»Erst die sorgenlos in die Zukunft blickende Frau wird nicht unbedacht eine Ehe eingehen«
Zur Geschichte des Berufswahlrechts

Die Frauen drängten seit dem 18. Jahrhundert, angestoßen durch die Ideen der Aufklärung, zunehmend in die Berufswelt. Auch die Universitäten öffneten sich schrittweise für sie. Von Dorothea Erxleben aus Quedlinburg, die 1754 als erste Frau in deutschen Staaten promoviert wurde, war es jedoch ein weiter Weg zum freien Hochschulstudium für Frauen. Von 100 Hochschulprofessoren und Fachlehrern, die Ende des 19. Jahrhunderts zur Frage des Frauenstudiums gutachterlich Stellung nahmen, sprach sich die Hälfte – zum Teil entschieden – dagegen aus (siehe: Arthur Kirchhoff, Die akademische Frau, 1897).

Im Handwerk, im Handel und in der Industrie wurde die Mitarbeit von Frauen mehr und mehr üblich. Im Jahr 1901 schrieb Wolf Graf Baudissin in "Spemanns goldenes Buch der Sitte" (Berlin/Stuttgart 1901): »Heutzutage sind eigentlich nur noch die Töchter der ›oberen Zehntausend‹ unthätig zu Hause, d.h. ohne direkten Versuch, Geld zu erwerben; denn auch in sie ist der Wunsch gefahren, ›selbständig‹ zu werden und irgend etwas zu lernen, was sie im Notfall einst befähigen könnte, sich selbst ihr Brot zu verdienen. Sie sehen rings um sich den Wandel, das Auf und Ab in allen gesellschaftlichen Sphären und in der Erkenntnis, daß auch für sie einst die Stunde des ›Muß‹ schlagen könnte, bilden sie ihre kleinen Talente aus oder suchen sich tiefere Bildung anzueignen. Diese Bestrebungen sind nur zu unterstützen. Erst die sorgenlos oder doch ruhig in die Zukunft blickende Frau wird nicht unbedacht oder leichtsinnig eine Ehe eingehen, nur »um versorgt zu sein«.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Frau mehr denn je als Arbeitskraft gefragt. Liese Thurmann-Herrmann, Leiterin der Groß-Berliner Auskunftsstelle für Frauenberufe, äußerte sich dazu in der Zeitschrift Die Lehrerin (Heft 1/1915: Die Wirkungen des Krieges auf die höheren Frauenberufe): »Jetzt aber – nachdem schon mehr als ein Jahr seit dem Kriegsausbruch verflossen ist – können wir sagen, daß sich auch auf dem Gebiet der Frauenberufe der Krieg als Neuerer, als Vater aller Dinge erwiesen hat!«

Die Frauenrechtlerin und Lehrerin Gertrud Bäumer (Die Bedeutung der Berufswahl. Eine Jugendansprache) schrieb in der gleichen Publikation: »Wenn uns die Kriegszeit irgend etwas gezeigt hat, so hat sie uns gezeigt, daß nur die Menschen, die wirklich etwas Positives, d.h. Fachmäßiges, gelernt hatten, zu etwas zu brauchen waren. Wir haben an Tausenden von Frauen den heißen Wunsch und das tiefe Bedürfnis erlebt, irgendwo sich einstellen zu lassen und irgendwo mitzuhelfen. Und wir haben erlebt, daß man sie nicht verwenden konnte, weil sie nichts fachmäßig und vernünftig gelernt hatten.«