Wirtschaftswissenschaften: Kurzer Eingangstest kann Studienerfolg im ersten Studienjahr vorhersagen
Ergebnisse des vom BMBF geförderten Projekts „WiWiSET“ liegen vor

 

Bereits ein simpler und kurzer Test kann den Studienerfolg innerhalb des ersten Studienjahres in den Wirtschaftswissenschaften zuverlässig vorhersagen – wesentlich besser als ein Intelligenztest oder die Abiturnote. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Das Forschungsprojekt ist der Frage nachgegangen, ob und wie sich der Studienerfolg in den Wirtschaftswissenschaften bereits zu Studienbeginn zuverlässig vorhersagen lässt. Hintergrund ist die hohe Anzahl an Studienabbrechern in diesem Fach.

Die Studie zeigt, dass ein kurzer Eingangstest die studienfachrelevanten Noten der Studierenden nach dem ersten Studienjahr mit großer Zuverlässigkeit vorhersagen kann. „Das heißt, wir könnten mit einem einfachen, freiwilligen Test die studienerfolgsrelevanten Eingangsvoraussetzungen von Studieninteressenten objektiv und valide erfassen“, berichten die Projektleiter der Studie, Prof. Dr. Olga Zlatkin-Troitschanskaia von der JGU und Prof. Dr. Hans Anand Pant von der HU.

Bundesweit beginnen jedes Jahr etwa 450.000 junge Menschen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Insgesamt bricht fast jeder Vierte das Studium ab, an einzelnen Standorten ist die Quote noch höher. Die Ursachen dafür liegen unter anderem in den vielfältigen Zugangsmöglichkeiten zum Studium einschließlich internationaler Mobilität und in den verschiedenen Bedingungen in den Bundesländern, auch im Schul- beziehungsweise Abiturbereich.

Bislang dient als Zulassungskriterium für ein Studium in den Wirtschaftswissenschaften die Abiturnote. Besondere Vorkenntnisse werden meist nicht gefordert. Hier setzte das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt „WiWiSET: Validierung eines Studieneingangstests in der Fachdomäne Wirtschaftswissenschaften“ an. Die Studie hat untersucht, ob ein standardisiertes Testverfahren mittels ausgewählter Aufgaben den Stand des wirtschaftswissenschaftlichen Vorwissens valide ermittelt und eine zuverlässige Prognose über den Studienerfolg erlaubt. Der eingesetzte „Test of Economic Literacy“ (TEL-IV) wurde in den USA entwickelt und auf den deutschen Hochschulkontext adaptiert (TEL-D). An insgesamt 41 Universitäten und Hochschulen in ganz Deutschland konnten knapp 4.000 Studierende der Wirtschaftswissenschaften für die Teilnahme an der repräsentativen Erhebung gewonnen werden. Im Verlauf von drei Jahren fanden zwei Erhebungsrunden statt, wobei die Studierenden zunächst vor Beginn des Studiums und dann am Ende des zweiten beziehungsweise zu Beginn des dritten Semesters befragt wurden.

Fachbezogenes Denken und Verständnis testen

Mit dem fachspezifischen Eingangstest TEL-D wurde ermittelt, ob die Studienanfänger*innen ein grundlegendes Verständnis von gesamt- und einzelwirtschaftlichen Zusammenhängen mitbringen, wie sie zum Beispiel in einer kaufmännischen Ausbildung oder einem Leistungskurs Wirtschaft erworben werden. „Dieser Test fokussiert nicht auf generelle kognitive Fähigkeiten, sondern auf das fachbezogene Denken und Verständnis, beispielsweise dem grundlegenden Konzept von Angebot und Nachfrage“, erklärt Olga Zlatkin-Troitschanskaia. Hans Anand Pant ergänzt: „Außerdem ist auch für ein erfolgreiches Studium der Wirtschaftswissenschaften viel mathematisches und statistisch-methodisches Verständnis nötig. Das wird häufig von den Studienanfängern und Studienanfängerinnen unterschätzt. Über 80 Prozent der Studierenden wissen nicht, was das wirtschaftswissenschaftliche Studium konkret bedeutet.“

Studieneingangstest TEL-D hat mehr Aussagekraft als Intelligenztest oder Abi-Note

Die Studie zeigt, dass der Studienerfolg über die Studiennoten nach dem ersten Studienjahr in allen fachlichen Studienmodulen signifikant vorhergesagt werden kann. Während der TEL-D in der Lage ist, die Studienleistungen zuverlässig zu prognostizieren und auch Studienabbrüche während des ersten Studienjahrs vorherzusagen, ist dies mit einem Intelligenztest, der zum Vergleich eingesetzt wurde, sowie nur mit der Abiturnote nicht möglich.

Die Projektleiter der Studie Zlatkin-Troitschanskaia und Pant betonen vor diesem Hintergrund, dass das Lernpotenzial und der Vorwissensstand der Studierenden viel stärker als bislang zu berücksichtigen sei, wenn man die hohen Studienmisserfolgsquoten reduzieren möchte. „Auffrischungs- oder Brückenkurse zu Studienbeginn sind leider oft nicht hilfreich“, so die Wirtschaftspädagogin Olga Zlatkin-Troitschanskaia. „Wie wir gesehen haben, kommt es bei der Studienvorbereitungsphase darauf an, welche Fähigkeiten die Studierenden mitbringen.“ Diese Fähigkeiten könnten mit einem fachspezifischen Studieneingangstest effektiv, kostengünstig und technisch einfach ermittelt werden. Der TEL-D etwa kann in der Kurzfassung in 10 Minuten, in der Langfassung in 25 bis 30 Minuten bearbeitet werden – und liefert eine viel bessere Prognose als die Hochschulzugangsberechtigung.

Weiterführende Informationen: https://www.wiwi-kompetenz.de/wiwiset-2016-2019/ - WiWiSet: Validierung eines Studieneingangstests in der Fachdomäne Wirtschaftswissenschaften