Wissenschaft und Politik

Nationaler Bildungsbericht 2024

Unterfinanziert und ungerecht

Der zehnte Nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ ist erschienen und zeichnet ein ernüchterndes Bild: zu wenig Fachkräfte, zu geringe Finanzierung, fehlende Chancengleichheit, immer mehr Schulabbrecher*innen. Ist das Bildungssystem noch zu retten?

 

(ps) Ende 2023 vermeldete das Statistische Bundesamt, dass inzwischen fast jede*r zehnte Schüler*in eine Privatschule besucht – eine Rekordzahl. Wer sich damals gefragt hat woran dies liegen mag, findet nun naheliegende Gründe im Nationalen Bildungsbericht. Das deutsche öffentliche Bildungssystem steht als Ganzes betrachtet offenbar kurz vor dem Kollaps. Jetzt, wo die noch in großer Zahl verbeamtete Boomer-Generation sich in die Rente verabschiedet, machen sich die Jahre, die Jahrzehnte des Sparens bemerkbar. Das System arbeite am Anschlag, so die Autor*innen.

Unterfinanziert

Das grundlegende Probleme ist die schlechte Finanzierung des Bildungssystems. Das schlägt sich in allgemein bekannten Problemen nieder: etwa der schlechte Zustand viele Schulgebäude, schlechte Ausstattung der Schulen und zu wenig Lehr- und Sozialkräfte. Zwar sind die Ausgaben für das Bildungssystem insgesamt gestiegen – in den vergangenen zehn Jahren um erstmal stattlich wirkende 46 Prozent auf 256 Mrd. Euro im Jahr 2022. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt allerdings war dies nur ein Anstieg von 0,2 Prozent. Bei weitem nicht ausreichend, um die sehr realen Probleme zu lösen.

Ungerecht

Wie auch andere Stellen wie die OECD schon seit vielen Jahren bemängeln, ist das deutsche Schulsystem zudem ungerecht: die soziale Herkunft der Schüler*innen, und nicht ihre eigenen Fähigkeiten, entscheiden allzu oft über den schulischen Erfolg oder Mißerfolg. Gerade „Kinder
aus Akademiker:innenfamilien sind unter Studienanfänger:innen stark überrepräsentiert (55 % im Vergleich zu 28 % in der altersgleichen Bevölkerung). Kinder, deren Eltern einen beruflichen Abschluss erworben haben, sind dagegen unter Studienanfänger:innen klar unterrepräsentiert“, heißt es in dem Bericht.

Steigende Abbrechendenquote

Laut Bericht hätten weiterhin über 52.000 Schüler*innen im Jahr 2022 keinen Abschluß geschafft und sodann die Schule verlassen. Das entspricht 6,9 Prozent der Altergruppe und bildet einen Anstieg um 1 Prozent innerhalb von zwei Jahren ab. Da in der Zahl keine Schüler*innen berücksichtigt sind, die während des laufenden Schuljahres die Schule verlassen, dürfte die reale Zahl noch höher liegen.

Personalmangel

Ein fundamentales Problem der Schulen ist die personelle Ausstattung. Der Lehrkräftemangel zeige sich laut Autor*innen u.a. auch daran, dass eine stark wachsende Zahl von Quereinsteigenden, also Menschen mit abgeschlossenem Studium aber ohne Lehramtsausbildung, eingestellt werden. Der Anteil der Quereinsteigenden liege inzwischen bei etwa 12 Prozent.

Zur Entschärfung der angespannten Lage könnte u.a. eine Erhöhung der Arbeitszeiten für Lehrkräfte darstellen, von denen viele keine volle Stelle haben. Hierzu wären etwa drei Viertel der Lehrkräfte durchaus bereit – allein die Politik ist nicht bereit, die nötigen Weichen zu stellen: Außer in Hamburg werden die Lehrkräfte nur nach Schulstunden bezahlt. Die Vor- und Nachbereitung, Konferenzen, Elternabende etc. werden dabei nicht erfasst und damit also nicht die reale Arbeitszeit der Lehrkräfte – trotz entsprechender Gerichtsurteile.

