Niedersachsern: Hebammenausbildung wird akademisiert
Das Land kalkuliert mit 185 Anfängerplätzen zur bestmöglichen Vorbereitung auf den Beruf

 

Die Hochschule Osnabrück wird einen neuen dualen Studiengang für Hebammen aufbauen. Björn Thümler, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, erklärte Ende August 2019, dass die Hochschule einer von vier Studienstandorten im Land sein wird, die diese Ausbildung in Niedersachsen übernehmen. Hintergrund ist das Hebammenreformgesetz (HebRefG), das sich im Gesetzgebungsprozess befindet, und die Ausbildung für Hebammen ab 2020 neu regelt. Möglichst viele Hebammen sollen bereits ab dem Wintersemester 2020/21 in einem dualen Studium an Hochschulen und in Praxiseinrichtungen ausgebildet werden können.

Die Studiengänge verbinden ein wissenschaftliches Studium mit längeren begleiteten Praxiszeiten, etwa in Krankenhäusern oder bei freiberuflichen Hebammen. Das Studium soll schrittweise an vier Hochschulstandorten nach neuen gesetzlichen Vorgaben aufgebaut werden: Neben der Hochschule Osnabrück erfolgt dies an der Medizinischen Hochschule Hannover, an der Universitätsmedizin Göttingen und der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen sowie an der Universität Oldenburg und der Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth.

Die Hebammenversorgung in Niedersachsen erfordere erhebliche Anstrengungen, so Thümler. Dies betreffe nicht nur die Kosten, sondern auch die Neukonzeption der Studiengänge durch die Hochschulen und die Suche nach Partnern für die praktische Ausbildung. „Eine große Herausforderung ist es auch, das akademische Personal für die Lehre zu gewinnen“, so Thümler. Neben den Hebammen, die direkt in den Beruf gehen, würden daher später auch Absolventinnen und Absolventen aus Masterstudiengängen benötigt.

„Dass die Hochschule Osnabrück mit ihrer Pionierrolle in Lehre und Forschung einer der gewählten Standorte ist, begrüßen wir sehr“, sagt Hochschulpräsident Prof. Dr. Andreas Bertram. „Es ist ein mutiger Schritt vonseiten des Landes. Ich freue mich über die Zusage, die notwendigen Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige Umsetzung zu schaffen.“

Prof. Dr. Claudia Hellmers, Beauftragte für den Studiengang Midwifery, erläutert die Bedeutung für die Hochschule: „Die Entscheidung des Landes ermöglicht uns, zusätzlich zu dem bestehenden ausbildungsergänzenden Studiengang Midwifery für Hebammen, einen neuen dualen Studiengang mit regionaler Ausrichtung aufzubauen.“ Auf den Studiengang Midwifery entfallen derzeit 45 Studienplätze. 140 weitere Studienplätze werden künftig auf die Hochschule Osnabrück und drei weitere Standorte in Niedersachsen verteilt, sodass eine Gesamtkapazität von 185 Studienplätzen entsteht.

„Der zu planende Studiengang wird die Neuregelungen des Hebammengesetzes umsetzen, und wir beabsichtigen, bereits im Ausbildungsprozess die Erfahrungen aus langjährigen Lehr- und Forschungskompetenzen für Innovationen in der Hebammenversorgung einzubringen“, betont Prof. Dr. Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaft und Mitglied des Wissenschaftsrates in Deutschland. Zu den Innovationen der Hochschule zählen zum Beispiel hebammengeleitete Versorgungsmodelle wie der Hebammenkreißsaal, der Expertinnenstandard zur Förderung der physiologischen Geburt sowie nutzerinnenorientierte Versorgungskonzepte.

„Die ausgezeichnete, langjährige Integration der Hochschule Osnabrück im wissenschaftlichen und sozialen Umfeld der Berufsgruppe sowie bewährte Kontakte zu regionalen Praxispartnern bilden hervorragende Voraussetzungen für die Weiterentwicklung einer qualitativ hochwertigen Hebammenausbildung“, heben beide Professorinnen hervor. Dazu gehöre unter anderem auch eine Mitwirkung in überregionalen Netzwerken wie dem landesweiten Aktionsbündnis „Gesundheit rund um die Geburt“ in Niedersachsen.

Damit setzt die Hochschule Osnabrück ihr Engagement im Bereich der Hebammenausbildung fort, das mit der Etablierung des bundesweit ersten Studiengangs für Hebammen bereits im Jahr 2008 begonnen hat. Sie erweitert und ergänzt ihren Bildungsauftrag und unterstreicht ihre Bedeutung als Wegbereiterin für die junge Fachdisziplin Hebammenwissenschaft.

So konnten in der Vergangenheit bereits mehrere Professuren mit Wissenschaftlerinnen besetzt werden, die durch die erfolgreiche Kooperation der Hochschule Osnabrück und der Universität Witten/Herdecke qualifiziert wurden. „Gestärkt wird damit ein Gesundheitsfachberuf mit sehr hoher gesellschaftlicher Bedeutung, der die gesundheitliche Versorgung von Frauen und Familien während der Schwangerschaft, der Geburt und der frühen Elternzeit gewährleistet“, so zu Sayn-Wittgenstein. „Die geburtshilfliche Versorgung nimmt nach Ergebnissen der Forschung auch Einfluss auf den Verlauf des Lebens.“

Der neue Studiengang leistet damit einen spezifischen Beitrag zur Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte im Gesundheitsbereich. Unter anderem werden neue Fachkräfte in einer angestrebten Kooperation mit regionalen Praxisstätten für die Region ausgebildet. Damit reagiert die Hochschule auf die lokalen Bedarfe in der Gesundheitsversorgung und trägt langfristig zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen, flächendeckenden geburtshilflichen Versorgung in der Region bei. „Dieses Anliegen verfolgt die Hochschule auch als Teil des Gesundheitscampus Osnabrück“, hebt Prof. Dr. Andrea Braun von Reinersdorff hervor, Dekanin der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Vizepräsidentin der Hochschule.

Die Akademisierung allein sei allerdings kein Allheilmittel, sagt Minister Björn Thümler. „Wir müssen uns ebenso um gute Arbeitsbedingungen kümmern, die zum Beispiel der Vereinbarkeit von Familie und Beruf Rechnung tragen.“