Theodor Fontane: "Ich will Schriftsteller werden"
„Was ich mache, soll ich gut machen“

Theodor Fontane (1819-1898) ist in die Arbeit vertieft. Er ist dabei einen Brief zu schreiben. Theodor Fontane (für sich)

Was ich mache, soll ich gut machen ... Es kommt nicht nur darauf an, konkrete Ziele vor Augen zu haben. In dem, was man anstrebt, soll man auch richtig gut werden.

Er bemerkt die Zuschauer

Guten Tag! Ich bin Theodor Fontane, Schriftsteller und gelernter Apotheker. Geboren in Neuruppin.

Er widmet sich wieder seinem Brief

Meine ersten Texte gefielen mir selbst nur für fünf Minuten.

Spätere Dichtungen, die ich einem Freund oder meiner Freundin zeigte, wurden zum Teil von diesen hart kritisiert. Ich merkte: An dieser Kritik kann ich wachsen, mich verbessern. Es ist aber nicht jedermanns Sache, kritisiert zu werden. Manches Wort der Kritik verletzte auch mich sehr.

Kürzlich machte ich mir einen Spaß daraus, an meinen Verleger zu schreiben: „Wenn du deine Meinung über meine Ballade nicht schleunigst änderst, bist du dir deines Lebens nicht mehr sicher.“

Manchmal, glaubt es mir, verbringe ich allein zwei Wochen damit zu, nach einem einzigen fehlenden Wort zu suchen. Ein gutes, ordentliches Werk zu schaffen, ist eine verdammt schwierige Aufgabe.

Die eine oder andere Niederlage hilft mir weiter. Aber natürlich freue ich mich, besonders nach großer Anstrengung, über Anerkennung und aufrichtiges Lob.

Er beendet seinen Brief und wendet sich ganz dem Publikum zu

Als ich sieben Jahre alt war, naschte ich zum ersten Mal vom Kuchen der Schriftstellerei. Von dieser Aufgabe eines Tages leben – das wäre mir damals noch nicht in den Sinn gekommen. 

Aus meiner Heimatstadt Neuruppin zogen die Eltern mit mir nach Swinemünde an die Ostsee. Das Meer vor der Haustür. Bücher von Mark Twain verschlang ich. Seine Helden Tom Sawyer und Hucklebery Finn waren auch meine. Ich entwickelte die Sehnsucht, hinter den Horizont zu schauen. 

Er steht auf und steigt auf die Kutsche

Am Strand der Ostsee stehend, überlegte ich, vielleicht war ich elf Jahre alt, Gelehrter zu werden. Geschichtsbücher zu verfassen – das konnte ich mir vorstellen. Bald war ich mir sicher: Ich will Schriftsteller werden.

Nicht die ferne Welt reizte mich. Nicht Oberflächliches. Ich interessierte mich mehr und mehr für die Menschen, mit denen wir uns täglich umgeben. Für Menschen, die früher bei uns lebten. In ihre Seele zu schauen – was für ein weites Feld! Wie Blinde mit den Fingerspitzen sehen können, will ich mich tief in Menschen hineinfühlen.

Er setzt sich in die Kutsche

Als ich zwölf Jahre alt war, schickten mich meine Eltern an eine Schule zurück nach Neuruppin. Ich sollte einen gymnasialen Schulabschluss machen. In eine fremde Familie wurde ich aufgenommen. Ich fühlte mich zum ersten Mal als „Wanderer“. Meine Geschwister und Freunde in Swinemünde lebten weit weg. Ich dachte von Heimwehschmerz erfüllt: Ich muss aus dem Paradies ausziehen.

Er steht auf und setzt sich wieder an sein Schreibpult

Meine innere Einsamkeit bewältigte ich durch das Schreiben von Gedichten und kurzen Erzählungen. Die meisten warf ich bald wieder weg.

Meine Eltern wollten von meiner Schriftsteller-Berufsidee auch gar nichts wissen.

Mit 15 Jahren wurde ich auf eine Gewerbeschule in Berlin geschickt, um eine schulische Ausbildung zu beginnen. Das gefiel mir gar nicht. Wenn eine Ausbildung, dann sollte es eine zum Apotheker sein. Ein Berufsweg, den auch mein Vater beschritten hat. Im Alter von 19 Jahren bestand ich die Apothekerprüfung.  

Er steht auf

Das Schreiben hatte mich aber längst gefesselt. Mit 19 erschien auch meine erste Novelle. „Geschwisterliebe“ nannte ich sie. Meinen eigenen Text in einer richtigen Zeitung abgedruckt zu sehen erfüllte mich mit unfassbarem Stolz!