Perspektiven

Die Liste der Probleme in dem mehrere hundert Seiten umfassenden Bericht ließe sich fast beliebig fortsetzen. Erfreuliche Nachrichten kommen aus dem Bereich der KiTas: hier ist 2023 ein Höchststand an KiTas verzeichnet worden, und auch die Zahl der Fachkräfte steigt. Dennoch sei die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage weiterhin groß – zum Leidwesen der Bildungskarrieren der Kinder, die nachweislich besser sind, wenn sie vor der Grundschule eine KiTa besucht haben.

Insgesamt jedoch zeichnet der Bildungsbericht ein ernüchterndes Bild. Seitens der Politik werden nun zahlreiche Forderungen laut – es bleibt abzuwarten, ob darauf auch Taten folgen.


Der ganze Bericht „Bildung in Deutschland 2024“ ist als kostenfreie pdf hier zu finden:  www.bmbf.de/SharedDocs/Downloads/de/2024/biber_2024.html


Quellen:

Bundesministerium für Bildung und Forschung: „Nationaler Bildungsbericht erschienen“: www.bmbf.de/bmbf/shareddocs/kurzmeldungen/de/2024/06/bildungsbericht-2024.html

ARD: „Es fehlt an Personal und Geld“: www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/bildungsbericht-schulen-personal-100.html

ZDF: „Studie: Bildungssystem arbeitet am Anschlag“: www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/nationaler-bildungsbericht-probleme-schule-deutschland-100.html

Deutsches Schulportal: „Mehr Schulabbrecher und Fachkräftemangel“: deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/nationaler-bildungsbericht-mehr-schulabbrecher-und-fachkraeftemangel/

 

19.06.2024

Weitere interessante Artikel:
Abitur nach zwei Corona-Jahren Zuversicht überwiegt Mit dem Jahrgang '22 haben Abiturient*innen die Schule verlassen, deren Oberstufe die volle Breitseite der... weiterlesenMit dem Jahrgang '22 haben Abiturient*innen die Schule verlassen, deren Oberstufe die volle Breitseite der Corona-Maßnahmen getroffen hatte. Das Bildungs- und Gesundheitsunternehmen SRH hat nun die Ergebnisse einer vom Marktforschungsinstitut Management Consult durchgeführten repräsentativen Umfrage vorgelegt, die das Lebensgefühl und die Zukunftspläne der jungen Menschen beleuchtet.
Vor 200 Jahren: Vier Skandinavier bauten die preußische Marineausbildung auf Drei Dänen und ein Norweger waren die ersten Direktoren der ersten preußischen Navigationsschule (hrs) Die Ursprünge einer preußischen bewaffneten Marine gehen rund 350 Jahre in die Historie zurück. Eine kleine Zahl... weiterlesen(hrs) Die Ursprünge einer preußischen bewaffneten Marine gehen rund 350 Jahre in die Historie zurück. Eine kleine Zahl zunächst angemieteter Boote, die auf der Ostsee zur Abwehr von Schiffskaperungen eingesetzt wurden, erwarb 1684 der Große Kurfürst, der von einer größeren maritimen Flotte träumte. Seine Nachfahren hielten von solchen Ideen wenig und bevorzugten den Schutz der Küsten durch ausländische Kriegsschiffe.
Generation Z Teil 2: Was will „die Jugend von heute“? Die Generation Z betritt den Arbeitsmarkt, und mit ihr treffen neue Ansprüche und Erwartungshaltungen auf den selbigen.... weiterlesenDie Generation Z betritt den Arbeitsmarkt, und mit ihr treffen neue Ansprüche und Erwartungshaltungen auf den selbigen. Das wird nicht selten beklagt – doch es bietet auch neue Chancen für Unternehmen, sich auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren. Wir werfen einen Blick auf einige Forderungen der Generation Z an den Arbeitsmarkt.

Suchbörse

Praktikum, Ausbildung & Studium

Hier wirst du fündig!

Über die folgende Suchmaske kannst du Firmen, Fach- und Hochschulen sowie Institutionen finden, die Praktikums-, Gap-Year-, Ausbildungs- und Studienplätze anbieten. Auch einige Vereine und Initiativen sind verzeichnet, die soziale Praktika ermöglichen.