden sind, dass weniger Bestechungsgelder und Nachhilfegebühren an Lehrkräfte gezahlt werden. „Wir interpretieren das so, dass Menschen mit Migrationserfahrung erlebt haben, dass diese Zahlungen in einem funktionierenden Bildungssystem nicht notwendig sind“, meint Dr. Lisa Höckel. Von Desinteresse an der Schulbildung der Kinder zeugten die Funde nicht: Migrationserfahrung im Haushalt ging auch damit einher, dass Familienangehörige mehr Zeit für die Unterstützung bei den Hausaufgaben der Kinder aufbringen.

„Die Arbeit zeigt, dass Migration viele beabsichtigte und unbeabsichtigte Auswirkungen für die Bevölkerung in Herkunfts- und Empfängerländern haben kann, und sie versucht, kulturelle Werte als einen wichtigen Einflussfaktor für eine gelungene Integration besser zu verstehen“, fasst Dr. Lisa Höckel zusammen. Sie ist seit Mai 2015 als Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe „Migration und Integration“ des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung tätig.

 

Die Gesellschaft der Freunde

Das Engagement der Gesellschaft der Freunde (GDF) ist vielfältig und hat eine lange Tradition in Bochum. Schon seit dem ersten Tag der RUB gibt es den Verein. Mit dem Geld, das die Mitglieder spenden, unterstützten sie nicht nur Nachwuchsforscherinnen und -forscher, sondern auch wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen sowie Vorträge und anderes für Bürgerinnen und Bürger im Blue Square. Damit das auch in Zukunft möglich ist, sucht die GDF neue Mitglieder.