Tangerhütte könnte wieder ein Zentrum für Unternehmungsgeist werden
Durch die altmärkische Kleinstadt weht ein frischer Wind / Unscheinbare Orte, markante Perspektiven

(hrs) Orte wie diese gibt es in allen Regionen: Bis vor kurzem war es fast eine Ruine – heute ist es ein Anfang zu neuem Aufbruch: das „Neue Schloss“ von Tangerhütte. Auf Initiative der Stadtverwaltung gelang es, mit Hilfe von privaten Spenden und Fördermitteln der EU dem prächtigen Palais inmitten des Schlossparks der altmärkischen Kleinstadt ein solides Dach zu verpassen. Für den jungen Bürgermeister Andreas Brohm ein erster Schritt zum Ziel, das seit vielen Jahren leerstehende Gebäude wieder sinnvollen Zwecken zuzuführen. Ein Café könnte im Erdgeschoss einziehen, ein Trauzimmer eingerichtet werden, Räume für Tagungen und viel mehr.

Junge, frische, mutige Ideen sind gefragt! Die Kommune geht dieser Tage mit weiterem gutem Beispiel voran: Allen Bürgern der 11.000-Einwohner-Stadt wird ein digitales „Bürger-Konto“ angeboten, über das sie den größten Teil des Dialogs mit der Verwaltung abwickeln können.

Mit viel Mut eines Unternehmers aus dem 50 Kilometer entfernten Magdeburg fing „alles“ mal an. Um das Jahr 1842. Damals führten 345 Bewohner eines Dorfes mit Namen Vaethen an der Stelle, wo heute Tangerhütte liegt, ein beschauliches Dasein. Dem Unternehmer wurde von Raseneisenerzfunden bei Vaethen berichtet. Es dauerte nicht lange, und der Grundstein für eine Eisenhütte mit Gießerei war gelegt. Aus dem unbekannten Dorf wurde bald eine namhafte Stadt. Der Existenzgründer hatte Erfolg. 30 Jahre nach dem Firmenstart war genügend Geld da für eine hochherrschaftliche Villa, heute das „Alte Schloss“ genannt. Die Hüttenbesitzerfamilie ließ auch Wohnungen für die Arbeiter bauen, legte einen großartigen Park an und investierte schließlich in das „Neue Schloss“, eine Firmen- und Privatadresse in königlichen Dimensionen.

Der Zweite Weltkrieg, die nachfolgende Enteignung der Inhaber, der Sozialismus, die "Wende" und insgesamt die sich verändernden Zeitläufte machten schrittweise vieles von dem zunichte, was in rund 100 Jahren aufgebaut worden war. Nicht alles: Die Tangerhütter Tradition der Eisengießerei wird von einer Gussfirma am Ort fortgeführt. Und die Bevölkerung hat heute auf vielfältige andere Art und Weise ein Auskommen.

Allerdings: Nach Ideen wird noch gesucht, die Tangerhütte von der dritten wieder in die zweite Reihe wirtschaftlich-sozial-kultureller Dynamik katapultieren. Historische Anknüpfungspunkte gibt es genug. Unter dem Dach eines gusseisernen Pavillons, in Tangerhütte einst für die Weltausstellung 1889 in Paris gefertigt, gaben sich damals der deutsche Kaiser, der Zar von Rußland und der Kaiser von Österreich die Hände. Das gute Stück steht seither im Tangerhütter Schlosspark. Hier wäre also ein Ort, an dem sich Mächtige von heute, vermutlich nicht gleich Merkel, Putin und Kurz, im freundschaftlichen Geiste von damals Gutes sagen könnten. Ein um zwei, drei Klassen geringeres Event könnte der Anfang zu angesehenen regelmäßigen Treffen am Flüsschen Tanger sein.

Vielleicht war 1889 in Paris Otto von Bismarck zugegen. Die Familie des Reichskanzlers stammt aus der Altmark und hat hier, auch auf Tangerhütter Gemeindegebiet, wieder Wurzeln geschlagen.

Zum Industrieerbe von Tangerhütte gehört eine große Ruine: das frühere Eisenhüttenwerk. Es wäre dumm, es dem Erdboden gleichzumachen. „Glück auf“ lesen Besucher auf der Giebelseite. „Glück auf Unternehmerstadt Tangerhütte“ – dieses Motto liegt hier in der Luft. Wer schnappt es auf und setzt es um? Wie für diesen Ort lassen sich ähnliche Perspektiven für viele andere vergleichbare Stätten entwickeln.