Noten und Neuronen: Wie Musik kognitive Prozesse beeinflusst
Ein Forschungsansatz: Führt das Instrumentaltraining zu einer erhöhten kognitiven Flexibilität?

Verbindungen zwischen musikalischen und kognitiven Fähigkeiten standen im Fokus einer bundesweiten Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), die sich im September 2019 zu ihrer 35. Jahrestagung erstmals an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) getroffen hat. Diese Forschungstradition, heißt es in einer Pressemitteilung der KU weiter, hatte in der Vergangenheit eine bildungspolitische Komponente, da es Versuche gab, Musik- oder Instrumentalunterricht aus einer damit verbundenen Intelligenzsteigerung zu legitimieren – bis hin zur steilen These, dass zehn Minuten Mozart am Tag die Intelligenz steigern sollen. „Gegenwärtig liegen Forschungsschwerpunkte auf einer genaueren Untersuchung der Frage, welche kognitiven Prozesse mit welcher Begründung durch welche Form des Musizierens beeinflusst werden könnten“, so die Professorin. Sie selbst untersuchte mit weiteren Kolleginnen, ob Instrumentaltraining zu einer erhöhten kognitiven Flexibilität führt, was bei musikspezifischen Aufgaben (z.B. Wechsel zwischen verschiedenen Notenschlüsseln), nicht aber unspezifischen Aufgaben (z.B. Beurteilung von Schriftarten oder -farben) der Fall war.

Die Musikpsychologie geht zum Beispiel auch der Frage nach, durch welche Mechanismen Musik bei Hörenden (und Musizierenden) Emotionen auslöst und ob diese Mechanismen den aus der Emotionspsychologie bekannten Modellen folgen? Welche sozialen Prozesse spielen beim Zusammenspiel beispielsweise in einer Band oder in einem Orchester eine Rolle? Und wie lässt sich musikalische Begabung beschreiben bezogen auf das Verhältnis zwischen angeborenen und erworbenen Einflussfaktoren? „Aufgrund des flüchtigen Mediums Musik ist bei der Datenerhebung eine besondere Kreativität gefragt. So wurden zum Beispiel Apps entwickelt, mit denen im Rahmen von Feldstudien das nebenbei stattfindende Musikhören im Alltag oder auch in Laborstudien die beim Hören von Musik auftretenden Gefühle kontinuierlich erhoben werden können“, erläutert Prof. Schlemmer.

Erkenntnisse führen zu therapeutischen und pädagogischen Anwendungen

Die von der Forschung bereits identifizierten Zusammenhänge zwischen musikalischen und kognitiven (Teil-)Fähigkeiten führen zu therapeutischen oder pädagogischen Anwendungen, die bei der Tagung vorgestellt wurden – wie etwa durch Musiktherapie bei Sprach- und Kommunikationsstörungen oder Musik als Teil der Behandlung von Parkinson-Patienten. Methodisch interessant war auch eine von Forschenden aus England vorgestellte Studie, in der Konzertpublikum mithilfe von automatischer Gesichtsanalyse dazu untersucht wurde, welche Emotionen sie in der Musik wahrgenommen haben.

Mit rund 280 Mitgliedern ist die DGM die größte Fachgesellschaft für Musikpsychologie. Gastgeberin Prof. Dr. Kathrin Schlemmer (Inhaberin der Professur für Musikwissenschaft an der KU) erklärt: „Musikpsychologie ist ein interdisziplinäres Fach an der Schnittstelle zwischen Musikwissenschaft und Psychologie. Dabei untersuchen die Forschenden sämtliche psychologischen Prozesse, die mit dem Musizieren und Musikhören in Verbindung stehen.“