Werd doch, was Du willst! Aber guck vorher ein Tutorial
Holzhandwerk auf YouTube

 

(ps) YouTube bietet zu allen Themen des Lebens Videos. Von manchen kann man was lernen, manche sind nur Quatsch. Und manche bieten veritable Einblicke ins Berufsleben.

Es gehört zu den erfreulichen Seiten des Internets und der Plattformen wie Youtube, dass es ihnen gelingt, große Öffentlichkeiten für unterschiedlichste Themen zu begeistern. Seit einiger Zeit sind dabei auf Youtube Kanäle zum Holzhandwerk besonderes beliebt. Grund genug mal nachzusehen, was dort alles gemacht wird, und was davon neben Spaß auch Geld einbringen kann.

Die Kanäle sind so vielfältig wie die Menschen: Vom Restaurieren historischer Möbel bis zum Bau von Wandregalen, die zugleich eine Geheimtür zum Spitzboden des Hauses sind, findet sich alles. An vorderster Front in Deutschland steht Michael Truppe mit seinem Kanal „Let’s Bastel", der mehr als 250.000 Abonnenten hat. Sein erfolgreichstes Video wurde mehr als 2 Millionen Mal aufgerufen. Noch mehr Fans, aber auch viel mehr Chaos findet man bei Fynn Kliemann im „Kliemannsland", wo der Dilettantismus zur Kunstform erhoben ist.

Hunderttausende haben beispielsweise Matthias Burger dabei zugesehen, wie ein Fachwerkhaus restauriert wird, und Hunderttausende sehen Lothar Jansen-Greef mit „Tischlerarbeiten, Handwerk, Restaurierungen, Antiquitäten" die schönsten Dinge machen.

International sticht der Kanadier Matthias Wandel mit fast 1,6 Millionen Abonnenten hervor, der vom Adventskranzkerzenhalter bis zum Treppengeländer alles baut, sich aber besonders bei hölzernen Maschinen austobt. Oder April Wilkerson, die ebenso wie Matthias, vom Holzknopf bis zur Werkbank Videos für praktisch jedes Holzobjekt bereithält. Bei „Dashner Design & Restoration" kann man, wie die Videokommentare regelmäßig attestieren, dabei zusehen, wie „der Bob Ross der Möbelrestaurierung“ selbige in beruhigend kommentierten Videos aufarbeitet. Ein hipper russischer Polsterer zeigt auf den millionenfach aufgerufenen Videos seines Kanals „Chest’er", was man nicht alles mit Polstern nach Chesterfield-Art polstern kann. Dabei baut er natürlich die Möbel die zu polstern sind selber.

Was kann man lernen?

Viele dieser Dinge, die die Leute da aus Spaß in ihren Videos tun, sind - außer vielleicht bei Fynn Kliemann - neben guten Hobbys auch taugliche Berufe. Nun ist ein Hobby nicht das gleiche wie ein Beruf, und jeder gelernte Handwerker würde vermutlich nachdrücklich darauf bestehen, dass er oder sie nicht bastelt. Was kann man von „Let’s Bastel" & Co. also lernen?

Zunächst, noch vor allen konkreten Berufsüberlegungen, kann man bei all diesen Kanälen lernen, was man überhaupt alles machen kann. Die Tätigkeitsfelder und Spezialinteressen, die man dort findet, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Und dann kann man lernen, was man überhaupt alles machen muss: So erhält man einen Einblick in die Tätigkeiten, die einen im Beruf potenziell erwarten. Beispielsweise mag das Restaurieren historischer Möbel erstmal nach einer beschaulichen Arbeit klingen, aber auch ein Veganer muss schnell mit Fisch-, Knochen- oder Hautleim in Berührung kommen, was nun mal die historischen Leime sind.

Kreissägen sind wahnsinnig laut, Oberfräsen verursachen wahnsinnig viel Staub, z.B. Möbelbau erfordert hochkonzentriertes Fingerspitzengefühl, Zimmerei den Willen, auch mal die Axt zu schwingen. Wenn davon etwas abschreckt und man sich nicht denkt „Ich will auch!", dann kann man direkt weiterklicken und etwas anderes suchen.

Handarbeit oder Hightech?

Auch kann man die unterschiedlichsten Arbeitsstile beobachten und den persönlichen Neigungen anpassen. Mancher arbeitet gerne, wie der Begriff „Handwerk" ja nahelegt, mit den Händen und traditionellem Werkzeug. Da hört man dann das feine, helle Rauschen von scharfen Hobeln über Holz, das Klopfen des Holzhammers auf den Beitel und das Ratschen der Säge.

Anderswo sieht man technisch aufgerüstete Werkstätten, die fast Waffenlagern gleichen. Da gibt es dann Lasermessungen, eine andere elektrische Säge für jeden Schnitt und Quadratlochbohrer für alle Fälle.

Wenn man weiß, welche unterschiedlichen Wege es gibt, mit dem gleichen Werkstoff zu arbeiten, kann man sich auch bei der Bewerbung passende Betriebe aussuchen. Denn wie auf YouTube sind auch in der wirklichen Welt die Betriebe und deren Arbeitsweisen sehr unterschiedlich.

Welche Spezialisierungen gibt es?

Darüberhinaus kommt man auch auf Ideen, welche Spezialisierungen es eigentlich gibt. Ein Zimmerer muss ja nicht immer KVH und OSB-Platten aneinandernageln, sondern kann auch Fachwerkhäuser oder Treppen bauen. Oder man entdeckt die Künste der japanischen Zimmerer und Tischler und will das auch für den eigenen Beruf lernen. Ein Tischler kann, wie der Zimmerer auch, beispielsweise Restaurator werden, und viele Videos regen dazu an, selbst zu machen, was die Berufswelt „Produktdesign" nennen würde.

Man kann entdecken, dass professionelles Polstern eine faszinierende Tätigkeit ist oder sich fragen, warum man nicht eigentlich Flechtmeister für Rattan wird.

Welchen Beruf oder welche Spezialisierung es am Ende werden soll, kann YouTube natürlich nicht beantworten. Aber die Fragen, was man alles machen kann, was man dabei machen muss, und wie man es machen könnte, kann man dort beantworten. So ergeben sich aus diesem Unterhaltungsmedium tatsächlich handfeste Informationen darüber, was eigentlich dieser oder jener Beruf an Tätigkeiten mit sich bringt. Klug eingesetzt lassen sich entsprechende Betriebe finden, Praktika machen oder Alternativen suchen. Dann hat YouTube mal nicht nur Lebenszeit gekostet, sondern tatsächlich einen sinnvollen Nutzen.

Außer, man möchte am Ende Influencer werden. Aber das... ist ein Thema für ein anderes Mal.