Studie der Wirtschaftskammer Wien zeigt: Betriebe suchen 12.400 Techniker
Bildungsbedarfsanalyse untermauert anhaltend großen Bedarf an Technikern

 

Fundiert ausgebildete Mitarbeiter sind und bleiben für Wiens Wirtschaft ein zentraler Erfolgsfaktor. „Wer über eine solide Ausbildung verfügt, findet auch künftig gute Karrierechancen in den Wiener Unternehmen vor“, sagte Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer (WK) Wien, als Resümee der Bildungsbedarfsanalyse 2019. Makam Research hat dafür 1.000 der größten Wiener Unternehmen mit 65.000 Mitarbeitern (= 15 % der Wiener Arbeitnehmer) befragt, wie sie die Entwicklung der Nachfrage nach Absolventen der verschiedenen Schulformen einschätzen. Die WK Wien wiedereholt die Studie im Zweijahresrhythmus. Bei einem gemeinsamen Besuch mit Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky in der Vienna Business School Schönborngasse wurde sie im November 2019 präsentiert.

„Vor allem für Techniker bleiben die Berufsaussichten hervorragend“, fasste Ruck ein zentrales Ergebnis der Analyse zusammen. In den nächsten drei bis fünf Jahren suchen die Wiener Betriebe insgesamt 12.400 Techniker – und zwar aus allen Ausbildungswegen, Lehrlinge ebenso wie Absolventen von HTL, technischen Fachhochschulen und universitären Technik-Ausbildungen. An Absolventen von Fachhochschulen herrscht generell großes Interesse: Drei von zehn Betrieben wollen in den nächsten Jahren mehr davon beschäftigen.

Betriebe wünschen mehr Praxisbezug und Wirtschaftsnähe in der Ausbildung

In der Befragung wurden die Betriebe auch nach ihren Verbesserungswünschen an die Ausbildungseinrichtungen gefragt. Das Ergebnis: Die Betriebe wünschen sich mehr Praxisbezug und Wirtschaftsnähe in der Ausbildung – und zwar quer über alle Schul-und Hochschulausbildungen. Die Lehr- und Studienpläne müssen sich stärker an der Arbeits- und Lebenswelt orientieren, sagte Ruck dazu. „Nur so kann die Ausbildung in Schulen und Hochschulen mit den Anforderungen der Wirtschaft Schritt halten.“

„Die vorliegende Studie der Wirtschaftskammer Wien zeigt sehr deutlich, wo der Bedarf der Wiener Wirtschaft liegt: Sie wünschen mehr Technikerinnen und Techniker und vor allem mehr Schulen und Ausbildungsplätze mit Praxisbezug“, betonte Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky. „Dazu kommt, dass Wien eine wachsende Stadt ist: Wir haben allein in den letzten fünf Jahren 530 neue Klassen im Pflichtschulbereich geschaffen, jetzt braucht es auch neue Schul- und Ausbildungsplätze in Bundesschulen und zusätzliche Lehrstellen!“

Die Gruppe der 15- bis 19-Jährigen wird in den nächsten 15 Jahren in Wien um rund 10.000 Jugendliche wachsen. „Für diese Jugendlichen braucht es Ausbildungsplätze vor allem auch in berufsbildenden Schulen: Die letzte große Erweiterung einer HTL war vor knapp 20 Jahren die HTL Rennweg. Eine komplett neue HTL hat in Wien zuletzt vor über 30 Jahren in der Ungargasse eröffnet“. „Wenn Jugendliche keinen Schulplatz finden und keine am Arbeitsmarkt brauchbare Ausbildung machen können, führt der Weg direkt in eine steigende Jugendarbeitslosigkeit“, so Czernohorszky. „Von der neuen Bundesregierung wünsche ich mir deshalb mehr Investitionen in Schulen und Ausbildungsplätze!“

Ausbildungsreife der Schulabgänger sicherstellen

Die Lehrlingsausbildung ist und bleibt für die Wirtschaft eine wichtige Schiene, um qualifizierte Fachkräfte heranzubilden. Die Analyse zeigt aber auch, dass Betriebe immer wieder über das unzureichende Bildungsniveau der Bewerber klagen. Im letzten Jahr konnte ein Fünftel aller ausbildenden Betriebe nicht alle offenen Lehrstellen besetzen – hochgerechnet sind das bis zu 600 Lehrstellen. Ruck ortet Defizite bei den Grundkompetenzen und erneuert die Forderung, die Ausbildungsreife der Schulabgänger sicherzustellen. „In der Lehrausbildung kann nicht nachgeholt werden, was davor versäumt wurde“, so Ruck. Die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen sei ein gemeinsames Anliegen der Wirtschaft und der Stadt. „Positive Effekte aus der bestehenden Ausbildungspflicht müssen verstärkt werden“, betonte Czernohorszky. Denn einem Jugendlichen, der das Schulsystem ohne Ausbildung und gefestigte Grundkompetenzen verlässt, bleiben viele Türen verschlossen.

