"Grandios scheitern" und "Glücklich werden" - zwei Seiten einer Medaille?
Jungunternehmer Jakob Klement: Aus dem Scheitern lernt man sehr viel

(hrs) Sind Bildungsabbruch-Erfahrungen hilfreich oder sollten sie unbedingt vermieden werden? Statistiken über die Studien- und Ausbildungsabbruchzahlen provozieren Bildungspolitiker zu Forderungen, hohe Quoten sollten drastisch gesenkt werden. Viele kreative Köpfe – von Erfindern über Unternehmer bis hin zu Psychologen – schütteln darüber etwas ihr Haupt, weil Erfahrungen des Scheiterns, des Abbruchs und Neuanfangs, des Hinfallens und Wiederaufstehens ständige Begleiter auf ihrem Bildungsweg sind.

„Geht alle nach Hause und fangt an, zu gründen.“

Jakob Klement (18) aus Hildesheim, den die „Bild“-Zeitung zu den „erfolgreichsten Jungunternehmern in Europa“ zählt, berichtete kürzlich vor Schülern auf einer vocatium-Ausbildungsmesse, er habe sich mit 16 Jahren selbstständig gemacht, nebenher aber weiter die Schule besucht: „Natürlich ist das keine Option, die Schule abzubrechen.“ Mit seiner ersten unternehmerischen Idee sei er jedoch bald „grandios gescheitert“. Klement fügte hinzu: „Es ist wichtig, Ideen, die man hat, einfach mal umzusetzen, auch wenn die anderen sagen: Das funktioniert nicht.“ Aus dem Scheitern habe er „sehr viel gelernt.“ Für ihn sei wichtig: „Es geht darum, Ideen und Konzepte mit den Mitteln zu verwirklichen, die einem zur Verfügung stehen.“ Er riet den Jugendlichen: „Geht alle nach Hause und fangt an, zu gründen.“

Mittelständler: Scheitern ist aus erfolgreicher Laufbahn nicht wegzudenken

Gustav Schütze, heute Inhaber eines mittelständischen Unternehmens mit über 200 Mitarbeitern in Berlin, hat mit 14 Jahren als mittelmäßiger Schüler die Hauptschule absolviert. Die erste Lehre, die er mit einem Betrieb vereinbart hatte, brach er nach 18 Monaten gezielt ab. „Diese Erfahrung", erinnert er sich gerne, "hat mich entscheidend voran gebracht.“ Beim zweiten Anlauf sei er plötzlich, vom ersten Tag an, unerwartet, der Beste in Ausbildung und Berufsschule gewesen und konnte diese Lehre um ein ganzes Jahr verkürzt mit Auszeichnung abschließen. „Mir wurde erstmals bewusst: Ich kann etwas“, sagt er. Mit 26 Jahren hatte er nicht nur den Berufsabschluss auch für seine erste Lehre in der Tasche, zudem zwei Jahre Berufserfahrung gesammelt, die Abiturprüfung bestanden, ein Universitätsstudium absolviert und dieses mit der Promotion gekrönt. „Erfahrungen des Scheiterns“, resümiert er, „wollen alle vermeiden, aber es sind die wichtigen Momente, die uns wirklich weiter bringen, die aus einer erfolgreichen Laufbahn gar nicht wegzudenken sind.“

38 % Ausbildungsabbruchquote bei Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss

Sorgenvoll heißt es auf der Homepage der deutschen Bundesagentur für Arbeit, an (potenzielle) Auszubildende gerichtet: „Während deiner Ausbildung kann es immer wieder zu Problemen kommen. Der Grund können schlechte Noten in der Berufsschule sein. Oder Ärger mit einem Vorgesetzten. Egal, woran es liegt: Du solltest deswegen nicht gleich deine Ausbildung abbrechen." Das Bundesinstitut für Berufsausbildung in Bonn relativiert die auf den ersten Blick zum Teil hohe Quote an Ausbildungsvertragslösungen (38 % bei Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss; bis zu über 50 % in einigen Branchen): „Nicht jede Vertragslösung ist ein Ausbildungsabbruch!“ Die Spitzenwerte weisen offensichtlich auf gravierende Probleme dieser und jener besonderen Art hin.

Abbrüche: "Wichtig ist es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen"

Krisen, ist immer wieder allgemein zu lesen und zu hören, sollen als Chance zur Veränderung wahrgenommen werden. Krisen würden die Menschen ein Stück näher heranführen an das persönliche Glück. Der junge Hamburger Psychologe Marvin Grabowski schreibt in seinem 2018 erschienenen Buch „Early Life Crisis“, ein Abbruch sei keine Schande: „Wichtig ist es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.“ Zu Fehlern urteilt er: „Sie sind menschlich und auch wichtig, um zu lernen.“ Grabowski denkt positiv: „Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine neue.“ Mit ähnlicher Überzeugung lebt Gustav Schütze und rät: „Falle mal etwas Schatten auf deinen Weg, musst du meist nur ein paar Schritte gehen, und du stehst wieder im Licht.“

Sollten Bildungsabbruch-Erfahrungen vermieden werden? Eine allgemeingültige Antwort scheint es auf diese Frage nicht zu geben. Gustav Schütze meint: "Wo ein Abbruch aufgrund klar unzutreffender Einschätzungen vermieden werden kann, sollte die Fortsetzung des eingeschlagenen Bildungsweges bestimmt versucht werden. Durchhaltevermögen ist sehr wichtig." Marvin Grabowski bricht aber auch eine Lanze für Abbrecher und redet sie direkt an: "Ein Abbruch ist kein leichter Schritt. Er erfordert vor allen Dingen eines: Mut. Mut für etwas (...) was mehr zu dir passt."