Die Schriftstellerei hatte ich längst zu meinem wirklichen Lebensziel erklärt. Nur: Wie sollte ich davon leben? Deshalb gehe ich nun neben meiner Berufung dem Beruf des Apothekers nach. Ich hoffe, vom Schreiben eines Tages allein leben zu können. Mit 30 Jahren will ich das erreicht haben.Nur wie?

Zuerst habe ich gemerkt. Ich muss selbständig werden. Mir Ziele setzen, die meinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechen. Die Grundformel lautet: zuhören – unterscheiden – entscheiden. Gleich einem Starkregen prasseln auf unser aller Wegen Informationen auf uns nieder. Unaufhörlich. Eigne dir ein Gespür dafür an, das Dargebotene – ob schwarz-weiß oder bunt schillernd, krachend laut oder sanft leise – angemessen wahrzunehmen. Lies kritisch, was »in Stein gemeißelt« scheint, ob auf Papier geschrieben, oder online, ist egal. Erfahrung um Erfahrung erfasst du die Wirklichkeit differenzierter.

Sortiere das Gehörte, Gesehene und Gespürte und nimm dir dann für deine Entschlüsse Zeit. Lasse sie heranreifen. Führe Gespräche mit deinen Eltern; mit Freunden und mit Beratern. Der Dialog mit Menschen, die dich interessierende Berufe erlernen, studieren oder ausüben, bringt dich weit voran. Studiere über Praktika mehrere Berufswelten. Vielfältige Begabungen stecken in dir. Mehr als eine Aufgabe passt zu dir. Das erschwert die Suche nach »dem einen« Beruf.

Wenn du dir deiner Analyse sicher bist: Entscheide schnell, wenn sich günstige Gelegenheiten bieten. Oder warte solche ab.

Empfiehlt dir dein Kopf dieses, dein Herz jenes? Höre in solchen Momenten in dich hinein und vertraue auf dein Bauchgefühl. Es ist oft dem bloßen Verstand und dem reinen Herzen überlegen.

Was noch?

Ich muss mich anstrengen! Meine Kräfte auf ein begrenztes Betätigungsfeld fokussieren. Aber dieses mit Leidenschaft beackern. Es hilft nicht zu sagen: »Ich bin der Alleskönner!« Du wirst dem Anspruch nicht gerecht werden können. »Alles« könnte jeder von uns, wenn überhaupt, nur oberflächlich vollbringen.

Eine Erfahrung, die ich inzwischen gemacht habe, lautet: Die Menschen geben sich nicht mit einer passenden guten Leistung zufrieden.

Er steigt auf die Kutsche


Ob in der Apotheke oder bei meiner Schriftstellerei: Die Menschen wollen zu meinen Leistungen „hinaufschauen“. Etwas Prestige, Glanz, Ruhm, Größe gehört zum Rezept jeder Leistung, die wir auf Dauer gut vollbringen wollen, dazu.

Aber Vorsicht: Die Sehnsucht nach solcher „Größe“ ermuntert manche Menschen dazu, als Schaumschläger aufzutreten. Große Klappe, viel Wind, und nichts dahinter.

Manche berauschen sich auch an „großer“ Gewalt. Da halte ich es mit dem Philosophen Kant: „Alles Unglück dieser Welt kommt daher, dass man nicht versteht, ruhig in einem Zimmer zu sein!“

Er springt wieder von der Kutsche

Auf Sympathie kommt es auch an!

Ich frage mich: Wie kann der Mensch auf seiner Berufs- und Lebenswanderung letztlich zufrieden seine Ziele erreichen? Aufgrund meiner bisherigen Erfahrung denke ich: Der Mensch soll sympathisch auftreten. Was bei meinen Mitmenschen auf Sympathie trifft, kommt bei diesen an. Selbst Konkurrenten, die mich als sympathischen Menschen wahrnehmen, werden mir keine Fallen stellen.

Ich verstehe auch nicht, wie sich Männer ihre Frauen als Statussymbole in Unfreiheit halten. Die Frauen sollen gleichberechtigt in unserer Gesellschaft sein.

Äußere und innere Unfreiheit – das ist mir besonders unsympathisch. Vor allem will ich mir selbst gehören. Das ist doch der einzige begehrenswerte Lebens-Luxus!

Auf manche Menschen, die mir begegnen, habe ich den Satz gemünzt: „Wir sinken unter in der schweren Rüstung des eitlen Ichs, wenn uns der Finger Gottes nicht nach oben zieht.“

In diesem Sinne: Viel Erfolg!

 

Text/Szenenfolge: Felix Bold (unter Mitarbeit des IfT)

Ort der Aufführung: Neustadt (Dosse), Kutschenmuseum