Arbeitswelt wird durch die Digitalisierung verändert

Auch die Auswirkungen der Digitalisierung wurden abgefragt. 86 % der Wiener Unternehmen fühlen sich davon betroffen - je größer, umso stärker. Hohen Einfluss erwarten sie von den Themen Informationsgenerierung, Datensicherheit und Digitalisierung der Arbeitsprozesse. Das wird auch zu Änderungen an die Anforderungen an die Mitarbeiterkompetenz führen. Die Betriebe sehen künftig vor allem die Bereitschaft der Mitarbeiter zur Weiterbildung, den Bereich Qualitätssicherung, die Kreativität der Mitarbeiter und ihr Umgang mit digitalen Werkzeugen gefordert. „Digitale Kompetenzen werden noch stärker zum Schlüsselfaktor. Deshalb ist es wichtig, dass die Vermittlung von E-Skills in allen Ausbildungswegen gestärkt wird“, betonte Ruck.

Die Ergebnisse der Bildungsbedarfsanalyse für die einzelnen Ausbildungen:

Lehre:

  • 27 % der derzeit ausbildenden Betriebe wollen in den kommenden drei bis fünf Jahren mehr Lehrlinge aufnehmen – in Summe bis zu 1.800 Lehrlinge. Gesucht wird vor allem in den Branchen Tourismus/Gastro, Handel, Bauwesen, Technik.
  • 53 % der Betriebe beklagen jedoch, das Bildungsniveau der Bewerber habe sich in den letzten Jahren verschlechtert. Rund 600 Lehrstellen konnten 2018 mangels qualifizierter Bewerber nicht besetzt werden.
  • Die Unternehmer wünschen sich deshalb mehr Berufsorientierung in allen Schulen, eine Imageverbesserung der Lehre, eine regelmäßige Evaluierung der Ausbildungsordnungen und die Einführung einer Bildungspflicht.

PTS/Polytechnische Schule/Fachmittelschule:

  • Die Schulform wird von der Wirtschaft kritisch gesehen: Zwei Drittel der Betriebe klagen über das schlechte Bildungsniveau der Absolventen.
  • 43 % der Betriebe würden für das 9. Schuljahr eine Kombination von Schul- und Berufsausbildung bevorzugen. Drei von zehn halten es für wichtig, dass die Schulpflicht erst endet, wenn Mindest-Bildungsziele erreicht worden sind.

BMS/Fachschulen:

  • Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe beschäftigt Absolventen dieser Schulform.
  • Die Nachfrage steigt moderat und etwas stärker nach Absolventen technischer als kaufmännischer BMS.
  • Verbesserungspotenzial sehen die Unternehmen in mehr Praxisbezug – auch der Lehrer - und einer besseren Schulung der sozialen Kompetenzen.

AHS/Allgemeinbildende Höhere Schulen:

  • Knapp zwei Drittel der befragten Betriebe beschäftigen AHS-Absolventen.
  • Ein Achtel will in den kommenden Jahren mehr davon aufnehmen.
  • Verbesserungswürdig ist die Schulung der Sozialkompetenzen, mehr Berufsorientierung und mehr Wirtschaftsnähe in den Lehrplänen.

HAK/Handelsakademien:

  • Vier von zehn der befragten Betriebe beschäftigen derzeit Absolventen.
  • Die Nachfrage wird um rund 10 % steigen.
  • Verbesserungspotenzial orten die Unternehmen in mehr Praxisbezug, auch in der ­­­Lehrerausbildung, und in einer Aktualisierung der Lehrpläne nach den Anforderungen der Wirtschaft.

HTl/HTBL – Höhere Technische Lehranstalten:

  • In 40 % der Betriebe arbeiten derzeit HTL-Absolventen.
  • Fast ein Viertel der Betriebe möchte in den nächsten drei bis fünf Jahren mehr HTL-Absolventen aufnehmen.
  • Ein Fünftel sieht derzeit ein zu geringes Angebot, vor allem in der Informationstechnologie, der Informatik und der Elektrotechnik.
  • 31 % der Betriebe sind mit der HTL in der jetzigen Form vollauf zufrieden – der höchste Zufriedenheitswert aller Schulformen.

FH/Fachhochschulen:

  • Knapp die Hälfte der Betriebe hat FH-Absolventen im Mitarbeiterstab.
  • 30 % davon rechnen mit einer Steigerung der Nachfrage - vor allem große Betriebe mit mehr als 250 Mitarbeitern. Banken/Versicherungen (50 %) und die Industrie (36 %) rechnen mit dem größten Zuwachs an FH-Absolventen.
  • Begehrt sind vor allem Absolventen der Ingenieurswissenschaften und Informatik.
  • Die Zufriedenheitswerte mit der FH-Ausbildung ist annähernd hoch wie bei den HTL (30 %).

Universitäten:

  • Sechs von zehn Unternehmen beschäftigen derzeit Universitätsabsolventen.
  • Gut ein Fünftel will künftig mehr davon beschäftigen.
  • Ein Unterangebot sehen die Betriebe vor allem bei Absolventen der Informatik und der Ingenieurswissenschaften (Technik).
  • Bei klassischen Wirtschaftswissenschaften sowie Geistes- und Kulturwissenschaften orten dagegen 42 % bzw. 24 % der Wiener Unternehmen ein Überangebot.
  • Eine praxisbezogenere Ausbildung der Studenten und der Unterrichtenden sowie bessere Schulung der Sozialkompetenz sind die Verbesserungswünsche der Wirtschaft an die Unis.

Download der Bildungsbedarfsanalyse